Full text: Lübeckische Blätter. 1996 (161)

Ver: Wag hin hat. ung . Ich e alg vohl SENn- ‘dete chen von ] Or- Luft Oden Inter Wur- aum. ichig f Ei SPät Vicht ausländer, ein Asiatensohn, ein Amu- Knabe, ein Chabire oder Ebräer, und der Verachtung. der er als solcher in diesem dünkelhaktesten aller erschaffe- nen Länder grundsätzlich anheimgege- hen war, muß man ins Auge sehen, be- vor man dazu übergeht, ihre Abschwä- chung. ja Aufhebung durch entgegen- stenende Einklüsse zu erläutern.“ pie hier erwähnte Abschwächung der verachtung war nicht nur Josephs Ver- dienst, sondern rührte mehr noch von jener altägyptischen Liberalität her, die Jen alltäglichen Fremdenhaß am Nlil- ufer däümpfkte: die dünkelhafte Groß- macht. der ringsum alle Völker dienst- bar und handelspflichtig waren, leistete sich nach Lust und Laune, das heißt in Grenzen Toleranz. Die unter den Pha- raonen entwickelte Lebensweise galt als überlegen und beispielhaft. Sich zi- vilisiert zu geben, gehörte, wenn auch nicht unangefochten, zum guten Ton. Und wie sich des Autors amerikanische Emigrantenerkahrung der fortschreiten- den Niederschrift, dem GroßBunterneh- men „Joseph und seine Brüder“ mitge- teilt haben mag, so brachte mir, dem leser an kremdem Ort, voraneilende r im | nisch as im t des tellj- SERO- dem k hu- ein“, das nicht mein r Kü. 18 Va- r nur iItsche ar mit N, ge- über- Jeiten ern in enden rkauft nend, selbst hr ihn stigte, | Iseits 2bt zu er war steht: n, und ; nicht genug. caukter ' 1996/11 Lektüre die indische, in Grenzen vor- herrschende Toleranz, aber auch den gchnittpunkt aller denkbaren Aggres- sionen, die Stadt Kalkutta, näher: das berstende Pflaster, die in Slums LE- pferchten Flüchtlinge aus Bangladesh, die aus den Staaten Orissa und Bihar der Not gehorchenden Zuwanderer, den noch vom gehäuften Müll zehrenden überlebenswillen, die brüchig werden- den Kastenzwänge. aber auch die so milde wie kalte Gleichgültigkeit der Brahmanen, den aut Messerschärfe LE- reizzen Streit zwischen Hindus und Moslems und das in Westbengalen re- gierende, streng den allzeit gefährdeten Religionsfrieden bewachende Links- bündnis. das von Kommunisten domi- niert wird. Zur Toleranz gezwungen le- ben sie nebeneinander und erinnern sich ungern einstiger und jüngster Gemetzel. Welch aufregendes Leseabenteuer! Vielfkenstrige Einblicke ins andauernde Zeitgeschehen. Lektüre, die dazu ein- lädt, vom Text abzuweichen und text- flichize Nebenhandlungen einzufä- deln. Denn sobald ich den Blick vom Satzspiegel löste, ging die Geschichte weiter, nistete sich die Legende in den Ruinen einst fürstlicher Paläste, in vik- torianischen Stuck herrischer Kolonial- zeit ein. Und schon vermischten sich die gestrengen Rituale des ägyptischen Oberpriesters Beknechons mit den hin- duistischen Opferbräuchen im Tempel der schwarzen. der schrecklichen GSöt- tin Kali. Schon suchte ich ihn inmitten Lübeckische Blätter 1996/11 der Pavement-dweller, der Straßen- schläfer, die selbst im Slum keinen Platz finden. Ich suchte nach einem Jo- seph, der dort in Lumpen und doch in ungebrochener Erwartung liegt: denn schon und plötzlich wird er von zwei Parteifunktionären zum Herrscher über Westbengalen. zum Uraltkommunisten Basu geführt, der überall in der Stadt nach einem Traumdeuter fahnden läßt, weil ihn marxistische Angstträume quä- len, die der kundigen Deutung bedür- ken. Sein Chefideologe, der sonst auf alles eine Antwort weiß., hat versagt. Eile ist geboten. : Und schon sah ich meinen bengalischen Joseph, der eigentlich kein Bengale, sondern ein Zugewanderter aus verkar- steter Bergregion war und zur Kaste der Kastenlosen, der Unberührbaren gehör- te, zu Füßen des Uraltkommunisten. Und er deutete Basus Traum. Das konn- te er immer schon: Träume deuten. Im Jahr 1986, als der Name Gor- batschow und die schillernden Begritke Glasnost und Perestroika bereits im Umlauk waren, sagte er, ohne Hokuspo- kus zu machen, eher kreiweg den Zerfall der Sowjetunion und die plötzliche Ver- einsamung des Kapitalismus voraus. Doch zugleich bot er in seinem präzisen Deutungen die kleinen Möglichkeiten und Tricks marxistischen Überlebens an, und Basu, der auch heutzutage und immer noch wie unangefochten West- bengalen regiert, folgte Josephs Traum- deutungen aufs Wort, damit. wie LE- schrieben steht, den mageren Jahren kette in Aussicht stünden. So - und einzig durch abschweifende Lektüre - übertrug sich mir Josephs Gabe, praxisbezogene Prognosen in die Welt zu setzen. Kaum mehr kann ein Buch erreichen. Es schickt des Lesers Phantasie auf Reise. Seine Offenheit über den Satzspiegel hinweg eröffnet Räume, die in des Buches Index nicht vermerkt sind. Es stiftet eine uferlose und in der Regel unveröffentlichte Lite- ratur. Mit Hilfe des Lesers eignet das Buch sich die Fremde an, indem es. wie in diesem Fall, des fremden Herrschers Träume kenntlich und nutzbar macht. Freilich muß ein Held wie Joseph ab- rufbar sein; dessen Fähigkeit, sich an- zupassen, ist beispielhaft und erlaubt ihm Auftritte in dieser und jener Ge- stalt. Indem wir den Bericht seiner Karriere lesen, sehen wir ihn von Stufe zu Stufe besser gewandet: der Fremde als Auf- steiger. Er. der sich seiner Verluste, was man allgemein Heimat. Familie. Stall- geruch, Nestwärme nennt, schmerzlich gewiß ist, hat, dank seiner neugierigen und am Neuen Halt suchenden Augen. den besseren Überblick. Er, in unserem Fall Joseph, ist an fremdem Ort nicht vom altfränkisch Hergebrachten be- schwert, kein Besitzdünkel hängt ihm als Klotz am Bein, und seinem Sinn für Komik kommt das Agypterland ..drol- lig“ vor. Lächelnd, weil aus Distanz. schaut er dem kindisch anmutenden Treiben am oberen und unteren Nil zu. Selbst unfrei fühlt er sich frei und weiß deshalb,. gut zu raten. Inm. dem Aufstei- ger, kommen die klügeren, wenngleich oft zu kühnen Ideen. Er faßt Gedanken. die der Zeit und ihren Nöten zwar ange- messen, aber dennoch, weil sich die je- weilige Gegenwart unheilbar nach- hinkt, um Meilenschritte voraus sind. Er, der fremde Aufsteiger, entpuppt sich als Nothelfer in katastrophaler Lage. Dieser Einsicht folgend. habe ich einige Jahre später meinen bengalischen Jo- seph, der als Traumdeuter bereits einige Verdienste zu verbuchen hatte, in eine Erzählung unter dem Titel „Unkenrufe“ verpflanzt. selbstverständlich samt Ortswechsel. In Danzig/Gdansk. mei- nem literarischen Fixpunkt, der speku- lativ genug ist. um jegliches Weltge- schehen zu bündeln, ist er dabei. alle innerstädtischen Verkehrsprobleme auf so leise wie revolutionäre Art zu lösen. Ihm gelingt es. die asiatische Fahrrad- rikscha zuerst in Gdansk, dann europa-, schließlich weltweit zu beheimaten und den chaosproduzierenden Autoverkehr auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Indem er. Werkhalle nach Werkhalle. die Rikschaproduktion ausbaut und - wie nebenbei - die berühmt-berüchtigte Lenin-Werft saniert. deckt er den wach- senden Bedarf an diesem so umwelt- freundlichen Verkehrsmittel. Er. der all- zeit fremde Aufsteiger, ist zwar den ortsansässigen Polen und den aus Grün- den der Pietät sowie aus Geschäftsgrün- den anreisenden Deutschen nicht recht geheuer, aber die Simplizität seiner die Stadt vom Lärm und Gestank befreien- den Findung überzeugt und wird schließlich beklatscht. Fremd bleibt er trotzdem. Mißtrauen umgibt ihn wie lä- stig stehender Geruch. Man fürchtet sich vor ihm. auch wenn man nicht weiß., warum. Mein Joseph. der die Fahrradrikscha zum zweiten Mal - und diesmal zum Wohl Europas - erfindet, heißt Chatter- jee und Subhas Chandra mit Vornamen. Niemand hat ihn in die Fremde ver- kauft. Sozusagen aus freien Stücken. oder weil es bei ihm zu Hause zu eng wurde. wanderte er aus. Er sieht sich als Vorbote. Viele. nicht nur seine Vettern. werden ihm folgen: der Überschuß aller am Rande lebenden Völker. Doch da er nicht mit leeren Händen. sondern reich an rettenden Ideen angereist kommt, 165
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