Full text: Lübeckische Blätter. 1995 (160)

ihn hinauszukommen. Vaget setzt sich the- senartig ab von der allgemeinen Auffas- sung., daß Thomas Mann als skeptischer Bewunderer W: agners immun gegen den Geist von Bayreuth sei, sich aufgeklärt, ironisch abwende. dem reinen ästhetischen Wagnerismus huldige. Er vertritt vielmehr die Auff: assung, die er im folgenden dar- legt, daß der Wagner- Kult des jungen Tho- mas Mann ung leich verwickelter sei. Franz Wilhelm Beidler. Enkel Richard Wagners, politisch unbelastet, trägt Tho- mas Mann - in der Endphase des Doktor Faustus - die Ehrenpräsidentschaft im Stiftungsrat für eine Neuorganisation der Bayreuther Festspiele an. Thomas Mann antwortet am 27.1.1947 hinhaltend. sagt nicht ab. Im Tagebuch vom 25.1.1947 g gibt er seinen widerstreitenden Empfindung Jen Ausdruck; ihn bewegt die Sorge um die politische Entwicklung wie die phantasti- sche Erfüllung eines Jugendtraums und einer Jugendliebe. Er will zunächst die Angelegenheit bei sich abklären. Die Erin- nerung an Lohengrin, die träumerischen Gedanken seiner Jugend bezieht er auf Bayreuth, nicht auf Wagner. Die Bayreuth-Komponente in Thomas Manns Wagnerismus Vaget stellte fest, daß Thomas Mann nur einmal, im August 1909. tatsächlich in Bayreuth war. Vordergründig waren die vielen Aufführungen sowie die Opernkest- spiele in München ausreichend. Hier gibt er sich rauschhaft der Wagner-Musik hin. insbesondere, als die Beziehung zu Paul Ehrenberg ihren Höhepunkt hatte. Homo- sexualität als geistige Lebensform findet im Wagnerismus ihren intellektuellen Ur- grund. Thomas Mann kannte wahrschein- lich Panizzas Bayreuth und die Homose- xualität. Eine nicht erfolgreiche Distan- zierung sucht Thomas Mann in seiner Auseinandersetzung mit Wagner im Tod in Venedig. Parsifal allerdings wurde nur in Bayreuth gegeben. Das erste Notizbuch spricht von „Bayreuther-Billette(n)“. Im Sommer 1902 will Thomas Mann nach Bayreuth. Während der Arbeit an Fioren- za schreibt er an Kurt Martens. ob Bay- reuth diesen nicht eingeschüchtert und seiner Kräfte beraubt habe. Gleichzeitig findet er nichts so stimulierend wie W: ag ners Musik. Im Sommer 1904 fällt ein anvisierter Bayreuth-Besuch durch K: atjas Ankunft aus. 1907, erst recht 1908 in der Auseinander- setzung mit Geist und Kunst., will Thomas Mann - inzwischen Familienvater - weg vom Neuromantischen. will von W: agner unabhängig werden, favorisiert die klassi- 294 steht Pate für Tnomas Manns Auffassung, man müsse erst Wagnerianer sein. um über sche Suche nach Repräsentanz. Mittler- weile empfindet er das Theater als unrein, sinnlich, eine Addition von Kunstformen: statt des grünen Hügels ist er auf dem Weg zu Goethe. Thomas Mann kommt als skep- tischer, zum Abschwören bereiter Mann am 4.8.1909 nach Bayreuth. Glauben wir dem von Vaget vorgestellten unveröffent- lichten Briek an Ewers aus dem Archiv der Hansestadt, war Thomas Mann begeistert. Statt „suggestivem Schwindel“ empfindet er die Musik als unwiderstehlich. von kurchtbarer Ausdruckskraft, den Gipkel der Modernität, Tristans Sehnsucht überbie- tend, fragt sich jedoch gleichzeitig: „Ob dieser Geist und Geschmack noch eine Zukunkt hat?“ Der nüchterne Kenner gibt - sO begeistert er ist - dem Parsifal keine Überlebenschancen. glaubt vielmehr, dals die jüngste Gener: ation mehr für Whitman als für Wagner schwärme. Ausdruck einer Art von Pe ndelbewegung im Denken Tho- mas Manns ist sein Brief vom September 1911 an Julius Bab, in dem er seine Angst vor der Bayreuther Orthodoxie formuliert: „Sollte nicht doch vielleicht jeder Deut- sche im Grunde seines Herzens wissen, daß Goethe ein unvergleichlich vereh- rungs- und vertrauenswürdiger Führer und Nationalheld ist, als dieser schnuptende Gnom aus Sachsen mit dem Bombentalent und dem schäbigen Charakter?“ Schon in diesem Brief artikuliert Thomas Mann sei- nen Rückzug auf den wahren Wagner ge- gen das Bayreuther Wesen, dessen Schwärmerei ihm unangenehm ist, und dessen eifrigste Anhänger ihm Banausen und Eikerer zu sein scheinen. Gegen diese Menagerie wie gegen die Meistersinger- Demagogie reklamiert er seinen Wagner für sich. Abgrenzung und Identifikation Die entscheidende Abgrenzung von Wag- ner erfolgt dann im gleichen Jahr am Lido. Sein Wagner-Essay stellt den wahren Wagnerin Frage, spielt die Karte der ästhe- tischen Moderne aus gegen dessen barock- kolossale Kunst. die die Schönheit im Rau- sche sucht. Eine neue Klassizität strebt er an, logisch, formvoll, klar, streng und hei- ter. Thomas Manns Wille. den Wagneris- mus hinter sich zu lassen. ist zeittypisch kür die Jahre 1910 - 1913. Die Neuklassik bricht sich spätestens 1905 in E. Ludwigs Wagner und die Entzauberten ihre Bahn wie bei Strauß. Bei Kriegsbeginn schlägt das Pendel zu- rück. Die rauschhafte Identifikation der Betrachtungen eines Unpolitischen dek- ken die Differenz zwischen Wagner und Bayreuth zu. wenn Wagner als Kronzeuge für die deutsche Kultur beschworen wird. Daß die Affekte für Wagner überästheti- scher Natur sind, zeigt nicht nur das Kapi- tel „Einkehr“. Der Geist des Lohengrin- Vorspiels wie die Trauermusik für Sieg- fried lassen Wagner für ihn im Krieg zur „Heimat meiner Seele“ ebenso werden wie er vom Wagner-Erlebnis seiner Ju- gend zehrt. Eine Vignette im Einkehr-Ka- pitel gäbe, so Vaget, gleichsam die Ur- Szene seiner Wagner-Begeisterung in nuce preis: Rom. Piazza Colonna. Ein rö- misches Munizipal-Orchester führt Wag- ners Totenklage auf Siegfried auf. Hz; Nothung- Motiv kührt zum Straßenkampt, in dem letztlich durch das „Triumphge- heul“ auch Oppositionelle überzeugt wer- den. Deutsche triumphieren international. Hier liegt die Quelle für nationale Gefüh- Ie. Die Genealogie seines Nationalismus findet sich in dieser Ur-Szene. Vaget zeigt im Detail die ideologische Befrachtung seines Wagner-Kultes, auch die Juden. keindschaft Wagners, die Thomas Mann für sich ins philosemitische übersetzt, läuft mit. War also doch mehr Bayreuth im krühen Thomas Mann als geahnt? Zwischen 1914 und 1918 nutzt Thomas Mann das Lohengrin- wie das Nothung- Motiv ebenso als Siegeszeichen im kultur- chauvinistischen Sinne wie Wilhelm Il und alle anderen. Hitler folgt ihm nach. Alle lasen Wagners Zeichen verkehrt, handelt es sich doch nicht um Siegeszeichen, son- dern um Symbole des Scheiterns. Hat nicht die Berufung Thomas Manns in den Be- trachtungen auf Wagner, die Siegeszuver- sicht eine unterschwellige Tendenz zum Untergang? Wie beim Nationalismus und Antisemitismus stimmt Thomas Manng Bild zum Beil mit Bayreuth überein. Es scheint nunmehr nicht besonders erstaun- lich, wenn der deutsche Bildungsbür Er nicht weiter ist als Thomas Mann. Von den Betrachtungen zur Rede von deutscher Republik zeigt Tnomas Mann in politischer Hinsicht eine flexible Kontinuität, keine Wende. Ab 1923/1924 kann man aber von Wende in Bezug auf Bayreuth sprechen. Schon im Juli 1923 hat er Hitlerund seine Bewegung bemerkt, wovon zum Beispiel der Kultur- briek an The Dial Kunde gibt. der München als „Stadt Hitlers“ kennzeichnet. was Mann unter anderem an der Vertreibung Walters klargeworden ist. Als Hitler sich im Sommer 1925 das erste Mal in Bz ayreuth aufhält. beginnt die Auseinandersetzung Thomas Manns, die mit der nationalen B kommunikation 1933 endet. Damit sei für die Anfrage von 1947 bezüg- lich der Ehrenpr üsicetuschatt, so Vaget abschließend, Thomas Manns frühe Oppo- sition von 1927 und 1933 verantwortlich. APH Lübeckische Blätter 1995/18 . Dol „Pie Dori phie che Herr Doc! Schi der I barb fruc] nich steht Im I hunc mit |] auk 1 katal Jung rom. Wei zehr Gor; jede Ges: Ihr bedr verh Der Wei die kem zum träg desk Frie der mac begt Mec Das Aue Dar Ihre be i: Tod klei bruc nen lieg Resi Läßt 1 seiner bleibt rat. Vi gen F sperrt nicht team Lübecki
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