Full text: Lübeckische Blätter. 1995 (160)

Manierismus wird diese Verweis-Sucht nicht weniger, sondern im Wortsinne „abwegiger“. Weshalb sollte aber aus- gerechnet der Lübecker Kauftmanns- stand - von anderen .Ständen“ einmal abgesehen! - sein Decorum ganz aut die „Schau des Jenseits“ ausrichten? Am Amsterdamer Rathaus beispielsweise wurde den Kaufleuten eine allegorische Warnung vor hochfkliegenden Plänen und eine tröstliche Versicherung gegen Schiffbruch zuteil (Beispiel bei E. H. Gombrich). Könnte das „kaufmänni- sche‘ Decorum nicht auch eine Art „Rückversicherung“ durch die vor Au- gen geführten tugendhaften „Wege des Lebens“ meinen? Die Frage nach Lübecker Programm-Er- findern, Auftraggebern und Ausführen- den stellt Gramatzki nicht. In der Re- naissance Italiens waren die Auftragge- ber reiche und gebildete .letterati“ die ihre gewünschten Programme den Künstlern sozusagen „in die Hand drückten“. Bialystocki zufolge waren diese Programme anfangs bewußt elitär, sie sollten sogar „geheim“ bleiben. Die Verfügbarkeit der Inhalte durch weit- verbreitete Vorlagen-Bücher mit ..ab- rufbaren“ Allegorien und Emblemen im nachfolgenden Manierismus könnte da- kür gesorgt haben, daß in Lübeck die ausführenden Maler die „Wissenden“ gewesen sind. Wer um 1600 eine neue Dornsen-Ausstattung wünschte. wird von den Handwerkern und „„Stubenma- lern“ Muster vorgelegt bekommen ha- ben, Bücher, Kupferstiche, Orna- ment-Tatfeln. Einziger Hinweis bei Gramatzki ist, daß der Lübecker Kauf- mann Wulff 10 Bücher besessen hat, darunter ein „Paradies-Gärtlein“. Gilt das als Beleg für die - notwendige - umfassende Bildung und Belesenheit der zu vermutenden Lübecker Auftrag- geber-Schicht? Um nicht falsch verstanden zu werden: Es gibt natürlich überhaupt keinen Zweikel an der weiten Verbreitung allegorischer und emblematischer Bild- formen an Lübecker Decken und Wän- den, und es ist ein großes Verdienst Gramatzkis, an diese Tatsache mit Nachdruck erinnert zu haben. Die Frage bleibt aber, ob das Paradies-Thema - das meines Erachtens nicht dem Raum, son- dern der einzelnen Bildfolge zugrunde liegt - nicht in erster Linie der Bewälti- gung von Zeitproblemen dient: Spiegelt das Paradies nicht ein Harmonie-Ideal wider, das „die Vision eines goldenen Zeitalters als Poesie der Hoffnung der eigenen Gegenwart entgegensetzen ließ“? (G. Kaufmann). Fraglich bleibt auch, ob rein antikische Bildfolgen wie die Metamorphosen Ovids (Alfstraße 38) zwangsläufig ..christlicht gelesen 156 werden und somit wieder zum „Para- dies“ führen sollten. Zweitkel auch gegenüber der Vereinnah- mung Ornaments für die ..Para- dies‘’-Theorie. „Renaissance“ war in Norddeutschland zunächst gleichbedeu- tend mit Ornament. Als ,. freie Erfin- dung“ überwucherte es quasi „alles“, besonders in der Redaktion des nieder- ländischen Florisstils in der 2. Hälfte des 16. Janrhunderts. Wenn Gramatzki das Ornament nun als Teil der „Paradies‘‘- Schau versteht, darf gefragt werden, wann und wodurch eine solch eingren- zende Sinn-Stiftung entstand und wo- durch die Inanspruchnahme für diese eine Bedeutung verbindlich wurde. Die vielbenutzte Groteske - Grotesken-Frie- se zum Beispiel in der „Weinstube“, in den Häusern Doktor-Julius-Leber-Stra- Be 58, Engelsgrube 47 und andere mehr - ist ja gerade „bedeutungsfrei“ im Sin- ne der Renaissance-Theorie: „Die rät- selhaften Darstellungen, die Monster und Fabelwesen der Groteske sind er- klärtermaßen das Produkt einer unver- antwortlichen Phantasie in Ferien“ (E. H. Gombrich ). Wer geflügelte Engel sieht - natürlich keine Eroten - und „Himmel“ denkt, müßte angesichts der Fratzen, Fischleiber, dicken Brüste und kotenden Gesäße sofort aut „Hölle“ kommen - aber ist das wirklich nötig? Man muß sich in Lübecks Kirchen-Or- gelprospekte in Sankt Ägidien und Sankt Jakobi, Gestühle daselbst, in den Museen und historischen Häusern ein- mal gezielt umsehen: die Abwesenheit eines „eindeutigen“ Inhalts läßt sich schnell erkennen, eher: das Vorhanden- sein einer undeutbaren Vieldeutigkeit. des Auch das symmetrische Rankenwerk - in Lübeck eigentlich ganz den Vorlagen des Westfalen Hinrich Aldegrever ver- pflichtet - wird ebenso wie das nieder- ländische - nicht-antikische - Beschlag- und Rollwerk durch Musterbücher in die Hansestadt gelangt sein, vermutlich auch durch die am Rathaus tätigen Bild- hauer der Coppens-Werkstatt. Die spä- ten, reichen Misch-Formen, etwa das „Lroteske Ohrmuschel-Rollwerk“ in der berühmten „Weinstube“ zeigen, daß sich in Lübeck doch eine gewisse Tradi- tion eines „Repräsentationsstils“ gebil- det hatte. Darüber erführe man gern mehr - eine ganze Reihe solch protzen- der Ausstattungen ist ja erhalten. Man gewinnt jedoch den Eindruck, daß Gramatzki geschnitzte Renaissance- Ornamente nur dann anführt, wenn sie dem ,„Paradies“-Thema dienlich sind. Zur Maureske. Der Autor bemüht hoch- interessante und komplizierte religions- und gesellschaftspolitische Argumente für die auffällige und seiner Meinung nach verspätete Lübecker Maures- ken-Blüte um 1600. Läßt sich nicht ebenso überzeugend vermuten, daß sie einem nachweisbaren Bau-Boom alsg Folge eines wirtschaftlichen Auf- schwungs verdankt sein könnte? Micha- el Scheftel gibt mit seinen Kon- junktur-Kurven dafür Belege. Denkbar erscheint mir auch, daß weniger die ver- gleichsweise unscheinbare Maureske, sondern eher die reich durchgebildeten - meistens imitierten - Kassetten-Decken Eindruck bei den Bauherren machten, die ranmende und wiederum .rrepräsen- | | tative“ Architektur also. Bemerkens- wert ist auch, daß in den Lübecker Mau- resken kaum formale Varianz erkennbar ist läßt das nicht auf einen eng begrenz- ten Ursprung, ein Vorbild oder eine Maler-Gruppe, schließen? Gramatzkis „Nachweis“ des der Mau- reske zugrundeliegenden Lilienkreuzes als „Symbol der Gnade ... Baum der Erkenntnis“ und so weiter überzeugt nicht recht: Galt die Maureske nicht als neutrales. zudem aus dem Islam über- nommenes Flächenmuster? Auch wenn die nach gegenwärtigem Kenntnisstand ältesten Lübecker Mauresken am Lett- ner der Ägidienkirche prangen, muß deshalb zwangsläufig aut eine christli- che Symbolik geschlossen werden? Damit tritt ein methodisches Problem zutage: Der Autor resümiert aus dem gegenwärtig bekannten Material rein statistisch das Überwiegen des einen, das seltene Vorkommmeen eines anderen Motivs und entwickelt daraus vielfältige Theorien. Doch was an Lübecker Male- rei und Ausstattungsresten bekannt ist, dürfte nur ein Bruchteil des ehemals vorhanden Gewesenen sein und in der Repräsentanz heute ein schiekes Bild abgeben. Die großkaufmännisch-pa- trizische Bebauung - das sogenannte „Gründerviertel‘. der MIarktbereich, Breite Straße, Sandstraße, Königstraße ~ ist 1942 verbrannt beziehungsweise vorher oder auch später durch zwile Bemühungen getilgt. Die im Sankt- Annen-Museum verwahrten Reste und die von der jüngeren Bauforschung er- brachten Befunde lassen bisher besten- falls vorsichtige Aussagen über Ent- wicklungslinien zu, sicher auch über zeittypische Moden - ich glaube doch, entgegen der ausdrücklichen Verwah- rung Gramatzkis, an regelrechte „Mo- den“ in Lübecks Dielen und Dornsen. Aber Daten für eine soziologisch und haustypologisch begründete Ausstat- tungsgeschichte liegen offenbar noch nicht ausreichend vor - alle Behauptun- gen müßte man noch mit „wohl“ und „vermutlich“ abfedern. So gibt auch Gramatzkis Beispiel der ,konservati- ven“ Lübecker Balkendecken zu denken Lübeckische Blätter 1995/10 als ob im 17. ler §ti bedeult stattun kannt ten, in um 15 Kassel Barocl Alfstri ße 23, Straße Erwäh „Zeitg derne‘ hok vo wulste aukgek mut, il Zu Gr kleine ]. Es f chung ganz i hunde giöser stellur 2. Dal Maler deutur die I. Untert rische Zeigen ge au mer“-] in seil solche z. Gr: drückl Wand- derts r dann Kriter in Al Gramit tersch nehme durch: der A wurde für de nur di äußert Eine ,. die nic her mi che - 4. 1 Haus- stellu1 gentli tur, ni halb Trepp Lübecki
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