Full text: Lübeckische Blätter. 1995 (160)

entwickelt hat. Als ein solches erwies sich das Gastspiel des britischen Royal Philharmonic Orchestra unter dem rus- sischen Dirigenten Yuri Temirkanov. Es spielte sinkonische Werke seiner Lands- leute Schostakowitsch und Tschaikow- ski. Mit dem Londoner Orchester hat man in England bewußt ein besonders leistungsfähiges Ensemble herangebil- det, das aufgrund günstiger Arbeitsbe- dingungen hervorragende Musiker aus Großbritannien anlockte und dadurch einen hohen Leistungsstand erreichte. Im Sinne dieser Voraussetzungen er- scheint eine Schirmherrschatt der engli- schen Königin angebracht. Die gespielten Werke waren gut geeig- net, die hohen Qualitäten des Orchesters exemplarisch herauszustellen: bei der Sinfonie von Schostakowitsch präziser Einsatz im ständigen Wechsel kleiner Formationen mit einzelnen Instrumen- ten, bei Tschaikowskis Sinfonie ein selbst bei rasanten Abläufen klangvoll strömendes Tutti von Streichern und Bläsern. Die schlanke, hochgewachsene Statur des Dirigenten brauchte mit ausladender Gestik ihrer geschmeidigen Armbewe- gungen nur die notwendigsten Finger- zeige zu geben. die oft nicht mehr als eine Deutung des Stimmungsgehaltes der Partitur aussagten und offensichtlich das Ergebnis penibler Vorbereitung oder gewisser Gastspiel-Routine waren, die vieles wie von selbst ablaufen ließ. Schostakowitsch schuf seine I. Sinfonie 1926, neun Jahre nach Prokokjews „Klassischer Sinfonie“. Dennoch kom- ponierte Schostakowitsch in klassisch- spätromantischer Tradition, doch voller Einfallsreichtum an Motorik und Gestik bis hin zu ironisch karikierender Aussa- ge! Dagegen erscheint Tschaikowskis 5. Sinfonie von I 888 als eine erzählende Programmusik mit klar erkennbarer Darstellung eines Menschenschicksals unter einem Leitthema, wie es schon Beethoven behandelt hat. Diese Unter- schiede beider Werke wurden bei ihrer Wiedergabe deutlich herausgestellt. Daß sich bei reinem Orchestereinsatz ohne Solistenkonzert vielfältige Chan- cen für das große Ensemble ergeben würden, war zu erwarten. Man wurde mit sonorem Tutti wie solistischen Pas- sagen nicht enttäuscht. Auk den Rängen und im Parkett waren viele Plätze freigeblieben; Grund für die Hamburger Konzertdirektion, den Zy- klus Pro Arte in der nächsten Saison nicht wieder einzurichten. Dabei wür- den wenige Konzerte dieser Art vollwer- tigen Ersatz für das Schleswig-Holstein Musik-Festival darstellen - wenn sie nicht gar so teuer wären. Hans Mlillies 142 Bachs Matthäus-Passion Nach Auskunft von Beteiligten hat es das noch nicht gegeben: Bachs gewalti- ge Passion nach dem Evangelisten Mat- thäus als „geistliche Oper“. In Sankt Aegidien konnte man das Novum erle- ben, an mehreren Abenden, jedesmal vor ausverkauftem Haus. Kirchenmusikdi- rektor Klaus Meyers und sein Regisseur Christoph Amrhein nennen in einem Gespräch für das Programmhett selber die Gründe, warum Bachs Werk keine Oper im eigentlichen Sinne ist. Die epi- schen Teile, insbesondere der Evangeli- stenbericht, aber auch die betrachtenden Ariosi und Arien mitfühlender Seelen, schließlich die kommentierenden Cho- räle der gläubigen Gemeinde, sprich der Zuhörer - dies alles hat in einer Oper keinen Platz. Aber was an Dramatik in dem Menschheitsdrama um den leiden- den Gottessohn steckt, genügte Meyers und Amrhein, um mit mehreren Chören, mit Musikern und Schauspielern eine szenische Aufführung zu wagen. Das vom Publikum gefeierte Ergebnis ist kein Passionsspiel à la Oberammergau, vielmenr eine Verdeutlichung von Aspekten des Leidens und Sterbens Jesu. Es ist auch die Geschichte der Jün- ger, insbesondere des Verräters Judas. Jünger, Pharisäer und Volk werden vom Lübecker Kammerchor und von Mitglie- dern des Bach-Chores dargestellt. Sie spielen auf einem großen Podium mit mehreren erhöhten Standorten für die Solisten. Der Bach-Chor steht in der nördlichen Kapelle. ebenso Orchester und Dirigent. Die Kanzel wird dem Evangelisten zugewiesen. Viele Szenen - Letztes Mahl, Gethsemane, Verrat, Gefangennahme, Verhör, Urteil - ge- winnen durch die Darstellung durchaus, werden quasi aus dem edlen Rahmen der Tradition herausgeholt und wieder in das Leben gestellt, dem sie entsprangen. Bei anderen Stellen kommen Fragen. Dadurch, daß Judas nicht mit einem Sän- ger,. sondern mit einem Schauspieler be- setzt ist, der natürlich beschäftigt wer- den will, verschieben sich die Akzente. Der ausstrahlungsstarke Peter Stemler macht Petrus (Horst D. Kasper) zur Randfigur. Um zu verstehen, warum Ju- das tanzt, springt, flirtet, muß man theo- logisch bewandert sein; sonst meint man, da freue sich einer, einen Freund umbringen zu helfen. Nachdem Judas sich erhängt hat, muß er sofort wieder auferstehen. Regisseur Amrhein schreibt ihm die Arie „Gebt mir meinen Jesus wieder“ zu, bei der sein Judas zu agieren hat. Zumindest hätte man hier Arie und vorangegangenes Rezitativ tauschen müssen, was an anderen Stel- len der Passion ebenso geschieht wie notwendige Striche angebracht werden, um das durch Spieleinlagen noch länger werdende Werk zeitlich nicht ausufern zu lassen. Für die Solisten scheint es eine Erleich- terung, mitten im Publikum zu singen. Sie sind dichter an den Zuhörern, brau- chen also nicht so viel Kraft. Die Rech- nung geht nicht immer auf, weil das Agieren akustisch tote Winkel schafft. Da Klaus Meyers quasi „hinter der Büh- ne“ dirigiert, ist die Feinabstimmung schwer. Peter Bartels gewann der Evan- gelistenpartie noch größere Dramatik ab als bei „konzertanter Aufführung“. Un- ter den Solisten ragte Christiane Hiemsch (Alt) mit herrlich gestalteten Arien heraus. Andreas Kruppa sang ei- nen würdigen, überzeugenden Jesus. Ilse-Christine Otto (Sopran) und Guido Weber (Baß) waren mit ansprechenden Mitteln voll präsent. Am Ende der von uns besuchten Aufführung herrschte nach dem packend vorgetragenen Schluß (Bach-Chor in der Kapelle, Kammerchor aut der Szene) Minuten lang ergriffenes Schweigen. Man hörte in der Stille sogar den Uhu draußen vom Turm ruken. Danach brach sich Beifall Bahn. Die Spannung war vorüber. Die Mitwirkenden klatschten sich gegensei- tig zu. Konrad Dittrich „Matthäus-Passion“ von Schütz Eine jahrzehntealte Tradition findet noch immer großen Zuspruch. Ein ,„vol- les Haus“ jedenfalls hatte Barbara Grus- nick, die im Dom eine Aufführung der „Matthäus-Passioo?. von Heinrich Schütz leitete. Die Schütz’ schen Passio- nen, die bei vielen im Ansehen etwas im Schatten der großen Geschwister von Johann Sebastian Bach stehen, wirken durch die Wiederholung jedoch nicht langweilig. Im Gegenteil. Erst bei mehr- fachem intensiven Hören entfalten sich die intimen Schönheiten des Werkes. Für den Lübecker Sing- und Spielkreis gehört das Werk quasi zum Repertoire, ist trotzdem jedesmal eine neue Heraus- forderung, denn ohne Stütze durch In- strumente - die mußten zu Schützens Zeiten in der Passion schweigen - be- steht natürlich ständig die Gefahr des Absackens. Barbara Grusnick hatte für dieses Jahr einen neuen Tenor engagiert. Achim Kleinlein sang den Evangelistenpart überzeugend, mit schlanker. frischer Stimme, flüssig in der Diktion, an dra- matischen Stellen mit der nötigen Em- phase. Einen starken Kontrast bildete der reife Baß von Klaus Fliegel mit den Jesus-Worten. Die Einwürfe von Jün- gern, Zeugen oder Mägden waren Mit- gliedern des engagiert mitgehenden Chores anvertraut. Konrad Dittrich Lübeckische Blätter 1995/9 The Unse! gen Konz Kong T u t Pucci Thea Die von F Thea Stral : §Schni GT |: Donn GT I GT I!! Die V ist vo beck Lübeck
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