Full text: Lübeckische Blätter. 1995 (160)

An dieser Stelle ist daher zu bedenken, daß auch die Kunst den alltäglichen Le- bensvollzug problematisiert. Sie deutet auf das, was über das Individuelle, Zweckgerichtete und Private hinaus- geht, sie deutet auf die Gesellschaft, die Natur, den Mitmenschen, die Geschich- te. Onne Fluchtbewegung zu sein, bringt sie unser meist doch ziemlich begrenztes Ich in allgemeinere Zusammenhänge der Welt. Mit meinen Anmerkungen zu den Bil- dern von Gunnar Kelm hotke ich, zum Ausdruck gebracht zu haben, daß Kunst keine Geschmacksache ist; sie ist etwas Maßgebendes und kann unter Umstän- den therapeutische Züge haben, ohne daß sie deshalb als „Heilmittel“ aufge- faßt werden sollte. Sie kann einem kran- ken Menschen in seiner nicht alltägli- chen Situation in diesem Hause dienlich sein, Leiden zu bewältigen, und dabei das Bleibende, also das Wesentliche der menschlichen Existenz zu finden helfen. Eine Initiative in Lübeck: Die Gesellschaft für Systemorientierte Medizin Es gibt heute ein Gebiet der Wissenschaft und der Praxis, des privaten und öffentlichen Lebens, in dem das Hergebrachte als das „gute Alte“ undiskutiert in Geltung ist. Krisenmanage- ment früherer Art greift nicht mehr in den internationalen Konkliktfeldern. die nationalen Probleme sind mit den tradi- tionellen Instrumenten nicht mehr zu lösen. Der einzelne erfährt sich als isoliert und ausgeliefert an Instanzen, die ihn nicht als Persönlichkeit ansprechen, sondern als funktionale Größe - er ist Konsument, Schulpflichtiger, Wähler, Er- werbsloser, Pflegefall. Krank ist jeder einmal, und damit gerät er in die Maschinerie des „Gesundheitswesens“, wird vom Beitragszahler zum Lei- stungsempfänger. Er erscheint zum Beispiel als Patient mit hilfreich sein. steht er etwas irritiert vor dem Arzt, der ihn nach oft nur kurzer Beratung freundlich verabschiedet - wag ihm am Herzen liegt, das weiß der Doktor dann nicht, er kann es auch nach so einer kurzen Befragung nicht wissen. Sicherlich ist dem Leser ebenso wie Arzt und Patient bewußt, daß der isolierte Umgang mit dem Krankheitssymptom anstatt mit dem kranken Menschen das Heil nicht sein kann. Deshalb bemüht sich eine Reihe von Medizinern darum, andere, neue Wege zu finden. In Lübeck ist es Dr. Erdmann Brunk, der in einer Initiative Wege und Betrachtungweisen verbindet, die Herzbeschwerden in einer Praxis, wandert durch eine Reihe von Behandlungszimmern und Apparaturen, Krankheit verwandelt sich in eine Datenansammlung. Mit der unsicheren Hoffnung, die verordneten Medikamente werden Mit dem Ziel. Krankheit realitätsgerecht zu verstehen, bemühen sich die Mitglie- der um wissenschaftlich fundierte, dem Systemdenken verpflichtete Konzepte. Unter Systemen werden offene, dynami- sche, selbstregulierende Ganzheiten (Holons) verstanden, die als Subsysteme übergeordnete Einheiten formieren, für die dieselben Gesetze gelten. Die ..Tei- le“ und das „Ganze“ sind dabei so auf- einander bezogen, daß „das Ganze mehr als die Summe seiner Teile“ repräsen- tiert. Dieser Satz des Aristoteles macht deut- lich. daß ganzheitliche Zusammenhänge zwischen dem Kosmos und den vielfälti- gen Lebensformen in alten Kulturen selbstverständlich waren. In unserer Zeit müht sich wissenschaftliche For- schung darum, diese Zusammenhänge fachübergreifend wieder ans Licht zu bringen und ihre Wirkungsweise zu be- schreiben. Einer der wichtigsten Repräsentanten der oben beschriebenen Modellvorstel- lung ist die Traditionelle Chinesische Medizin. Deren Jahrtausende alte wirk- same Prinzipien besser zu verstehen und mit moderner Naturwissenschaft zu ver- knüpfen, ist deshalb ein besonderes An- liegen unserer Gesellschaft. Nach einer häufig vertretenen Auffassung sollen Heilerfolge der Traditionellen Chinesi- schen Medizin auf Placeboefkfekten, Suggestion oder Kräften mystischen Ursprungs beruhen. Dementgegen läßt 122 und seine Ärztinnen. sich aber zeigen, daß die Traditionelle Chinesische Medizin sehr wohl , wis- senschaftlich“ ist: das an Phänomenen im Sinne Heideggers orientierte, der Sy- stemtheorie von Bertalanffys folgende Konzept einer systemorientierten Medi- zin erklärt deren Wirksamkeit. Im Vorfeld unserer Bemühungen um medizinische Modelle lag erst einmal die Notwendigkeit, zu erarbeiten, was unter den oft gebrauchten Begriffen wie . Krankheit“, „Gesundheit“ oder „Wis- senschaft“ inhaltlich zu verstehen ist, was letztlich das „Bild des Menschen“,, welches ja immer in der Beziehung zwi- schen Patient und Arzt eine große Rolle spielt, sei. Wir sprechen also von „Systemen“, wenn wir die Wechselwirkungen in der Natur oder das Leben des Menschen be- schreiben. Theoretische Grundlage für die Betrachtung von Systemen ist die allgemeine Systemtheorie (General Sy- stems Theory ), die Anfang unseres Jahr- hunderts von L. von Bertalanffy begrün- det wurde. Daraus entwickelte sich die sogenannte Chaosforschung: Komplexe dynamische Systeme und Chaostheorie sind zentrale Begriffe einer Welle, die die Wissenschaft seit gut 15 Jahren be- wegt. Ihre Sprache ist die fraktale Geo- metrie. Kraft und Kreativität zeichnen diese Forschung aus - sie gewinnt inter- disziplinär zunehmend an Bedeutung - besonders auch in der Medizin. Sie er- möglicht unter anderem, das „Wesen der vom Menschen ausgehen. 1991 gründete er die als gemeinnüt- zig anerkannte „Gesellschaft für Systemorientierte Medizin“. Sie hat ihren Sitz in Lübeck. Im foleenden beschreibt Dr. Erdmann Brunk Absicht unad Vorgehensweise der in der Gesellschaft vereinigten Ärzte und gesundheitlichen Störung“ systemisch zu erkennen. Systemdenken in der Me- dizin verlangt von Arzt und Patient lee. diglich die bewußte Wahrnehmung der Lebensgewohnheiten und -bedingungen und die Konzentration auf Körpersigna- le. die im Alltag bis dahin vielleicht - unter anderem weil nicht meßbar - unbe- achtet blieben. Arzt und Patient finden eine gemeinsa- me Sprache, werden bei gegenseitigem Vertrauen selbst zu einem partnerschaft- lichen System, wenn sie Körpersignale und Lebensbedingungen unvoreinge- nommen wahrnehmen. Im Verlauf der Therapie bemerkt der Patient oft, wie sich die Einstellung gegenüber dem ei- genen Körper verändert - die Selbsthei- lungskräfte werden spürbar, der sehr persönliche Weg zum gesunden Leben wird entdeckt, wird frei. Vor diesem Hintergrund rücken die wesentlichen Zusammenhänge des Kranken als Indi- viduum - von dem heutzutage ja viel die Rede ist - wieder in den Mittelpunkt der Medizin als einer Wissenschaft, die dem Menschen als Ganzem verpflichtet ist. Die in ihren Auswirkungen unselige, den Kranken in Einzeldisziplinen (Divi- duum) zerspaltende, überwiegend kau- salanalytische Blickrichtung wird nun durch jene Systembetrachtung komple- mentär er-,gänzt“. Befunde bleiben also im Blick - jedoch weitet sich das Verste- hen dadurch, daß dieselben rückbezogen werden auf das Ganze, wodurch sie ihre Lübeckische Blätter 1995/8 eigent selbst auch sonde oder . einen nutzel Patier für ,k syster hört 0 weise: wolle: nicht Methc henbli sellsc] ken ul keit - Mit d der M beck 1 Wisse richtu aus CI fend 2 in der gegret Lübeckis
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