Full text: Lübeckische Blätter. 1994 (159)

nahm sie mit Genugtuung zur Kenntnis und notierte im Tagebuch: „„Seine (Bor- geses) Entwicklung ist der meinen ver- wandt“ (2.7.1938). Beide lebten im Exil und wandelten dort ihre Einstellung von engagierten Patrioten zum öffentlichen Ankläger ihres Landes. Di Stefano stellte das komplizierte Ver- hältnis Borgeses zu Croce dar. Während Croce im Faschismus eine rückwärts gewandte und vorübergehende Epoche sah, war er für Borgese eine Weltgefahr. Er führe unweigerlich in den Krieg. Da- gegen müsse ein Bund der Solidarität der Völker errichtet werden. Thomas Mann, der die faschistische Gefahr in seiner Erzählung Mario und der Zaube- rer geschildert hat, konnte sich damit identifizieren. Allerdings verharmloste Borgese den Nationalsozialismus im Bestreben, die Gefährlichkeit des Duce zu akzentuieren: eine polemische Um- kehrung der damals gängigen Meinung. Er sah, daß in Amerika viele Mussolini bewunderten. Thomas wie auch schon Klaus Mann sahen in Borgeses Analysen eine Tendenz zur Simplifizierung. Im November 1939 heiratete der S7jährige Borgese in zweiter Ehe Elisabeth Mann. Fortan wurde in der Familie heftig dis- kutiert, was Thomas Mann mit unter- schiedlicher Distanz in seinen Tagebür- chern festhält. „Italienische Optik, furi- os behauptet“, so charakterisiert er die Rhetorik Borgeses. dessen Engagement und differente Meinung. Dem Engagement für eine neue Welt- ordnung. den dezidierten Urteilen und Aktionen Borgeses schließt sich Tho- mas Mann nur an, um quasi der Demo- kratie Tribut zu leisten. In Borgeses „City-ok-man-Projekt“ etwa sollten pro- minente Intellektuelle die Bedingungen für einen dauerhaften Weltfrieden erör- tern. Das Ergebnis, ein Manikest, feiert die Demokratie als Garanten des Frie- dens. Borgese engagierte sich auch literarisch. Er schrieb ein Werk über The March of Facism und reflektierte in Common Cause den Verlauf des Krieges: Hier untersucht er die historischen Voraus- setzungen des britischen und amerikani- schen Eingrikks. Zeitgleich begann Thomas Mann sein „Kriegsbuch“,. den Doktor Faustus. Dar- an wird einmal mehr die grundlegende Differenz beider deutlich: Borgese ist ein Spiegel dessen. was Thomas Mann fehlte. Unermüdlich arbeitete er an Ana- Iysen und Visionen zur Gestaltung der politischen Gegenwart. Thomas Mann schrieb mit dem Pessimismus eines an Schopenhauer geschulten Geistes: Zeit- blom widmet sich der Feststellung unse- rer Tragödie,. die Historie Deutschlands 300 wird mit dem Schicksal des Komponi- sten verklochten. Rein literarische Beziehungen gibt es kaum zwischen den beiden, Briefe und Gespräche sind von politischen Themen beherrscht. In Borgeses Werken lassen sich keine Einflüsse nachweisen; Tho- mas Mann kennt seine literarischen und literaturkritischen Schriften nicht. Er sah mit großer Distanz auf das welt- verbessernde Engagement des Künstlers - er fand, derlei habe etwas Plattitüden- haftes. Der Künstler verbessere die Welt aukf andere Weise. gk 4. Elisabeth Galvan, Rom: Italien und Italiener Elisabeth Galvan, Germanistin aus Rom, wandte sich dem Thema , Italien und Italiener“ zu. Sie näherte sich dem weitverzweigten Komplex des Südens, in dem sich Politisches und Persönliches mischt, und dessen literarische Aneig- nung beziehungsweise Transformation sich dialektisch auf Deutschland bezieht und symbolisch vonstatten geht, indem sie mosaikartig Brieke, Tagebücher und- soweiter auswertete. Im Juli 1895 steht die erste Italienreise mit dem Bruder an. Neben Rom geht es nach Palestrina, dem späteren Aufent- haltsort Adrians. Thomas Mann ist be- geistert. Er will 12 Novellen konzipieren oder kein Künstler mehr sein. In Mün- chen entsteht anschließend Der Wille zum Glück. Neapel und die Geschlechtlichkeit Die zweite Reise im Herbst 1896 geht von Venedig über Rom nach Neapel, dieser pöbelhaften, gleichwohl sinnli- chen Stadt von südlicher Schönheit, mit der interessanten Physiognomie, dieser „Mischungssensation aus Rom und Ori- ent“, in der ihm sein Leiden, wie er an Grautoff schreibt, zu Bewußtsein kommt: „Woran leide ich? An der Wis- senschaft ... Woran leide ich? An der Geschlechtlichkeit ... wird sie mich denn zu Grunde richten? Wie ich sie hasse, diese Wissenschaft ... Wie ich sie hasse, diese Geschlechtlichkeit, die al- les Schöne als ihre Folge und Wirkung kür sich in Anspruch nimmt! Ach, sie ist das Gift, das in aller Schönheitlauert! ... Wie komme ich von der Wissenschaft los? Durch die Religion? Wie komme ich von der Geschlechtlichkeit los? Durch Reisessen?“ Und weiter: „Und draußen auf dem Toledo! Wagen und Menschen ... Hier und da ... schlau zi- schende Händler, die einen auffordern, sie zu angeblich & sehr schönen Mäd- chen‘ zu begleiten, und nicht nur zu Mädchen ... Sie lassen nicht ab, sie ge- hen mit und preisen ihre Ware an, bis Jazzo von 1897 vertritt die melancho. . 930 v man grob wird. Sie wissen nicht, dag [ 2503 man beinahe entschlossen ist. nicht; en Betrac mehr als Reis zu essen, nur um von der ungeliebt Geschlechtlichkeit loszukommen!“ Dig zrücerlich Verschränkung von Schönheit und Sinn. unden. Tt lichkeit und gleichgeschlechtlicher Erg. E' die Sc! tik weist auk den Tonio von 1903 voray; Eoidene b: auk die bellezza der Mutter. E hi ¿trina wanl ruhig bei In Der Wille zum Glück taucht schon [M a gemischte Abstammung, die Vermi. .ch gegen schung von Norden und Süden auf, g, le zum Beispiel in Paolo Hofmann, dem|ldcrare Vorläufer Hans Castorps, und Thomzg; k! ist die Manns eigenes Dazwischenstehen ky]. . turell, politisch und sexuell. In Der Bg. +zan zs Die gemischte Abstammung lisch träumende Mutter die Kunst. der Florenza: strenge Vater die Politik. Der Helg pie Arbei meint, zwischen den Eltern wählen zu jerbunder müssen, zwischen dem Träumen und der [t auioff : Tat. Spätestens mit dem Tonio Kröger |jch Eines wiederholt sich das Thema: „Er lebte in Novembe! den großen Städten und im Süden“. Ty. und Wärn nio trägt mit dem Blut der Mutter die llibrecke Abenteuer das Fleisches ebenso in sich [hang zu E wie das Erbteil des Vaters, darunter zy hlonden f leiden, Ekel und Haß zu empfinden dola, den nach Reinheit zu lechzen: „So kam es ransponi nur dahin, daß er haltlos zwischen krag. [! in sen Extremen, zwischen eisiger Geistig. 's als keit und verzehrender Sinneneglut hin |; Man und hergeworken; unter Gewissensnöten [l Crescie ein erschöpfendes Leben führte, ein aus- f und § bündiges, ausschweifendes und außer- d faste ordentliches Leben, das er, Tonio Krö- . ger, im Grunde verabscheute. Welch Irr- f cs gang! dachte er zuweilen.“ ::; die F: Die bellezza !; Es besteht ein Zusammenhang - so Gal- k! flcu van - zwischen Tonios südländischer | hardt. In Mutter mit den schwarzen Haaren und Burckhar der Mandoline, ein wenig liederlich in Rede ihrer heiteren Gleichgültigkeit, wieder- hs: verheiratet mit einem italienischen Vir- [ tuosen, und Thomas Manns Mutter, die, kind Fic wie er Grautotk berichtet, auch als Wit- erscheint we dem Faschingstreiben nicht entsagt. Gewisse: Noch 1950 schreibt er an Agnes Meyer | henden J von den Kontakten zur Boheme nach der Aphrodit Übersiedlung nach München. Die eige- ne Reise in den Norden in Sachen Tonio Kröger bringt seine Bilanz zwischen auch die wild auk nordischem Temperament und südlicher fo Liederlichkeit, diese Mischung. ..die dem Nic außerordentliche Möglichkeiten und au- renz stel Berordentliche Gefahren in sich schloß“ ywiger b zwischen bürgerlichem Gewissen und Mann P zweifelhaftem Künstlertum. Thomas fragwür Mann steht dazwischen und grenzt sich | Die Ges gleichzeitig ab mittels des geographi- heit wer schen Symbols Italien: „Gott, gehen Sie doch mit Italien los! Italien ist mir bis Die Zwe zur Verachtung gleichgültig! Die bellez- Mit Gu za macht mich nervös“, heißt es im To- | Venedig nio Kröger. und nach dem Lebensabriß Lübeckisct m NO
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