Full text: Lübeckische Blätter. 1994 (159)

| Y lätter 1994/18 | stiftungsfest 1994 Zwei Häuser in der Glockengießerstraße gekauft | Jischrede des Direktors Prof. Hans-Helmke Goosmann ... Wie Sie von Herrn Dr. Kusserow bereits gehört haben - und vielleicht ist es Innen auch von der letzten Beratungs- versammlung noch im Gedächtnis Le- blieben: Wir haben zwei Häuser in der Glockengießerstraße gekauft, Nummer 46 und 48, über deren Geschichte - so- weit sie bekannt ist - ich jetzt einiges erzählen möchte. Zunächst eine Enttäuschung: Die Häu- ser haben nicht dem vergleichsweise frommen Gewerbe des Glockengielßens gedient, sondern waren beide Brau- häuser von Mitte des 14. bis Mitte oder Ende des 19. Jahrhunderts, also rund ein halbes Jahrtausend; übrigens nicht au- ßergewöhnlich, es gab hunderte Brau- häuser. Milch war nicht haltbar, also irank man Bier, sonst Wasser, wenn das Geld für das Bier nicht reichte. pie Regesten aus dem Oberstadtbuch beginnen etwa mit dem Jahr 1300. bis etwa 1450 in lateinischer, von da an in niederdeutscher Sprache. Demgemäß heilt es also beim Haus 46 (heutige Zäh- lung, damals gab es keine) ,.1299 Ber- nardus de Exen emit a procuratoribus Conradi Stalbeck domum sitam in platea campanariorum prope domum Henrici de Palingen“, zu deutsch ,1299 kauft Bernard von Exen von den Vormündern des Conrad Stalbeck ein Haus gelegen in der Straße der Glockengießer nahe dem Haus des Heinrich von Palingen.“ Die Lage wird also außer durch die Straße nur durch den Nachbarn bezeichnet. das reichte offenbar. Fürchten Sie nicht, daß ich Innen nun durch sieben Jahrhunderte die Besitz- wechsel erzähle ... Manches Haus wech- selte in einem Jahrhundert zehnmal den Besitzer, denn die Menschen wurden nicht alt. Nun noch ein Kuriosum zu diesem Haus. 1312 kauft der genannte Bernard von Exen von seiner Nachbarin ein Fleck- chen Erde, I 1 Fuß breit und 20 Fuß lang, also ungefähr 3.30 Meter auf 6,00 Meter. So genau war man damals! Vom Grundstück 48 ist als Besonderheit zu vermerken, daß es 1305 noch unge- teilt und anscheinend unbebaut mit den heutigen Grundstücken 50 bis 54 zusam- menhing und 1332 abgetrennt wird. Ei- gentlich ist es keine Besonderheit, denn | im 12. und 13. Jahrhundert waren diese | größeren Grundstücke eher der Normal- fall. DaB jedoch Johannes Greuer im I5. Jahrhundert das Haus über 40 Jahre be- sessen hat. ist eine bemerkenswerte Ausnahme.. Lübeckische Blätter 1994/18 Ein Wort zu den mittelalterlichen latei- nischen Wörtern, die sich in diesen Re- gesten finden: platea ist Straße, aber campanariorum wird man im lateini- schen Lexikon vergeblich suchen, cam- Pana ist die Glocke, die es in der Antike noch nicht gab, und riorum muß von rivus (Fluß) kommen, also wäre es die Straße der Glockenfließer. Läßt sich doleator (Böttcher) immerhin noch von dolium (Faß) herleiten. obwohl man zu- nächst an Schmerz denkt, so ist man beim braxator auf Kenner wie Frau Dr. Graßmann oder Herrn Dr. Hammel - Kiesow angewiesen. denn einen Brauer kannten die Römer nicht und die Italie- ner nennen ihn birraio. Bleibt noch dota- licium zu erwähnen: Der Brautschatz. Laudatio von Direktor Hans-Helmke Goosmann anläßlich der Verleihung der Denkmünze für den Verein „Konzertsaal für Lübeck“ an seinen Vor- sitzenden Dr. Walter Trautsch Der Verein „Konzertsaal für Lübeck“ ist vergleichsweise jung. blutjung sogar, da braucht man nicht einmal die Meßlatte unserer 205 Jahre anzulegen, wieviele 75-, 100- oder mehr-jährige Vereine gibt es in Lübeck. Aber welcher Verein kann sich rühmen, in seiner kurzen Geschichte von knapp I15 Jahren soviel bewirkt zu haben? Man sagt in solchen Fällen heutzutage leichthin ..auf die Beine stellen“; das wäre ohne Zweifel Hochstapelei. Und der Verein und sein rühriger Vorstand wußten von Anfang an, daß es nur auf die Wirkung vor allem in der Öffentlichkeit ankam. Hier gilt es zunächst. dem verstorbenen Charles Coleman zu gedenken, der als Herausgeber der Lübecker Nachrichten zusam- men mit Günter Zschacke die Spalten unserer einzigen Tageszeitung öffnete. Frau Ingeborg Sommer als damalige Stadtpräsidentin sorgte für den Widerhall in Bürgerschaft und Senat, Prof. Uwe Röhl für die unerläßliche Beteiligung des Norddeutschen Rundfunks und Herr Werner Busch für die Ordnung und ge- schickte Mehrung der Finanzen. Ja, und Herr Dr. Walter Trautsch? Wer ihn kennt, weiß warum er erster Vorsitzender war und ist. Und schließlich ist auch die mühsame Kleinarbeit zu erledigen, das Tagesgeschäft, dessen sich in den ersten Jahren Herr Hornecker annahm und seitdem Frau Schellenberg. Auch die Herren Zell und Wolter als frühere Vorstände dürfen nicht vergessen werden. Läßt man diese Personen - und ihre Funktionen - noch einmal Revue passieren. so kann man nur sagen: eine kompositorische Meisterleistung. Dieser Vorstand also sorgte zunächst einmal dafür, daß über eine Musikhalle gesprochen wurde ~ sogar ein Bundeskanzler beteiligte sich daran, zum Teil auf platt ! 1980 wurde der Verein gegründet. Nachdem die Hoffnung auf den Neubau eines Konzertsaales zerstoben war wegen anscheinender Unmöglichkeit. begnügte sich der Verein zähneknirschend mit dem Umbau der Stadthalle, schrieb einen Architektenwettbewerb aus mit beachtlichen Ergebnissen - wäre die Asbestver- seuchung schon bekannt gewesen., hätte man sich diesen teuren Umweg sparen können. Und dann kam - ich glaube es war ein halbes Jahr später, jedenfalls am I. April 1987 - kein Aprilscherz, sondern der deus ex macchina in Gestalt des damaligen Ministerpräsidenten und versüßte den Lübeckern die Erinnerung an den Verlust ihrer Selbständigkeit durch das 60-Millionen-Mark-Geschenk für den Neubau einer Musik- und Kongreßhalle. Die weitere Geschichte, so wechselvoll sie war. ist bekannt und vor kurzem bei der Eröffnung in allen Verzweigungen berichtet worden. Was aber hat nun der Verein mit seinen bedeutenden Geldmitteln bewirkt? Erstaunliches und vor allem Hörbares: Drei Konzertflügel. eine Orgel mit vierzehn Registern und, damit die Musik richtig beim Hörer ankommt. akusti- sche Verbesserungen der Bühnenrückwand. und damit Störendes von außen nicht ankommt, eine Verstärkung des Tonnendaches. Schließlich nicht zu vergessen die Plastik „Musik im Raum“ im Foyer und eine Verbesserung der Akustik im Orchesterprobenraum. Was nun jedoch höher zu bewerten ist. die anfangs genannte Verbreitung des Gedankens an eine neue Musikhalle in der Öffentlichkeit oder die eben ge- nannten Elemente des Hörens, das überlasse ich Ihnen. liebe Hörer. Für beides jedoch danken wir dem Verein „Konzertsaal für Lübeck“, seinem Vorstand und Innen, Herr Dr. Trautsch.
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