Full text: Lübeckische Blätter. 1994 (159)

us an; [homas Mann - Ein Leben in Bildern. Her- | ausgeseben von Hans Wysling und Yvonne schmidlin. Artemis und Winkler Verlag. | 1994. 4 °, 504 Seiten, 690 Abbildungen. 128, ab 1.1.1995, 148 Mark. | Pas Leben, das hier in Bildern, Texten und || Kommentaren nachgezeichnet wird. um- | | spannt die Zeit von 1875 bis 1955. Das heißt: | Thomas Mann erlebt die Gründerjahre, den wilhelminismus, den Ersten Weltkrieg, die | | Weimarer Republik, die Heraufkunft des Na- | tionalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg, | den Kalten Krieg. Das heißt auch: Er erlebt | drei Exilländer: Frankreich, die Schweiz und | amerika. Thomas Mann hatte Anlaß genug, | | Zeitgenosse zu sein, und er hat sich den „Forderungen des Tages“ nicht entzogen. | Paß es inm möglich war, bei aller Umgetrie- henheit ein Werk zu schaffen, das acht große | Romane und ein politisches Buch umfaßt, ist | ßeweis für die eiserne Disziplin und die nie erlanmende Schaffenskraft dieses Künstlers. I ßuddenbrooks, Königliche Hoheit, Zauber- | hers. Joseph und seine Brüder, Lotte in Wei- mar, Doktor Faustus, Der Erwählte, Be- || kenntnisse des Hochstaplers Felix Krull, | | dazu die Betrachtungen eines Unpolitischen: | das ist eine stolze Reihe. Kommen noch dazu | die Novellen, von denen einige, etwa Tonio | Kröger und der Tod in Venedig, zu Weltruhm gelangt sind. | Der vorliegende Band nimmt sich vor, die Verstrickung dieser Werke mit der Zeitge- | zchichte aufzuzeigen. Er will aber auch sicht- | bar machen, wie sich Erlebnis und Literatur bei Thomas Mann gegenseitig bedingen, wie | Erlebnis oder auch die Angst vor einem Er- | Jlebnis Dichtung werden kann, wie Dichtung | | das Erlebnis zum voraus prägt. Immer wieder hat Tnomas Mann in seinen Werken das The- ma der „Heimsuchung“ umkreist, am deut- Jichsten in der Aschenbach- und in der Mut- em-enet-Geschichte, die seine eigenen Ge- schichten sind oder hätten werden können. Daspielt sich hinter einer bürgerlich-konfor- men Fassade ein Kampf gegen Enthemmung und Hinfälligkeit ab, der in jedem Werk zur Zerreißprobe führt. Im Doktor Faustus wird die private Bedrohung mit der öffentlichen zusammengesehen; in Leverkühns Schicksal spiegeln sich Aufpeitschung und Zusam- menbruch des ganzen deutschen Volkes. Der vorliegende Band ist die erste umfassen- de Gesamtdarstellung von Thomas Manns Leben und Werk. Viele hundert Selbstzeug- nisse. zum Teil erstmals veröffentlichte Bil- | der, verbindende und deutende Herausgeber- | Kommentare rufen die Peripetien dieses Le- bens und der Geschichte seiner Zeit ins Le- hen zurück. Die großangelegte Einführung von Hans W ysling gibt einen Begriff von den menschlichen, künstlerischen und politi- | schen Problemen, die in diesem Schriftstel- lerleben zu bewältigen waren. aw V ter 1994/16 | Lübeckische Blätter 1994/16 Thomas Mann, Selbstkarikatur aus dem frühesten erhaltenen Brief an das Kindermädchen Frieda Hartenstein vom I4. 10. 1889 sich einbeziehen, immer machte er den Schmerz der Zeit zu seinem eigenen. Rede und Antwort, Bemühungen. Die Forderung des Tages, nur schon die Ti- tel seiner Essay-Bände drängen auf die Ablegung von Rechenschaft. In ihrer Gesamtheit ergeben seine Stellungnah- men und Rufe einen Chor zur Zeitge- schichte, wie er radikaler, besorgter, beschwörender nicht sein könnte. Von alledem sollte unser Band etwas mittei- len. Bilder allein genügen nicht; Texte müssen neben sie treten, Kommentare, Standortbestimmungen. Sie füllen einen guten Teil des Bandes und zeigen, daß Thomas Mann in allen Situationen zur Klärung der Epochen beigetragen hat, selbst dort, wo er irrte - ich denke an gewisse Stellen in den Betrachtungen eines Unpolitischen, des Buches, das 1918 herauskam. Thomas Manns Werke, seine Romane und Novellen, sind ins Historische ein- gebettet, werden durch es geprägt und prägen es ihrerseits. Die Buddenbrooks geben ein Stück décadence des 19. Jahr- hunderts, der Zauberberg analysiert die Zeit von 1913 bis 1924, der Doktor Faustus die Heraufkunft und das Ende des Dritten Reichs. Die Joseph-Tetralo- gie zielt aufs Menschheitliche; das glei- che tun der Goethe-Roman und Der Er- wählte. Die Frage ist, wie man Werke mit Bildern, Selbst- und Fremd-Kom- mentaren vorstellen kann. Im Falle des Zauberbergs zum Beispiel haben wir Nietzsches „Zauberberg“-Vorstellung in der Geburt der Tragödie mit Wagners Venusberg und Goethes Blocksberg zu- sammengeführt; im zweiten Teil des Zauberbergs dann, in Castorps Traum, zehrt Thomas Mann von Nietzsches dio- nysischer und apollinischer Welt, so wie sie später auch in Hauptmanns Griechi- schem Frühling und in Ludwig von Hof- manns Bildern geschildert worden ist. An solchen Zusammenstellungen läßt sich dann auch zeigen,. wie Thomas Manns kombinatorische Phantasie gear- beitet hat. Aber nicht nur Geschichtliches und Werkgeschichtliches sollte gezeigt wer- den. Wir wollten auch das Atmosphäri- sche sichtbar machen. In welchem Um- feld entstanden Thomas Manns Werke? Welches waren seine damaligen Kon- kurrenten, seine Bekannten und Helfer? Wie sehen die Schauplätze seines Le- bens aus. wie wirkte seine Familie auf ihn ein? Bilder. die das illustrieren kön- nen, sind in großer Zahl vorhanden. Auch Bilder von Thomas Mann selbst. Er hat zwar um seine Person keinen Bildkult entwickelt. wie etwa George; aber er hat sich den Photographen auch nicht entzogen. Sein Interesse und seine Freude an Selbstdarstellung lassen sich nicht übersehen. Die Kommentare des Herausgebers wa- ren kurz zu halten. Sie sollen die großen Zusammenhänge herausstellen. Bezüge zwischen Leben und Werk andeuten, Dokumente erläutern. Es geht darum, den Leser .„ins Bild zu setzen“. Ich danke zum Schluß dem Verlag. ins- besondere den Herren Ebner. Müller und Parietti für ihren Mut und ihre Hilfsbe- reitschaft. Ein solches Buch herauszuge- ben, ist heute ein verlegerisches Aben- teuer ersten Ranges. Ich danke sodann dem graphischen Gestalter, Heinz von Arx. dessen Fachverstand mich während der ganzen Arbeit des Auslegens - das dauerte vom November 1993 bis Ende Mai dieses Jahres - immer aufs neue überzeugt und erfreut hat. Ich danke auch Yvonne Schmidlin. die den Bilder- Dschungel durchforstet und geordnet, Legenden geschrieben und die nerven- beanspruchenden Verzeichnisse und Korrekturen mit unermüdlicher Energie bewältigt hat. Dazu war. wenn der Rand der Erschöpfung sich zeigte. manchmal so0o etwas wie Aschenbachs geballte Faust vonnöten.
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