Full text: Lübeckische Blätter. 1994 (159)

offenbar die Gestalt des Jesus. Einstein versetzt ihn in die Anfangsjahre der Re- publik von Weimar, zeigt ihn als radika- len Sozialschwärmer, als Freund der Armen. Unterdrückten, an die Kreuze der Zeit Geschlagenen. Der Erde Sinn kann nur der Mensch sein. und man ist Mensch, so weit man arm ist“ lautet sein Eingangsbekenntnis. Auf der Anklagebank sitzen die Indu- striellen. die Ausbeuter, die Mächtigen, die diesen Jesus im Namen des Kapitals umbringen. So weit, so einleuchtend. Reine Phantasie des Autors ist es, daß Paulus. der Spätbekehrte, Jesus ans Kreuz schwatzt. Die Paulusfigur, aus der Höhe des Westwerks der Kirche herab- steigend, wird als Vertreter der alten Kirche gesehen. Paulus drängt sogar aut schnellen Tod Jesu. Den Gekreuzigten kann der Apostel zum Gott hochpredi- gen, der lebende steht seiner eigenen Lehre im Wege. So eingleisig, so eindeutig ist das groß besetzte Stück allerdings nicht immer. Die expressionistische Dichtung mit ih- rer manchmal explodierenden Sprache bringt Kirche und Kommerz, Geschichte und Geschäfte durcheinander. Die Rei- chen. hinter Menschen- und Tiermasken verborgen, drängeln sich auf Golgatha. Andreas von Studnitz kommt das Ver- dienst zu, aus dem spröden Lese-Stück - der Text war als Buch gedacht, nicht als Bühnenmanuskcript - eine oft faszinie- rende Szenenfolge gemacht zu haben. Trotz einiger Spannungsabfälle verfol- gen die Zuschauer in ihrer Guckkasten- tribüne im Chor das Geschehen im gro- Ben Raum mit Interesse. Viele beein- druckende Szenen bleiben haften: die Massen unterm Kreuz, das bei Studnitz ein „spielerisches“ Rhönrad ist - be- klemmend, wie fröhlich Markus Scheu- mann. der sich als Johannes schwer tut, als Verurteiller mit dem Turngerät spielt -, die Leichenkarre mit dem erge- benen Schergen der Macht, das Gewim- mel der Fratzen, die Gruppe der Jünger, der dozierende Magister (Christian Schulz), der Hitlers Rassenideologie vorwegnimmt, die Filmerew an der Schädelstätte, der das Leid der Maria (Stephanie Eidt) zu menschlich er- scheint, die beiden StraßBenkehrerinnen (Dagmar Laurens, Hannelore Telloke), die sich über die Auferstehung streiten. Gut gezeichnet auch die beiden Protago- nisten. Sven Simon spielt den Jesus mit- leiderregend verlassen, der „anständi- gen Kleidung“ beraubt, bleich „wie das Leiden Christi“. In einer Szene rutscht „.der Kleine“ auf Knien an der Hand des übermächtigen Paulus von Rainer Lu- xem. Schlimmer kann man die Kirche nicht karikieren. Luxem gibt seinem Paulus oft den salbungsvollen Ton aal- 142 glatter Prediger. Einhellige Zustim- mung am Premierenabend. Man kann allerdings nicht genug betonen, wie sehr der Raum, wie stark Sankt Petri „mit- spielt“: mit dem Licht, das Säulen und Gewölbe färbt, mit der Musik, die die Halle füllt. Ob das Stück im „Stadtthea- ter-Guckkasten“ wirkt, bliebe abzuwar- ten. Größere Bühnen, die nach der Lü- becker Ankündigung die Urauffüh- rungsrechte erwerben wollten, winkten wieder ab. Ob es gar am Raum scheiter- te? Konrad Dittrich Musik Vogler-Quartett im Kolosseum beim Verein der Musikfreunde Einen appetitanregenden Vorge- schmack auf das Brahms-Festival der Musikhochschule bot das 7. Meister- konzert im Kolosseum. Dort stellte sich das von seinem hiesigen Debut her be- kannte und geschätzte Vogler-Quartett wieder vor. Es ist eine noch junge Grup- pe. die sich 1984 während ihrer Studien- zeit an Ostberlins Hochschule für Musik zusammenfand. Inzwischen hat sie Kar- riere gemacht. Für ihr Spiel beim Verein der Musikfreunde erhielt sie Verstär- kung durch die armenische Bratschistin Kim Kashkashian, die seit 1989 an der Freiburger Musikhochschule unterrich- tet. und durch den hier seit vielen Jahren bestens eingeführten Cellisten Bernard Greenhouse vom Beaux Arts Trio. Da- mit war die Voraussetzung geschaffen, zwei anspruchsvolle Kammermusiken in großer Besetzung zu musizieren, die nicht so oft zu hören sind: die Streich- sextette Nummer I1 und 2 von Johannes Brahms. Wohl mag die bunt zusammengestellte Vortragsfolge eines Solisten-Stars ein vielseitiges Bild von dessen Können vermitteln. An diesem Abend standen zwei Standardwerke auf dem Pro- gramm, die nicht nur für Kenner Brahmsscher Kammermusik von beson- derem Interesse waren, sondern auch für jeden Musikfreund. Denn mit dieser er- weiterten Besetzung war ein musikali- sches Ereignis bereits vorprogrammiert. Es machte Vergnügen, ihr zuzuhören und diese vorzügliche Mischung aus Alt und Jung beim Spiel zu beobachten: den Primarius Tim Vogler, der es aufgrund intensiver Vorbereitung seiner Mann- schaft nicht nötig hatte, besondere An- weisungen zu geben, und ganz frei wie improvisierend agierte, den 2. Geiger Frank Reinecke, der sich stellenweise ganz allein gegenüber der volltönenden Bratschen-Cello-Gruppe zu behaupten wußte, den Gast bei der Bratsche Kim Kashkashian, die sich bei ständigem Blickkontakt mit ihren Nachbarn dezent einfügte, den Bratschisten Stefan Ful - landt, der gewisse Vormachtstellun h nüßlich auskosten konnte, vor g î ] aber den Cellisten der Stammbesetz, | Stephan Forck, der technisch wie ton];l sensibel und nobel reagierte; schließj konnte noch Cellist Bernard Greenhg § die Erfahrung eines Altmeisters einbr, wiühlenst ri vorausn jung st gen. jeckten .; : .Jleine l Gegenüber dem sonoren Timbre , k . Bratschen und Celli wirkten die schz, Mlicha geschnittenen Konturen der hohen Q. gutes : gen anfangs etwas vordergründig, zu hereitu allgemein sehr intensive, fast zu korci. Vs te Tongebung angesagt war. Kein Wy t olie! der, wenn sich der Zusammenklan gnügen hung. orchestraler Wirkung dramatisch bal;| bk. ' dadurch aber auch besonders eindruch p. voll wirkte. Beim Scherzo des ert! fz hw Sextetts schien es kast, als wolle ' cyen Temperament der Spieler den M ger | I sprengen, doch vernachlässigte üh. gesisn: sprudelnde Spielfreude nie das Exzh. vorzüs Zusammenspiel, die vorzügliche Into, ies. [y tion oder fein abgestufte Dynamik, i pri sich allerdings meist im Tonstärkent, . reich eines Kammerorchesters beweg, t ' Pie Pirron de von hendig: ]em Te! vitätisc hochsc! nor VO Kein Zweifel: es handelte sich um ch Sternstunde der Kammermusik in erv terter Besetzung. die einen Voy, schmack gab auf zukünftige Meizt, konzerte des Vereins der Musikfreuy in Lübecks neuer Musik- und Kongr; halle. Hans Mill, „Die Schatzgräber“ im Großen ßj . 223 sensaal Aus ungehobenen Schätzen des My; archivs der Stadtbibliothek hat Prot. sor E. Barthel ein aufsehenerregen;; Werk ausgegraben. Der unbekannte], becker Komponist Karl Gramann (1z4 1897) muß ein außergewöhnliches 1. lent gewesen sein. Er studierte in Le zig und schlug sich später in Wien y; Dresden mehr schlecht als recht durch Leben. Resonanz scheint die Vielzy seiner Werke kaum gehabt zu hahy obwohl sich darunter Opern mit Ch, und großer Wagner-Besetzung befty den, die auch aufgeführt wurden. Gry manns Kompositionsstil muß aber K | nerzeit Aufsehen (oder Ablehnune hervorgerufen haben. Ausgehend y Schumannscher Liedromantik entyj kelte er inn mit Anklängen an Brahy und Liszt zu impressionistischer y spätromantischer Harmonik eines N chard Strauss und scheute sich nichty etwas „schrägen“ Stimmführungeny Modulationen, die an frühe Operett eines Gilbert oder Sullivan erinnern.] Grammann offensichtlich Kontakt j arrivierten Komponisten seiner Zeith te und Ende des vergangenen Jahrhy derts bereits Stilelemente von Strau E. —- Lübeckische Blätter 19% Lüheckis
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