Full text: Lübeckische Blätter. 1992 (157)

beider Autobahnen und so die Umklam- merung des Weltkulturerbes durch meh- rere breite Rennbahnen - soweit mochte nicht einmal die Industrie- und Handels- kammer als Interessenverband der Wirt- schaft genen. Waldsterben und Ozon- loch. Lärmbelästigung und Klimaverän- derung focht die gerade noch so eben über die Landesliste in den Bundestag Gerutschte nicht an: Freie Fahrt für freie Bürger. Der ausgreifkende Landschafts- verbrauch, die Vernichtung von Erho- lungssgebieten sollten da hingenommen werden. Die Mitglieder des kleinen CDU- Partei- tags sahen das aber größtenteils anders. Und ihnen könnte der Gedanke gekom- men sein, wie unglaubwürdig die christli- che Partei würde, wenn sie einer solchen Zerstörung der von Gott geschaffenen Natur zustimmten. Nur 19 von 56 Stim- men konnte die Bundespolitikerin, die schon im Vorfeld der Diskussion um die Trassenführung vor einigen Monaten - hier noch für die Südführung - bei ihren Parteifreunden aus der Kommunalpoli- tik angeeckt war, für ihre neue Vorstel- lung gewinnen, eine Anbindung in Form einer Ringlösung zu betürworten. Um Anke Eymer nicht ganz ungeschützt auf den Boden der Tatsachen zurückstürzen zu lassen, wurde mit Mehrheit beschlos- sen. Bundes- und Landesregierung soll- ten eine Ringlösung in die Diskussion mit einbeziehen - ein unschädliches Ent- gegenkommen, scheidet doch schon aus Kostengründen ein solches Mammut- projekt aus. Daß die CDU einstimmig eine Anbin- dung Lübecks an die A20 für absolut un- verzichtbar hält, liegt im Trend und ist ebensowenig überraschend wie die ge- nauso einstimmig beschlossene Forde- rung nach Berücksichtigung der Interes- sen der Menschen sowie der Ökologie, ein als selbstverständlich zu verbuchen- der Wunsch. Einstimmig angenommen wurde dann schließlich, die stadtnahe Trassenführung im Norden ebenso abzu- lehnen wie im Süden. Mit der Mehrheit, mit der die ungeprüfte Ringlösung abge- lehnt wurde, entschied sich die CDV dann positiv für die nördliche Nordtrasse - eine Führung der A20 mit einer Que- rung der Trave im Bereich des Dum- mersdorfer Feldes und einer Weiterfüh- rung in Richtung Al zu einer Anschluß- stelle im Bereich Ratekau. Nur für den Fall, daß diese Nordtrasse aus verkehrli- chen, ökologischen oder finanziellen Gründen nicht gebaut werden kann, empfehlen die Christdemokraten eine südliche Südtrasse - eine Führung der A20 mit einer Querung der Wakenitz im Bereich von Ziegelhorst und einer Wei- terführung südlich von Groß Grönau, südlich des Flugplatzes und südlich des Klempauer Moors in Richtung A Il zu ei- ner Anschlußstelle im Bereich Reecke. 58 Ostsee-Autohahn Hoch-Rechnung an der küste Verkehrsminister Günther Krause stützt sich auf ein kragwürdiges Gutachten / Von Frank Drieschner er Reporter kam sich vor „wie auf einem ] )fscten des Amazonas“. Stammestiet stand der Erlenbruchwald im Wasser, Eis- vögel schwirrten durch die Luft, Brandenten lie- Ken sich neben reglosen Graureihern auf dem Brackwasser nieder. Von Süden her zog mit weit ausgebreiteten Schwingen einer der letzten Seead- ler Deutschlands heran. Man schrieb das Jahr 1988. „Nach einer Wiedervereinigung irgendwann in ferner Zukunft“, so träumte damals der stern- Autor, könnte hier, an dem deutsch-deutschen nicht weniger wertvoll sind. Dort eine Autobahn zu bauen sei „nicht vertretbar“, mein man im Berliner Umweltbundesamt. Und es geht um die drohende Klimakatastrophe und ein absehbare; Wachstum des Straßenverkehrs, das, wie dem Mi- nister eine Studie bescheinigt, „nicht mit der Ziel. setzung der Bundesregierung einer 25- bis 30pro- zentigen Reduzierng des CO,-Ausstoßes verein- bar“ ist. Die neue Autobahn sei unentbehrlich, behaup- ter dagegen der Bundesverkehrsminister. Und ein Grenzflüßchen Wakenitz südlich von Lübeck, ein- mal ein Naturpark entstehen - „eine schöne Vor- stellung, ein gesamtdeutscher Traum“. Heute, vier Jahre später, gehören gesamtdeut- sche Träume dieser Art einer fernen Vergangen- heit an. An der Wakenitz, wo sich damals die Grenze hinzog „wie die Narbe eines gigantischen Peitschenschlages der Geschichterrn (stern), schwingt nun der Bundesverkehrsminister die Peitsche, um sein Lieblingsprojekt, die neue Ost- see-Autobahn A 20, durch die Flußniederung zu treiben. Und wo Günther Krause zuschlägt, da wächst kein Erlenbruchwald mehr und auch nichr Knorpelmiere, W'iesenstorchschnabel und Salo- monssiegel - aussterbende Pflanzenarten, deren L I Landesnaturschutzverband Schleswig-Holstein durch des Ministers Pläne be- droht sieht. Im Streit um Krauses Autobahn stehen die La- ger längst fest: hier der Minister, hinter sich den Bundestag und die Landesregierungen in Kiel und Schwerin, dort die Umweltschützer, vom BUND bis zum „Landschaftspflegeverein Dummersdorker Uker e.V,“, die „größte Bürgerinitiativbewegung aller Zeiten gegen ein Verkehrsprojekt“, wie die Biologin Adelheid Winking-Nikolay vom „Ge- samtbündnis Keine Ostseeaurobahn“ selbstbewußt formuliert. Es geht um mehr als drei Milliarden Mark und 290 Kilometer Asphalt zwischen Lübeck und Ster- tin. Es geht um die überlasteten Bundesstraßen in Krauses Heimatland Mecklenburg-Vorpommern, den Anschluß des Landes an das westliche Stra- Bennetz und damit, das jedenfalls hofft der Ver- kehrsminister, auch an das westliche Wirtschafts- wachstum – „durchaus ernst zu nehmende Motive für ein Autobahnprojekt“, räumen auch die Autobahngegner von Greenpeace ein. Es geht aber auch um die Wakenitzniederung und zahlreiche Lebensräume bedrohter Tier- und Pflanzenarten in Mecklenburg-Vorpommern, die Gutachten gibt ihm rechr. Ohne die A 20 werde in Mecklenburg-Vorpommern und dem Lübecker Raum der Straßenverkehr zusammenbrechen, ur- teilen die Ingenieure des Büros Masuch + OlI- brisch, die den Bedarf für eine Ostsee-Autobahn untersuchen sollten. Es werde „zu einer Schwä. chung des Wirtschafsraumes Schleswig-Holstein Mecklenburg-Vorpommern, der Hansestadt Lä: beck und eventuell sogar Hamburgs“ kommen Am Ende werde „der Lebensstandard der Bevöl- kerung sinken“, und zwar „im gesamten Norden“. Verblüffende Schwächen Wenn das stimmt, wird sich die Notwendigkeit der neuen Autobahn kaum bestreiten lassen. Soll- ten sich diese Behauptungen allerdings widerlegen lassen, fänden auch Krauses Mitarbeiter das Drei- Milliarden-Projekt ihres Ministers zumindest „überprüfungsbedcürftig“. Wie kommen die Ingenieure aus Oststeinbek bei Hamburg zu ihrer düsteren Prophezeiung? Im vergangenen Sommer ließen sie Studenten an etlichen Straßen zwischen Lübeck und Rostock die vorbeifahrenden Autos zählen. Ergebnis: Ei- nige Landstraßen, besonders die Küstenstraße B 105, sind zwar chronisch überlastet. Aber nir- gends fahren mehr Autos, als eine nach westlichen Malistäben ausgebaute Bundesstraße verkraften könnte. Ein Verkehrsnetz aber muß für die Zukunft ge- plant werden. Die Planer multiplizieren ihre Zähl- ergebnisse, getrennt nach Autos aus Ost- und Westdeutschland, mit „Prognosefaktoren“. Der Ostverkehr, so nehmen sie an, werde sich bis zum Jahr 2010 mindestens verdoppeln, möglicherweise verdreifachen, während der Westverkehr um zwanzig bis sechzig Prozent wachsen werde. Er- gebnis: Auch im günstigsten Fall wäre eine noch so modern ausgebaute Bundesstraße zwischen Ro- stock und Lübeck hoffnungslos überlastet. Die von der CDU bevorzugte stadtfkerne Nordlösung hat wie die stadtnahe den Vorteil, daß die bestehende autobahn- ähnliche Bundesstraße durch den Orts- teil Rangenberg zurückgebaut werden kann, sie hat aber den Nachteil, daß ein neuer großer Landschaftsverbrauch stattfinden müßte. Zu leichtfertig will die CDU unter bestimmten Vorausset- zungen aber doch eine Südlösung akzep- tieren; vorteilhaft ist bei der stadtkernen Lösung zwar, daß eine Zerschneidung von Groß und Klein Grönau vermieden wird - mit der stadtnahen Lösung hat sie aber den gemeinsamen schwerwiegen- den Nachteil, daß neben dem gewaltigen Landschaftsverbrauch ein vielfältiger und einmaliger Naturraum zerstört und ein viel und gern aufgesuchtes Erho- lungsgebiet vernichtet wird. Bei diesem Schlingerkurs mag in der CDU die Wehmut ein wenig weichen, nicht mehr die entscheidenden Mehrhei- ten in Stadt und Land zu besitzen. Sollen die Sozialdemokraten in Lübeck und die SPD-Landesregierung als Entschei- dungsträger doch die Prügel für ihr Tras- senvotum beziehen. In der März-Sitzung der Lübecker Bür. gerschaft müßte eine Stellungnahme der Hansestadt zu einer bestimmten Tras- senführung beschlossen werden; eine Mehrheit für eine der vorgebrachten Auffassungen ist nicht erkennbar. Bernd Dohrendork Lübeckische Blätter 1992/5 Umstrittenes P Ohne Auro! Bei näherem F weisführung c chen. Woher Wirtschaftsent wachsen würd geben, aus ein konzerns She Diese Studie 4 rien. Eines sc stem Wirtsch schreiben; da konsequentem Seltsam nur in zwanzig Ja Gutachter ver senszenario - Wachstum rec verdoppelt. In als Folge von einen Rückga Viertel für m Oststeinbek : drauf. Hinter dies dige Annahm-: nicht beabsich @ Die Zahl 2010 errechne die die Entwic schreiben. Die Ländern wurd berücksichtigt zehn Prozent. @ Die Zahl Meßstellen ge genieure mir dem Wachstu; spricht. Mitte den Autobest: Doch ein Jahr waren in den fünf Millioner man auk diese die Shell-Stud bezieht, ergeb lionen Autos tel mehr als in @ Wie viele | Autos fahren: Anteils der 2 kehrsexperten jährliche Fahr gern wird. Be gang um bis 2 Oststeinbeker kennbar berüc Statt desser heimnsivoller wirkt ein klei: len im Jahr besitzen als h: sondern jedes Straßennetz e (sagen Masuc das Problem ger Kilomete! Lübeckische
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