Full text: Lübeckische Blätter. 1992 (157)

„Spur und Aura“ Rückblick auf die 4. Literaturwoche in Lübeck „Wie viele Dinge gibt es doch, die ich nicht brauche“, heißt es in Max von der Grüns Text „Unsere Fabrik“. Die Lite- ratur gehört sicher nicht zu den überflüs- sigen Dingen. Dies gilt auch für die Lü- becker Literaturwoche, die Literatur auf zum Teil höchst kurzweilige Art vermit- telt und die inzwischen schon eine be- scheidene Tradition hat. Vielmehr sind Bücher so nötig wie „Salz und Brot“, wie Goll richtigerweise bemerkte. Ein über- aus gelungenes Programm hat der Lü- becker Autorenkreis mit Klaus Rainer Goll an der Spitze umsichtig zusammen- gestellt. „Ein Herbststrauß kein aufein- ander abgestimmt“, so sah es Ada Ka- delbach, Kulturamtsleiterin in Lübeck, die die Literaturwoche eröffnete. Und in der Tat waren die Veranstaltungen an verschiedenen Leseorten (Petrikirche, Burgkloster, Geschichtswerkstatt Her- renwyk, Café Art, Gaststätte „Im Alten Zolln“, Großes Haus) so mannigfaltig wie man es sich nur wünschen konnte. Ein noch stärkerer Besuch wäre wün- schenswert gewesen. Den Auftakt machte Walter Kempowski, als „deutscher Chronist“ wohl gut be- zeichnet. Er las mit dem Kapitel „SEP- tember“ Aufzeichnungen aus seinem Ta- gebuch ,. Sirius“ von 1990, das den Zeit- raum 1982/1983 beschreibt. Ereignisse aus dem Leben eines Schriftstellers, SEi- ner Werkstatt, gab es zu hören. Ein Kapitel aus „Mark und Bein“, seinem bisher letzten Roman, kolgte. Die Ge- schichte kreist um den Journalisten Jo- nathan, dessen Ostpreußenreise und sei- ne Freundin Ulla. Gut vorgetragen, konnte sie zum Teil durchaus amüsieren. Handwerklich perfekt war das, was man durchaus als gehobene Unterhaltungsli- teratur zu schätzen weiß. Er kann es, wir wissen es schon lange. Die Ironie, hier eher grob als fein, hatte ihren Platz. Ja; so sind wir, jeder erkennt sich und die Seinen wieder, wenn er über die Schwä- chen und Angstlichkeiten und Malheure der anderen lacht. Man kam aut seine Kosten. Schmunzeln ist schön und ver- bindet. Gelegentlich lachte man wohl unter Niveau. Kempowski, in seiner Ge- wichtsklasse brillant, ist eine Spur zu glatt, ein Weniges zu sehr Könner, als daß er wirklich nachhaltig berührt. Den Vergleich mit einem Großmeister seiner Zuntt bot der Dienstagabend. Noch ein- mal Thomas Manns wunderbarer Jo- seph-Roman in der kaum überbietbaren Darstellung Westphals. Das war dann doch unerreicht. Ganz anders - Beleg für die nicht hoch genug einzuschätzende Vielfalt der Lite- raturwoche - Max von der Grün, katalo- gisiert als Arbeiterdichter. Er las vor lei- Lübeckische Blätter 1992/18 der kleinem Publikum für ein kleines Pu- blikum im Burgkloster aus seinen legen- dären „Vorstadtkrokodilen“. Dieser Kinderroman, schon längst zum Schul- klassiker avanciert, ist sein Wurf und zieht immer wieder in Bann. Ein kleines Werkstattgeplauder zwischen Kindern und Autor, rührend offen, schloß sich an. Auch der Literarische Frühschoppen Im „Zolln“ war Max von der Grün ge- widmet. Er las Prosa aus seinem leider vergriffenen Buch „„Unsere Fabrik“ von der Art, die gemeinhin als kleine Form bezeichnet wird. Ein kapitaler Fehler, wie sich wieder einmal erwies. Gerade die kleine Form war in diesem Fall die große. Etwas ließ aufhorchen, ein fast biblischer Ton nämlich. Ebenso interes- sant eine Kurzgeschichte aus „Das Nar- renschiff“. Wieder stand Biblisches im Mittelpunkt. Einer Gemeinde vergeht Hören und Sehen anläßlich eines apoka- „ lyptischen Bibelspruches auf der Kirch- turmspitze. Da saß ein weise gewordener Autor, der sich nicht scheute, an die Quellen unserer Kultur zu gehen und das in aller Knappheit nicht holzschnittartig, sondern subtil, thematisch ganz neu und stilistisch ausgefeilt. Sein Auszug aus dem Roman „Springflut“. im Zeitungs- milieu angesiedelt, fiel dagegen ab. Gespannt durfte man auf die Urauffüh- rung der Lieder von Hans Kaiser nach Gedichten des blutjungen Klaus Rainer Gall sein. Alter und Jugend verbanden sich hier auf ergreifende Weise. Der schon in den 60ern stehende Komponist vertonte in neoromantischer Manier die von Einsamkeit und Melancholie durch- zogenen Naturgedichte eines Zwanzig- jährigen. Begleitet von Alice Predescu sang Angela Nick die Lieder Kaisers. Man war fast dankbar, daß der ungebro- chene Genuß dieser so schönen Lieder immer wieder durch eingeschobene Le- sungen Golls von Gedichten aus jünge- rer Zeit unterbrochen wurde und damit in die gleichwohl komplizierteren Erfah- rungen und Empfindungen eines Men- schen in der Mitte seiner Jahre eingebet- tet wurde. Sehr gelungene Gedichte wie „Aufgefangen“, „Herzland“, „Zeeitzeu- gen“ und „Wunsch“ konnte man hören. Wie gut wäre es, wenn Gall endlich wie- der einen Gedichtband veröffentlichen würde, um all das Gehörte nachzulesen. Kaisers „Ode an den Herbst“ mit dem Reinfelder Kammerchor unter Detlev Andresen rundete den Abend ab. Das Herzstück der Literaturwoche bil- dete gewollt oder ungewollt eine Veran- staltung in Sankt Petri zum 100. Geburts- tag von Walter Benjamin an dessen ver- mutlichem Todestag (26. 9. 1940). Glücklich ausgewählte Texte des großen Denkers und Schriftstellers wurden von dem Schauspieler Peter Schröder VOrge- tragen. Zu wenig Menschen hatten den Weg nach Sankt Petri zu diesem außer- gewöhnlichen Ereignis gefunden. Texte der Sehnsucht nach dem verlorenen Reich der Kindheit standen neben sehr unbekannten Texten zu Liebe und Se- xualität. Das Schreiben wurde immer wieder thematisiert unter anderem in „Gut Schreiben“ und „Spur und Aura“. Hier war ein Dichter zu hören, der Ernst gemacht hat, der die winzigste Beobach- tung oder Erfahrung emportragen konn- te ins Allerhöchste, Allerumspannend- ste, alle Betreffende, kurz: Gültigste. Von großer Dichte, Schönheit und Ein- dringlichkeit war jeder Text gekenn- zeichnet. „Das Sammeln“, Text und zu- gleich ein thematischer Schwerpunkt des Nachmittags, ergriff besonders in ..Ich packe meine Bibliothek - Eine Rede über das Sammeln“. Der berühmte „En- gel der Geschichte“ („„Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. . ) ließ den Nachmittag ausklingen. Et- waige Kritik könnte sich nur an der schieren Menge der Texte und an der mangelnden Möglichkeit, den einzelnen Text in sich nachschwingen zu lassen, entzünden. Musikalische Intermezzi hät- ten hier wohlgetan. Daß Peter Schröder an seine Grenzen stieß, wer will es ihm verübeln. Es hätte fünf Auserwählter be- durft. um den außerordentlich an- spruchsvollen Texten gerecht zu werden. Es gereicht der Buchwoche zur Ehre, daß Emine S. Özdamar in der Ge- schichtswerkstatt zu Gast war mit ihrem Romanerstling „Das Leben ist eine Ka- rawanserei. Hat zwei Türen. Aus einer kam ich rein. Aus der anderen ging ich raus.“ Die in Deutschland lebende Tür- kin beschreibt ihr Aufwachsen in der Türkei bis zu ihrer Ankuntt in Berlin. Hier gewann der Zusammenhang von Literatur und Leben, der bei der Eröff- nungsveranstaltung beschworen wurde, Farbe, die Farbe des Märchens. Viel ler- nen konnte man über Frauen, über das Leben, über den Tod und ganz leicht, wie nebenbei, über die Türkei. Zu viele haben diesen Abend verpaßt. Die eigene Lektüre mag es ersetzen. Den Abschluß bildete ein Abend im Burgkloster, den Uwe Herms und Wulf Kirsten gestalteten. Reizvoll war der Kontrast zwischen der Lyrik des Weima- raners Kirsten und der Prosa des Ham- burgers Herms. Wenigstens erwähnt werden sollen der Niederdeutsche Abend sowie die Lesun- gen mit Lübecker Autoren im Café Art, nicht zu vergessen das sogenannte Rah- 285
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