Full text: Lübeckische Blätter. 1992 (157)

Mit einem erneuten Vorstoß versucht Lübecks Bürgermeister Michael Bouteiller (SPD) Zeichen zu setzen und verlorenes Terrain zurückzugewinnen. Einer Runde von beinahe hun- dert Eingeladenen aus verschiedenen Bereichen des öffentli- chen Lebens brachte er im Audienzsaal des Rathauses seinen Entwurf eines Konzeptes für Lübeck durch Wort und Schrift und Bild nahe. Für die nächsten zehn Jahre gelte es die Wei- chen in eine erfolgreiche Richtung zu stellen. Zielvorstellun- gen seien zu formulieren. Visionen zogen an den Zuhören- den und Hinschauenden vorbei. Dem ersten Gespräch über die Zukunft Lübecks sollen weitere Treffen folgen. Nur aus der Anlage Il zum auch schriftlich vorgelegten Kon- zept konnten kritische Beobachtende weitere Vorstellungen des Bürgermeisters Bouteiller entnenmen: „Jedenfalls erfordert ein solches Programm für die Stadtver- waltung eine grundsätzliche Modernisierung. Stadtmanage- ment und Politik werden zu anderen Organisations- und da- mit auch Entscheidungsverfahren greifen müssen. Dieses Problem muß jetzt angepackt werden. Das geht nicht ohne Kommunalverfassungsreform mit Regierungs-Oppositions- Modell, jedenfalls aber sind Richtlinienkompetenz des Bür- germeisters/ der Bürgermeisterin in den kreisfreien Städten und die Möglichkeit zur Organisationsreform der Verwal- tung durch einfache Mehrheit unerläßlich. “ Und Bedenken kommen dem Stadtoberen selbst: „Ich habe Zweifel, ob die Baukapazitäten in der Region der- artiges leisten Können, ob ein solches Programm in dem ge- nannten Zeitraum privat und öffentlich finanzierbar ist und ob die Organisation privater und öffentlicher Entscheidungs- Findung in Lübeck zur schnellen Realisierung in der Lage ist. Ein solches Vorhaben setzte einen breiten gesellschaftlichen Grundkonsens über Weg und Ziel voraus, auf den sich alle relevanten Gruppen in der Stadt hinorientieren müßten. Es benötigt auch eine erhöhte Legitimation der Entscheider.“ Da sind, wie Bürgermeister Bouteiller bei der Vorstellung sei- nes Konzeptes mehrfach sagte, noch erhebliche Hausaufga- ben zu machen. Zweifel daran, ob das vorgelegte Programm - soweit es je- denfalls von der Stadt selbst zu finanzieren ist - realisierbar sein wird, äußerte Finanzsenator Gerd Rischau (CDU). Erinnerungen an seine letzte Haushaltsrede wurden wach („Lübecker Haushalt 1992 nicht solide finanziert“ - siehe „Lübeckische Blätter“ Heft 1). Erst dann seien die geforder- ten Hausaufgaben getan, wenn auch die Finanzierung der Projekte gesichert ist. Zu dem von Bürgermeister Bouteiller gewünschten breiten gesellschaftlichen Grundkonsens über Weg und Ziel solcher großer Vorhaben vermag das von ihm vorgelegte Konzept aber selbst noch nicht viel beizutragen. Die vom Jahr 1988 bis zum Jahr 2000 errechneten Gesamtinvestitionen in Höhe von Stadtentwicklung und Gebietsförderung contra Naturschutz und Kulturdenkmale 7 bis 9 Milliarden Mark müssen nicht nur eine Lust, sie wer- den auch eine Last sein. So sichern Investitionen Arbeitsplät- ze und damit Einkommen und materiellen Wohlstand. Bei ei- nem derartigen Investitionsdruck werden aber auch zwangs- läufig die ideellen Lebensgrundlagen aufs äuſerste berührt. Zu sehr scheint das Konzept noch der Diktatur des Wachs- tums anzuhängen und alle anderen Wertvorstellungen die- sem überholten Gedanken unterzuordnen. So setzte sich Frank-Dieter Lammert vom Umweltamt in der Diskussion für die Belange des Naturschutzes ein. Nicht nur er mag an die gewaltige Naturzerstörung gedacht haben, die das Projekt der Ostsee- Autobahn A 20 im Raum Lübeck aus- lösen wird. Das Bürgermeister-K onzept enthält dazu nichts. Una wie steht es mit dem von der UNESCO zum Weltkultur- erbe erklärten Großkulturdenkmal „Lübecker Altstadt‘? Bouteiller: „Ein wichtiger Standortfaktor ist dabei das Kul- turdenkmal Altstadt Lübeck. Die Chance liegt in der einzig- artigen Symbiose steinerner und lebendiger Kultur. Zur bau- lichen Kultur gehören auch die zwei in der Innenstadt domi- nierenden Projekte: Mit dem bis 1995/1996 abgeschlossenen Umbau Karstadts und der zum Herbst 1994 geplanten Eröff- nung der Passage an der Königstraße wird eine jahrelang ge- forderte Stadtreparatur Wirklichkeit. Zugleich erhält der Handel eine Erweiterung der Verkaufsflächen in der Innen- stadt um zirka 12 000 Quadratmeter. Erfahrungsgemäß ge- ben derartige Neubauten den Anstoſß für eine Reihe weiterer durchaus erwünschter Modernisierungsmaßnahmen von Handel und Gewerbe.“ Also: Mit dem Umbau Karstadts und der Eröffnung der Pas- sage an der Königstraße wird eine jahrelang geforderte Stadt- reparatur Wirklichkeit - erfahrungsgemäß geben derartige Neubauten den Anstoß für eine Reihe weiterer durchaus er- wünschter Modernisierungsmaßnahmen von Handel und Gewerbe. Noch im Mai des Jahres hatte sich der Bürgermei- ster als oberer Denkmalpfleger gegenüber den ,„Lübecki- schen Blättern“ ganz anders geäußert: Im Hinblick auf diese beiden Projekte sprach er von Erkenntnissen, die zur Um- kehr zwingen, weil es ein Trauerspiel sei, und forderte: „Die Stadt muſs begreifen, welchen Wert Denkmalpflege hier hat.“ Da verstehe einer die Welt! Und wie soll ein breiter gesellschaftlicher Grundkonsens er- reicht werden, wenn zwar neben den äußerst zahlreich er- schienenen Vertretern der Wirtschaft auch Verbände des Um- welt- und Naturschutzes gebeten waren, nach eigenen Aussa- gen aber die mit Stadtsanierung und Denkmalpflege befaßten gesellschaftlichen Gruppen - Lübeck-Forum, Bürger-Initia- tive „Rettet Lübeck“, Archäologische Initiative „Rettet Lü- becks Großgrabungen“, Althaus-Sanierer-Gemeinschafrt, Aktion „Gestaltetes Lübeck“ +- überhaupt nicht eingeladen wurden? Bernd Dohrendorf 10 000 arbeitsfähige Menschen in der Stadt finden keine Ar- beit. Zirka 13 700 beziehen Sozialhilfe. 2. Überregionale Bedeutung der Stadt Weltoffenheit und Weitblick, die Anbahnung und Pflege weit- reichender internationaler Beziehungen, das waren die her- vorragenden Eigenschaften Lübecks in der Zeit der Hanse vom 13. bis zum 17. Jahrhundert. Daran gilt es heute anzu- knüpten, wenn wir in dem größer werdenden Europa Schritt halten wollen. Die Rolle Lübecks als Sitz weltweit operierender Firmen, als größter europäischer Fährhafen und als größter deutscher 242 Ostseehaten führt geradezu zwingend zu einem Konzept für regionale und überregionale Zusammenarbeit über Länder- und Staatengrenzen hinweg. Das Konzept hat drei Ebenen: Das Dach der überregionalen Kooperation sind die seit 1980 bestehenden Hansetage der Neuzeit. Die zweite Ebene ist die 1991 unter Mitwirkung Lü- becks in Danzig gegründete Union der Ostseestädte. Als dritte Ebene erweist sich die 1992 auf Initiative Lübecks gebildete re- gionale Kooperation HOLM, die das südliche Holstein und das westliche Mecklenburg umfaßt. Diese drei Ebenen der Zusammenarbeit werden meines Erachtens in der Zukunkt eine wesentliche Rolle für die Ent- wicklung unserer Stadt spielen. Lübeck hat die Chance, sich in Lübeckische Blätter 1992/16
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