Full text: Lübeckische Blätter. 1992 (157)

chen plastischen Arbeiten dagegen ist neben durchaus Gelungenem - den „Keilen“ von Engst zum Beispiel, Plickats „Fast spüre ich noch deinen Atem“, Gebhards „Schrein“, Figueroas „Torso“ oder Lehmanns „blue grass mu- sic“ - auch viel Kunstgewerbliches oder künstlerisch Fragwürdiges zu registrie- ren: ein „Denkmal für einen zerstörten Wald“, eine roboterhafte Drahtfigur wie aus dem Schautenster eines Spielzeugge- schäftes, eine Reihe von Stuhlfragmen- ten aus Ton, von denen man nicht ahnt, was sie in der Ausstellung sollen, das „Große Harla-lit“ schließBlich auf dem Rasen des Innenhots, formal schwach, vordergründig in der Thematik, geeig- net, auch den gutwilligsten Kunstfreund zu vergraulen . . . Die Ausstellung nennt sich 39. Landes- schau. Sie beruft sich auf eine respekta- ble schleswig-holsteinische Tradition. Wer den Katalog studiert, wird jedoch feststellen, daß von insgesamt 127 Künstlern, deren Werke die Jury pas- sierten, fast 70 in Kiel ansässig sind oder in dessen nächster Umgebung, während nur 7 Flensburg als ständigen Wohnsitz angeben und nur 4 Lübeck. Ich versage es mir, diesen Tatbestand zu kommen- tieren. Nur soviel: Wer daran interes- siert ist zu erfahren, was man heute in be- stimmten Kreisen der Landeshauptstand unter aktueller Kunst versteht, dürfte in der Ausstellung auf seine Kosten kom- men. Wer dagegen wissen möchte, was in den Ateliers im Lande gegenwärtig ge- schieht, kann sich den Besuch getrost sparen. (Burgkloster und Sankt Petri; bis 11. Ok- tober, montags geschlossen; empfehlens- werter Katalog) Horst Hannemann Darstellende Kunst „Sergejewna“ in den Kammerspielen Man erinnert sich: Bereits vor zwei Jah- ren sollte das Stück „Liebe Jelena Serge- jewna“, das von der lettischen Autorin Ljudmila Rasumowskaja 1980 geschrie- ben wurde, an der Beckergrube heraus- gebracht werden. Im Abschwung der Ära Thoenies kam es nicht mehr zu einer Realisierung dieses Plans. Jetzt stellte Regisseur Gerhard Willert den inzwi- schen an vielen Bühnen gespielten Psy- chothriller in den Kammerspielen vor. Jelena, eine alleinstenende Lehrerin - ihre Mutter, mit der sie zusammenlebt, liegt derzeit im Krankenhaus -, erhält an ihrem Geburtstag überraschend Besuch von drei Schülern und einer Schülerin, die zudem noch ansehnliche Geschenke mit sich führen. Jelena, zugleich erfreut und verwirrt, wird über den wahren Zweck dieser Heimsuchung jedoch nicht lange im unklaren gelassen: Das Quar- tett begehrt den Schlüssel zum Tresor, in dem die Mathematik-Abiturarbeiten lie- 238 gen, um vor dem Tag der Korrektur die Lösungen zu ,frisieren“. Das Bestreben der Lehrerin, prinzipientreu und coura- giert zu bleiben, wird auf eine harte Pro- be gestellt. Indes, im Theater - anders als im Leben oder im Film - kommt es nicht zum Äu- Bersten: Nicht, weil die vier abgefeimten Jugendlichen einsichtig, gar „geläutert“ würden, sondern weil sie sich über Weg und Ziel zerstreiten - die stete Hoffnung der „Guten“, daß das Böse sich selbst vernichten möge. Dabei verliert der, der es am nötigsten hätte, der Versager Vitja-eine eindring- liche Studie: Roman Kohnle -, das Ob- jekt seiner Begierde als erster aus dem Auges; in Suff und Selbstmitleid versin- kend, ist er bald weg von dem Fenster des 6. Stockwerks, aus dem ihn seine bei- den härter gesottenen Kumpane vorgeb- lich werfen wollen, um der Lehrerin Mit- leid und mithin den Schlüssel abzupres- sen; das Mädchen Ljalja- Anna Schmidt legt sie als berechnendes Luder an- wird nunmehr als Instrument der Erpressung benutzt. Für Volodja - Christian Wittmann be- eindruckt mit eiskalter Glätte -, der per- sönlich eher desinteressiert scheint an dem konkreten Erfolg der Aktion, er- weist sich die Kraftprobe zunehmend als ein tödlich ernstes Spiel um Macht und Moral; sein Nihilismus wähnt sich an Do- stojewski geschult und grundiert dieses auf den ersten Blick reißerische Zeit- stück mit dessen bohrender Dialektik. Ihm am nächsten ist der Pascha Thomas Birkleins, ein schleimiger Widerling, der im bizarren Spiel Assoziationen an seine Rolle im „Kleinen Horrorladen“ auf- kommen läßt. Gerhard Willerts Regie präsentiert kein reines Dialogstück, sondern läßt die Ju- gendlichen durch Clownerien und ande- re gruppenspezitische Verhaltensweisen so schrecklich eingespielt und einig er- scheinen, wie wir es von Gangstern ken- nen; ein zusätzliches Ingredienz der Be- drohung, das die Isolation der Lehrerin unterstreicht, die ihren erschütternden Appell vergeblich herausschleudert: „Gott bewahre einen davor, die Nieder- tracht von Menschen zu erfahren, die man kurz zuvor noch für Freunde hielt.“ Wohltuend ist, dals Willert die Figur der Jelena nicht etwa denunziert - sei es durch altjüngferliche Zickigkeit oder durch moralinsaure Zeigefingerpädago- gik -, sondern ihr ihre Integrität und In- dividualität beläßt. Was im Munde Vo- lodjas als Schmähung gedacht war, gerät zur Würdigung: Sie erreicht das Format einer Antigone. Antje Birnbaum zeich- net Jelena ohne theatralische Ausbrü- che, ohne unangemessenen Heroismus mit wenigen, jedoch kraftvollen und glaubwürdigen Strichen. Klaus Brenneke Im Großen Haus ,,Otello‘“ Eler Sehr festlich wurde die vorerst letzte der Spielzeit im Theater in der Beckergrube kang mit Verdis großem Spätwerk Otello drei eröffnet. Wie auch schon in den vergan- koni genen Spielzeiten wurde auch diese Sop! Oper in italienischer Sprache gesungen, ergr was dem melodischen Fluß dieser herri.. der chen Musik nur entgegenkommen kann, ns vor allem dann noch mehr, wenn kompe- M tente Sängerinnen und Sänger die EXPO- hatt nierten Partien übernehmen. s nisc Arrigo Boito, selbst ein ausgezeichneter Wirl Musiker und Operndramatiker, lieferte Szen dem T0jährigen Maestro eine opernge- stim rechte Fassung des Shakespeare-Dra- ausg mas, die dieser zu der neuen Form des auch Musikdramas verwandelte, indem er den de n Wechsel von Rezitativ und Arie zugun- Jam sten großer geschlossener Szenen verän- Stim derte. Erinnerungsmotive durchziehen strer das Werk, das erweiterte Orchester setzt Abe starke Akzente, die in den Fortissimo- der ausbrüchen in die Zukunft weisen. Eine wenl hochromantische Harmonik, die mit bung gleitenden Septakkorden auch einigeime. konr pressionistische Züge zeigt, weist Verdi als einen Musiker aus, dessen umfangrei- In d ches Werk bis ins hohe Alter einen steten fing Wandlungs- und Reifeprozeß unterwor- (Cas ken ist. ict Michael Goden liefert als Ausstattung t! einen kargen, in - unschuldigem - Wei, gjjien gehaltenen Bühnenrahmen, der nur voll 1 durch wenige Andeutungen zu den Schauplätzen gewandelt wird, die das Li- bretto fordert. Die Phantasie des Besu- r chers ist gefragt. Sie findet sich jedoch nicht in der Kostümgestaltung zurecht, die an Operettenuniformen der ,k. und Mühl k. Monarchie“ und Vertreter von Touri- 2098 stikunternehmen auf Zypern (Rodrigo, Emilia) erinnert. Warum muß denn so ein vermeintlicher Gegenwartsbezug hergestellt werden, der dem Bild des im Sturm kämpfenden Segelschiffes, der Gewitterangst, dem Zweikampf mit der blanken Waffe jedoch widerspricht? AU Regisseur Didier von Orlowsky unter- I/ streicht die Figur des Jago so, daß sie --, zum eindeutigen Mittelpunkt des Ge- schehens wird. Die Chorszenen sind im | großen und ganzen eindrucksvoll, wenn- F gleich es auch nicht so einsichtig ist, wes- halb die Damen im ersten Bild wie wild mehrfach in die Bühne hinein- und wie- der hinauslaufen. Oper aber ist und bleibt in erster Linie | Musik. Wenn hier alles stimmt, kann | man des Erfolges sicher sein, so war es | jedenfalls in der Premiere. Generalmu- | sikdirektor Wächter konnte Verdis Par- | titur in allen Schattierungen klangvoll | umsetzen, das aufmerksam und klang- schön spielende Orchester begleitete einfühlsam und dynamisch ausgewogen. Besonders beeindruckte die Sopranistin [. zi: Lübeckische Blätter 1992/15 Lübeck
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