Full text: Lübeckische Blätter. 1992 (157)

handelt werden darf, wird als Verwahr- losung empfunden, eine Stadtverwal- tung wird von ihren Bürgern verklagt, weil sie im Winter gegen Glatteis kein Streusalz mehr verwendet, obwohl diese durchaus wissen, daß die Straßenbäume am Streusalz sterben. Naturästhetik und künstlicher Zauber Einerseits ist in den letzten Jahren eine weitverbreitete sentimentale Hinwen- dung zur Natur zu beobachten. Verwil- derte Orte werden als schön empfunden. Der naturentwöhnte Stadtbewohner er- freut sich an der Vielfalt und der unge- brochenen Kraft solcher Orte, die viel- leicht auch Kindheitserinnerungen wek- ken. Sind sie denn nicht auch viel reizvol- ler als die oft langweiligen öffentlichen Grünanlagen, die man sofort nach allen Seiten überblicken kann, in denen keine Überraschungen zu erwarten sind, deren dürftiges Gestaltungsprinzip in tausend- facher Ausführung in allen Städten zu finden ist? Deshalb steigen die Stadtbe- wohner lieber in ihr Auto, um vielleicht weiter draußen noch die ideale urwüchsi- ge Natur zu finden, und tiefe Trauer breitet sich aus, wenn man statt dessen auf ausgeräumte Feldfluren und sterben- de Wälder trifft. Auf der anderen Seite beklagen sich die Bürger darüber, wenn die bunten Som- merblumen vom Rathausvorplatz ver- schwinden, sie finden es selbstverständ- lich, daß in einer vollständig künstlichen Umgebung über Tiefgaragen und Unter- grundbahn-Tunneln Bäume gepflanzt werden. Sie fassen diese Bäüme als Mo- biliar auf, das man beliebig hin- und her- rücken kann, und deshalb reagieren sie auch hocherfreut, wenn die Innenstadt mit Kübelpflanzen exotischer Herkunft geschmückt wird. In ihrem Garten be- vorzugen sie die Verwendung von Koni- feren, weil diese nicht so schnell wachsen und im Herbst kein Laub abwertken, das konsequent aufzusammeln als eine eben- so notwendige wie lästige Aufgabe emp- funden wird. Sie lieben strammgeschnit- tene Hecken und bevorzugen Bäume, die freiwillig als Pyramiden oder als Ku- geln wachsen. Wenn sie zu Eichhörn- chen oder Teddybären geschnittene Buchsbaumbüsche sehen, geraten sie in Verzückung. Offenheit und Funktionalität Einerseits bevorzugen viele Menschen für den erholsamen Aufenthalt im Freien Orte, an denen die Natur noch weitgehend ihren eigenen Gesetzen fol- gen kann. Ein Okosystem soll sich aus ei- gener Kraft und in eine beliebige Rich- tung ohne ptlegerische Eingriffe durch den Menschen entwickeln können. Die Menschen sollen sich in ihren eigenen 14 steig, der nicht mehr mit Herbiziden be- Ansprüchen zurücknehmen und in die Natur eintauchen. Deshalb kritisieren sie die offenkundige Funktionalität be- stehender Grünanlagen, sie fühlen sich bevormundet, wenn ihr Kind an einem Spielgerät immer nur dieselbe Bewe- gung ausüben kann, sie wollen nicht aut bestimmte Wege festgelegt sein, sie är- gern sich über genau vorgegebene Spiel- feldmarkierungen, über ordnende und sichernde Zäune und über fest montierte Bänke. Sie wollen sich im Freiraum auch wirklich frei fühlen. Andererseits wird aber doch erwartet, daß sich die Grasfläche im Park zum Fußballspielen eignet, und das Spielen auf dem Spielplatz darf keine Unfallrisi- ken enthalten. Bei jedem Unfall auf ei- nem Spielplatz oder durch einen umge- stürzten Baum sieht sich eine Stadtver- waltung dem Vorwurk ausgesetzt, dalß3 Si- cherheitsbestimmungen übertreten und nicht alle erforderlichen Prüfungen und Kontrollen durchgeführt worden sind. Historismus und Zeitgeist Einerseits ist unverkennbar, daß sich viele Menschen wieder für Geschichte interessieren, nicht nur für die Geschich- te, die weit zurückliegt, sondern auch für die jüngere Vergangenheit. Die Zeit des Nationalsozialismus wird nicht mehr als dunkles Kapitel nationalen Unglücks ausgeklammert oder verdrängt, sondern insbesondere die Jüngeren, die damals noch nicht lebten, fragen, wie es dazu kommen konnte und wie die Vorge- schichte war. Auf der anderen Seite wird die gartenkünstlerische Auffassung ver- gangener Epochen als nicht mehr zeitge- mäß teilweise heftig abgelehnt. Die vom Grünflächenamt der Stadt Hannover vorgeschlagene Erneuerung von Baum- alleen im Großen Garten Herrenhausen hat sich zu einem kommunalpolitischen Thema von hoher Brisanz entwickelt. Wenn es um die Finanzierung von not- wendigen Restaurierungsarbeiten in hi- storischen Gärten und Parks geht, wird die Frage gestellt, ob es nicht wichtigere Aufgaben gebe als die Wiederherstel- lung von Denkmalen vergangener Zei- ten. Wichtiger beispielsweise sei, daß sich unsere Zeit mit unserer heutigen Naturauffassung darstelle, und bei den knappen Flächenressourcen einer Stadt dürke man auch nicht davor zurück- schrecken, ältere Gartenanlagen unse- rem Zeitgeist entsprechend umzugestal- ten. Schließlich seien ja auch viele ba- rocke Gartenanlagen in späterer Zeit im Sinne des englischen Gartenstils ergänzt oder vollständig umgestaltet worden. Engagement und Bequemlichkeit Einerseits ist die Bereitschaft, sich für Grünpolitik zu engagieren, erfreulich gewachsen. In jeder Stadt ist heute eine Vielzahl von Initiativen zu finden, die sich mit grünpolitischen Themen befas- sen: mit der Verteidigung eines Spiel- platzes, der Renaturierung eines Was- sergrabens, der Schaffung eines Stadt- teilparks. Die Mitarbeiter eines Grün- flächenamtes wissen, daß nahezu keine unterlassene oder durchgeführte Pflege- oder Erneuerungsmaßnahme im Bereich des städtischen Grüns unkommentiert bleibt. Die in vielen Großstädten ge- schaffenen Bezirks- oder Stadtteilräte sehen eine ihrer wesentlichen Aufgaben in der kritischen Begleitung der Arbeit ihrer Grünflächenämter. Andererseits herrscht ein starker Hang zur Bequemlichkeit und in Verbindung damit zur Mißachtung von Grünflächen. Die Zerstörungen, die mutwillig in den Grünanlagen angerichtet werden, schlucken wesentliche Teile des Grün- etats der Städte, Hundebesitzer lassen ihre vierbeinigen Freunde hemmungslos in die Grünanlagen scheißen. Aus Be- quemlichkeit stellen Autofahrer ihre Fahrzeuge in Grünanlagen ab. Nach je- der Großveranstaltung im Bereich von öffentlichen Gärten und Parks bleiben Tonnen von Getränkedosen und Papp- bechern zurück. Ausweitung und Sättigung Einerseits hat das Grün in der Stadt ei- nen außerordentlich hohen Stellenwert. Alle Umfragen zu diesem Thema bele- gen, daß der Grad der Versorgung mit Grünklächen einen wesentlichen Einfluß darauf hat, ob Bürger mit ihrem Wohn- ort zufrieden sind oder nicht. Die Be- dürfnisse nach naturbestimmten Frei- räumen wachsen ständig. Wenn es nach den Bürgern ginge, würden fast in jeder Straße Bäume stehen, würde jeder Stadtteil seinen eigenen Stadtwald ha- ben, könnte man von jedem Wohnhaus aus direkt in die kreie Natur wandern. Parks sind nicht nur Orte stiller Erbau- ung, sondern dort werden Feste gefeiert, es wird Fußball gespielt, Radfahrer und Jogger sind unterwegs. Noch nie hat es eine so intensive und vielfältige Nutzung öffentlichen Grüns gegeben. Andererseits wird argumentiert, daß zu viel Grün eine Stadt finanziell überfor- dere. Es sei wichtiger, in den Straßen ausreichend Platz für das Abstellen der Autos zu schaften. Mit schmückenden Argumenten und be- triebswirtschaftlichem Hintergrund wird vorgeschlagen, Grünanlagen durch Ho- telbauten oder Spaßbäder zu ,,berei- chern“. Neue Akzente städtischer Grünpolitik Die Bedürfnisse und Wünsche der Men- schen nach Grün in der Stadt sind also ganz unterschiedlich, wie sollte das in ei- Lübeckische Blätter 1992/2 ner | sellsc vor Zielc die \ VETrZ) kolge VEerg; nicht Beid polit nich kolge ALkZ2: nen. Stad. Zwe ten - oder cher Lebe tik g mun che Erst prak dal | über grün halb Rau Teill Lärt Den te P Vert gen, nung und gran oder die ! fluß Um Teils ne U kür s deze SOLA Veri Man solc] Vor: Geslt auct wirk Man neut lichl träg] nung SAatZ trau Bett Beh ren 1 Die Lübec
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