Full text: Lübeckische Blätter. 1992 (157)

Mit der Overbeck-Gesellschaft über Helsinki nach Tallinn Ein Blick in ein neues Land Impressionen einer Kunstreise von Bernd Dohrendorf und Gerda Schmidt Die Overbeck-Gesellschaft, der Verein der Kunstfreunde innerhalb der Lübeckischen Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit, unternimmt außerhalb der Arbeit in der Hansestadt mit seinen Mitgliedern auch Fahrten zu Kunstausstellungen und Kulturstätten außerhalb der heimatlichen Umgebung - Reisen in das Ausland ge- hören dazu. Das letzte Unternehmen dieser Art führte unter der erneut bewährten Lei- tung von Dr. Hella Ostermeyer nach Helsinki (Finnland) und Tallinn (Estland). Am Pfingstsonntag ging es mit dem Gasturbinenschiff ,„Finnjet“ der Silja-Line von Lü- beck-Travemünde mit einem überraschenden Zwischenhalt anläßlich der 12. Hanseta- ge der Neuzeit in Tallinn - dem ersten in der 15jährigen Fährgeschichte der Finnjet - nach Helsinki. In der finnischen Hauptstadt standen sowohl eine Besichtigung der Stadt als auch Besuche verschiedener Museen auf dem Programm. Für den insgehei- men Höhepunkt der Reise schiffte sich die Gruppe dort erneut ein, um einen dreitägi- gen Aufenthalt in der estnischen Hauptstadt Tallinn, dem skandinavischen Helsinki gegenüber auf der südlichen Seite des finnischen Meerbusens, zu nenmen. Hier wur- den bleibende Eindrücke eines kräftigen politischen und sozialen Wandels eines die Unabhängigkeit zurückerlangten Landes gewonnen sowie historische und kunstbezoon gene Verbindungen zwischen Tallinn und Lübeck entdeckt. Der Höhepunkt der Hö- hepunkte war zweifellos für die meisten Kunstreisenden die Besichtigung des Revaler Fragments des Totentanzes des Lübeckers Bernt Notke und des Revaler Altars mit der jetzt ältesten bekannten Darstellung Lübecks des ebenfalls aus der Travestadt kom- menden Hermen Rode in der Tallinner Nikolaikirche. Ubrigens machte die ,„Finnjet“ auf der Fahrt von Helsinki nach Lübeck-Travemünde eine Woche später erneut in Tal- linn fest - das zweite und wohl auch vorerst das letzte Mal. Tallinn / Reval ja Hansa - Tallinn / Reval und die Hanse tet ist. Denn 1219 eroberte der dänische König, der zu dieser Zeit auch schon Norddeutschland mit Lübeck in Besitz genommen hatte, das Gebiet von Reva- la. Noch heute zeigt das Stadtwappen den dänischen Danebrog, also das weiße „Tallinn/ Reval ja Hansa - Tallinn/ Re- val und die Hanse“ ist ein in der Festzeit- schrift zum 12. Hansetag der Neuzeit ab- gedruckter Artikel überschrieben - und in der Tat: Die Lübecker Besucher wa- ren nicht in eine fremde Stadt gekom- men. Schon von ferne her über die See weckte das immer deutlicher werdende Stadtpa- norama von Tallinn/ Reval das Interesse der Herankommenden. Von hier aus war noch nicht zu sehen, daß von rund zwei Millionen Einwohnern Estlands fast 500000 in der Hauptstadt dieses Landes leben - die weiten Vororte ka- men erst bei einer späteren Stadtrund- fahrt mit einem Bus in das Blickfeld. Es tat sich hier den erwartungsvollen See- reisenden eine historische Stadt mit ih- ren vielen Kirchtürmen als die markan- testen Punkte dieser Bucht auf, und bald wurde auch der über dem Hafen mit sei- ner Unterstadt liegende Domberg mit der Oberstadt deutlicher sichtbar. Nicht zu übersehen blieben allerdings auch die die Stadtsilhouette störenden hohen Schornsteine und Wirtschaftsbauten. Das Betreten eines neuen Landes bedeu- tete aber doch die Aufnahme in einer al- ten Stadt. Nicht nur Deutschen ist die estnische Hauptstadt untet dem über viele Jahr- hunderte geführten Namen „Reval“ be- kannt. Mit der ersten Unabhängigkeit Estlands nach dem Ersten Weltkrieg 1918 wurde auch die estnische Bezeich- nung „Tallinn“ eingeführt, die von Taa- nilinn - Danilinn - Dänenstadt abgelei- 228 Kreuz im roten Feld. Bald erhielt Reval lübisches Stadtrecht und trat auch dem Städtebund der Hanse bei. 1346 kam das Gebiet mit der Stadt an den Deutschen Orden, dessen Wirken im Osten auch starke Ursprünge in Lübeck hatte. Noch Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Deutschen die größte Bevölkerungs- gruppe in Reval; erst am Ende des Jahr- hunderts begannen die Esten zu über- wiegen. 1561 kamen die Schweden. Und von 1710 bis 1918 dauerte die russische Zarenherrschaft - nach einer Zeit der Unabhängigkeit geriet Estland 1939 auf- grund eines geheimen Zusatzprotokolls zum sogenannten Hitler-Stalin-Pakt un- ter sowjetische Herrschaft. Die Sowjeti- sierung führte dazu, daß heute in Estland das Bevölkerungszahlenverhältnis zwi- schen Esten und Nichtesten etwa 60 zu 40 beträgt; in Tallinn stieg der Anteil der Russen von 8 auf fast 50 Prozent an. Die zweisprachigen Straßenschilder tragen dieser Entwicklung Rechnung. Eine deutlich erkennbare Distanzierung von Esten gegenüber den Russen birgt den Kern von Konflikten in sich. Das mittelalterliche Reval zeigt sich be- sonders in der Unterstadt von Tallinn. So beeindrucken Rathausplatz und Ra- thaus genauso wie die zahlreich erhalte- nen Kaufmannshäuser und die Heiligen- Stolz wird die estnische Flagge mit den Farben blau-weiß-schwar: nach der Wie- dererlangung der Unabhängigkeit ge- zeigt. Geist-Kirche, die Olavskirche, die Niko- laikirche. In dieser Nikolaikirche liegt überhaupt der eigentliche Höhepunkt kür einen Besucher aus Lübeck: Neben dem Totentanz-Fragment, das zumin- dest eine enge Verwandtschaft zu der ehemaligen Darstellung in der Lübecker Marienkirche des Lübecker Meisters Bernt Notke zeigt, ist dort die älteste noch vorhandene Abbildung der Stadt Lübeck zu sehen, und zwar auf einem Altar des Lübecker Meisters Hermen Rode. Einen ganz anderen Eindruck vermittelt der Domberg mit der Oberstadt. Be- herrscht werden Berg und Stadt von dem der Anhöhe den Namen gebenden mit- telalterlichen deutschen Dom. Hinzuge- sellt hat sich dort oben in russischer Zeit eine orthodoxe Kathedrale. Bedeutsam- stes Bauwerk bleibt allerdings die Burg des Deutschen Ritterordens, die heute als Schloß Sitz des Parlaments und der Regierung von Estland ist. Geprägt wird die Oberstadt dennoch von den zahlrei- chen Adelshöfen, die meist mehrge- schossig sind und teilweise als dreiflüge- lige Anlage errichtet wurden. Besonders beeindruckend ist die Stadt- befestigung. Vorhanden sind etliche Tei- le der Stadtmauer in mehreren Berei- chen der Altstadt sowie 27 Wehrtürme in der Unterstadt und 3 Türme in der Ober- stadt. An einigen Stellen werden die ge- waltige Höhe und die enorme Breite der Maueranlage ganz deutlich. Hier und dort sind die Wehrgänge noch erhalten oder wiederhergestellt. Noch heute führt der gewaltigste Befestigungsturm den deutschen Namen ,Kiek in de Kök“, al- s0 „Guck in die Küche“. d Lübeckische Blätter 1992/15 Lül
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