Full text: Lübeckische Blätter. 1992 (157)

Stiers der Agypter: „Ich, der ich ,Das Land der Pyramiden gelesen hatte, mel- dete mich. ,Chapi’‘, sagte ich, berauscht von Wissenschaft. - „Falsch, setzen, bes- ser nichts wissen, als Verkehrtes. Apis hieß er.‘~-Undichließ mich niederschla- gen! ... Die Leute von Keme sagten „Chapi‘. Ich wußte es besser als der gute Mann. Ich schwieg - und habe mir mein Leben lang dies Verstummen vor fal- scher Autorität nicht verziehen.“ In den 20er Jahren las Thomas Mann während der Vorbereitung des Projektes Flauberts „SalammbÖ“, „um zu sehen, wie man es heute nicht machen kann. Nur keinen archäologischen Brokat“), so sein Entschluß. Die Zeit der intensiven archäologischen und mythologischen Studien begann. 1925 erfolgte eine erste Ägyptenreise. Thomas Mann berichtete in der Vossischen Zeitung unter ande- rem darüber, wie er lange vor Echnatons Grab - eigentlich Amenophis III - ge- standen habe. Ende 1926 begann er mit der Niederschrift des Romans, aus dem er schon 1927 das berühmte erste Kapitel - „Die Höllenfahrt“ - in München vor- trug. Die Freundschaft mit dem Ägypto- logen Spiegelberg, nachzulesen in den Tagebüchern und im Katalog, hatte be- gonnen. Spiegelberg war es auch, der die Idee, Joseph und Echnaton in eine Zeit zu verlegen, absegnete. Nach Wilhelm Spiegelbergs Tod half dessen Nachfolger Alexander Scharff bei wissenschaftli- chen Fragen weiter. Im Oktober 1933 er- schien von dem ursprünglich als Trilogie geplanten Werk „Der erste Roman: Die Geschichten Jaakobs“, dem als „Der zweite Roman: Der junge Joseph“ im Frühjahr 1934 folgte. Mitte 1936 er- schien in Wien ,Der dritte Roman: Jo- seph in Ägypten“, an dem Thomas Mann gearbeitet hatte, seit er München verlas- sen hatte. Nach einer Unterbrechung, während der „Lotte in Weimar“ ent- stand, wurde 1940 der vierte und letzte Teil - „Joseph, der Ernährer“ - in An- griff genommen, der am 4. Januar 1943 vollendet war und im Dezember des glei- chen Jahres in Stockholm erschien. Bis März arbeitete Thomas Mann noch an der thematisch eng verwandten Moses- Novelle, um dann sofort mit den Vorar- beiten zum „Doktor Faustus“ zu begin- nen. Kurzke: „Einführung in Thomas Manns Joseph-Roman' Hermann Kurzke (Mainz) unternahm den zum Scheitern verdammten Versuch einer Gesamtinterpretation erst gar nicht. Statt dessen griff er drei Ebenen heraus, die man als „Weg der Erkennt- nis, den autobiographischen Anteil und die zeitgeschichtliche Bedeutung des Romans“ überschreiben könnte. 186 Ä Zuerst beleuchtete Kurzke Thomas Manns Weg von der Bejahung des Wil- lens hin zur Erkenntnis als Erlösung vom Wollen. Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung“ steht Pate. Thomas Manns Liebeswerben um die Welt und die Leiden in Einsamkeit auf der ande- ren Seite münden in der Erfahrung, daß alle Erscheinungen Sinn haben, daß auch in einer scheinbar als nihilistisch er- fahrenen Welt Sinngeborgenheit herge- stellt werden kann. Ein dialektischer Zu- sammenhang von Gut und Böse wird er- fahrbar gemacht: „Gott ist nicht das Gu- te sondern das Ganze.“ Der Gott des Jo- seph-Romans ist zugleich Spieler, Regis- seur und Künstler. Thomas Mann macht Vorschläge, wie man in einer glaubens- losen Welt trotzdem in „Spuren“ leben kann. Man kann nämlich erkennen, so Kurzke, wer man ist, und human leben, das „Leben zum Lächeln bringen“, wie Joseph zu Mai-Sachme sagt. Die Götter, die Thomas Mann dazu erfindet, sind der Humor, die Freiheit und die Wahrhaftig- keit. Der Joseph-Roman spricht auch von Thomas Manns persönlichen Erfahrun- gen, bemühte er sich doch Zeit seines Lebens - getreu Nietzsche -, „die Hunde im Souterrain“ an die Kette zu legen. Von der bedrohten Keuschheit ist eben- so in „On myself“ (1940) die Rede. Im Grunde beschreibt das Kapitel , In Schlangennot“ die eigene „Heimsu- chung“ Thomas Manns, das Zittern vor dem ,Einbruch trunken zerstörender und vernichtender Mächte in ein gefaß- tes und mit allen seinen Hoffnungen aut Würde und ein bedingtes Glück der Fas- sung verschworenes Leben“. Wir ken- nen die Heimsuchung des 7Sjährigen aus dem Tagebuch 1949/1950 in der Person von Franz Westermaier. In der schließ- lich den Segen davontragenden Figur Ju- das findet das Leiden an der Geschlecht- lichkeit seine Gestalt. Und die Paul-Eh- renberg-Zeit, auch sie eine als Heimsu- chung erfahrene, findet fast wörtlich aus dem Tagebuch übernommen Eingang in den Mut-emenet-Roman. Ein lIyrisches Elaborat aus Notizbuch 7 wird Zeile für Zeile für Mut verwendet. Der abgeklärte Satz des Erzählers, der das Drama um Mut kommentiert! „Man kennt auch das“, auch er ist den Tagebüchern ent- nommen. Selbst den abschließenden Satz „Immerhin ich hatte gelebt und ge- Literatur zum Joseph-Roman: Baeumler, Marianne, und Hermann Kurzke, Thomas Mann und Allkred Baeumler, Eine Dokumentation, Würzburg 1989, Verlag Königshau- sen & Neumann. Berger, Willy R., Die mythologischen Motive in Thomas Manns Roman „Joseph und seine Brüder“, Köln 1971, Böhlau Verlag. Diercks, Manfred, Studien zu Mythos und Psychologie bei Thomas Mann (Thomas-Mann-Studien 2. Band), Bern 1972, Francke Verlag. Grimm, Alfred, Katalog: Joseph und Echnaton - Thomas Mann und Ägyp- tg; Maine 1992, Philipp von Zabern Hamburger, Käte, Thomas Manns bi- blisches Werk, Frankfurt 1984 (1965), Fischer Verlag 6492. Koopmann, Helmut (Herausgeber), Thomas-Mann-Handbuch, Regens- burg 1990, Kröner Verlag. Mann, Thomas, und Karl Kerényi, Gespräche in Briefen, München 1967 (1960), dtv sr 61. Schlögl, Hermann, Echnaton, Ham- burs 1986, rororo bildmonogr. rm Wesel, Uwe, Der Mythos vom Ma- triarchat, UVber Bachofens Mutter- recht und die Stellung von Frauen in frühen Gesellschaften, Frankfurt 1990 (1980), Suhrkamp - Wiss. - TB liebt“ leiht Thomas Mann mit veränder- tem Personalpronomen Mut. Schließlich ist der JosephrRoman - Agypten wird gleichsam ins 20. Jahrhun- dert verlegt - eine zeitbezogene Konzep- tion des Republikaners Thomas Mann. Sein Joseph ist am Menschheitsfort- schritt orientiert. Vernunkt bewegt den Autor, der die inn umtreibenden persön- lichen und politischen Leidenschaften sowie die Todessehnsucht ein Gutteil überwunden glaubt, wenn er Joseph in eine teils erotisch todeslüsterne, deka- dent geschilderte Gesellschaft eintreten läßt, die in Beknechon eine dem Faschis- mus verwandte Gestalt aufweist. aph I. Thomas Mann und die Ägyptologie Hornung: Echnaton in der Wissenschaftsgeschichte Erik Hornung, Ägyptologe (Basel), wid- mete seinen Vortrag „Thomas Mann, Echnaton und die Ägyptologen“ vor al- lem der Wissenschaftsgeschichte in Be- zug aut Echnaton. Die erste Forschungsarbeit über diesen König, der bis dahin fast unbekannt ge- wesen war, legte im Jahre 1851 Karl Ri- chard Lepsius vor. Er sah in den Lehren dieses Religionsstifters und Reformators noch einen Irrweg der ägyptischen Gei- stesgeschichte, während Heinrich Brugsch mit seinem Werk „Geschichte Lübeckische Blätter 1992/13 AZgyPpt WEL Forsct derne; te. Das V durch so die in seir Übers sang“ Fund Frau schliel sal-Ste 1922. Dies \ Mann send \ Biogr: Agypt thur Thom hat.. E überre gesehce als an tums a kensw dem A ner RE ein dir Mensc und a ches E tragisc der E wurde scheite Moder: naton achim ihn eh seine von ol Brutal Grund Religü sie, an Religi keit el stanz | stellte. 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