Full text: Lübeckische Blätter. 1992 (157)

„Auf dem Weg in die neunziger Jahre‘ - Gedanken zur finanziellen Situation der Stadtbibliothek Wenn Lübeck gezwungen ist, sein Thea- ter für 50 Millionen Mark zu sanieren und für den Neubau einer Musik- und Kongreßhalle viele weitere Millionen beizusteuern, muß im Kulturbereich an anderen Stellen gespart werden. In die- sem Sinne erhöhte die Bürgerschaft vor einiger Zeit die Eintrittspreise für seine städtischen Museen. Wünschenswerten Null-Tarif kann sich die Kultur längst nicht mehr leisten. Im Gegenteil: „Kul- tur soll den Rotstift spitzen“, meint mit gewissem Recht Schleswig-Holsteins Bund der Steuerzahler und beklagt über- mäßige Ausgabenfreudigkeit der Stadt- väter. Auch in Lübeck werden von der Bürgerschaftsmehrheit ständig neue Personalstellen eingerichtet und finan- zielle Forderungen gestellt, ohne für Deckung, Einsparung oder Umschich- tung zu sorgen. Obwohl dem Kulturetat bereits engste Grenzen gesetzt sind, kri- tisieren die Steuerzahler sogar zu hohe Subvention städtischer Bibliotheken. Lübecks Stadtbibliothek wird seit Mitte 1990 von einem neuen Direktor geleitet. Daß sich sein Vorgänger, Dr. Klaus Bock, als „Bücherverschenker“ oder gar „rausmerzer“ betätigt hatte, wirbelte da- mals viel Staub auf und führte sogar zum Wortspiel, man habe „den Bock zum Gärtner gemacht“. Als aber seine finan- ziell anspruchsvollen Pläne von der Bür- gerschaft nicht sogleich akzeptiert wur- den, verabschiedete er sich kurzerhand zu neuer Tätigkeit in Berlin, wo er nach dortigen Querelen bald in den Ruhe- stand trat. Er verließ in Lübeck die heile Welt einer gut funktionierenden Biblio- thek, die zweitellos nicht mit den neue- sten Hilfsmitteln eines modernen Leih- verkehrs ausgestattet, doch während sei- ner Tätigkeit durch einen teuren Neubau erweitert worden war. Nun hat Dr. Jörg Fligge die Leitung übernommen. Bekanntlich kehren neue Besen nicht nur gut, sondern verbinden damit meist auch finanzielle Forderun- gen, um eigene Konzeptionen zu ver- wirklichen. Diese dürften bisherigen Bi- bliotheksfkfreunden sympathisch sein, denn Fligge möchte seine Schwerpunkte im Bereich der Wissenschaftlichkeit set- zen gegenüber dem Bereich des Allge- meinwissens und der Unterhaltung. Kul- tursenator Meyenborg wiederum sieht die Stadtbibliothek als ein Kommunika- tionszentrum für möglichst viele Bürger, obwohl es in unserer Stadt bereits meh- rere ähnliche Einrichtungen für be- stimmte Personengruppen gibt. Dann al- lerdings wird man das Personal und den Zuschuß der Bibliothek aufstocken müs- SEN. 138 Bereits jetzt kämptt die Bücherei mit zahlreichen Hilfskräften gegen den Man- gel an ausgebildeten Mitarbeitern bei sich ständig erweiterndem Angebot durch Ausstellungen, Veranstaltungen zum Beispiel über Müllbeseitigung, Dro- gen- und Ausländerprobleme oder Le- sungen. Es wurde sogar ein promovier- ter Schriftsteller für diese Öffentlich- keitsarbeit engagiert. Handelt es sich da- bei um gehaltvollere Vorhaben, sollte das Amt für Kultur seinen bescheidenen Etat nicht gießkannengleich versickern lassen, sondern sich auf Schwerpunkte konzentrieren. Mit seinem richtungsweisenden Aufsatz „Bibliothek der Hansestadt Lübeck aut dem Weg in die neunziger Jahre“ (Lü- beckische Blätter“ Jahrgang 1991 Heftt 8) hat Fligge seine Zielsetzung verdeut- licht. Auch haben alle Redner beim Fest- akt im Scharbau-Saal anläßlich der Rückkehr ausgelagerter Bibliotheksbe- stände nicht nur mit Vehemenz auf die eminent wissenschaftliche Bedeutung unserer Stadtbibliothek hingewiesen, sondern auf nötige finanzielle Unterstüt- zung. Die Bibliothek müsse Schätze be- wahren, den Ansprüchen der Wissen- schaft genügen und dürte sich zeitgemä- Ben Nutzungsmöglichkeiten nicht ver- schließen. Dementsprechend stimmte eine Mehr- heit des Kulturausschusses in seiner Sep- tember-Sitzung 1991 der Einführung elektronischer Datenverarbeitung in der Stadtbibliothek zu. Sie soll in drei Stufen erfolgen und würde den städtischen Etat in diesem Jahr mit 500 000, dann 1994 mit 200 000 und 1995 mit 221 000 Mark kür Sachkosten belasten. Es werden al- lerdings auch personelle Forderungen nach einem Organisator für die elektro- nische Datenverarbeitung und 8 bis 10 Hilfskräften als Arbeitsbeschaffungs- maßnahme gestellt. Wenn es der Biblio- thek gelingt, Bürgerschaft und Senat von der Wichtigkeit ihrer Forderungen zu überzeugen, könnten diese geneigt sein, in den städtischen Geldbeutel zu greifen. Wird doch auch das von der SPD-Mehr- heit durchgesetzte Frauen-Nachttaxi jährlich mit 500 000 Mark bezuschußt. Da aber Lübecks Kassen chronisch leer sind, sollte man sich in der Bibliothek ge- trost auch über andere Finanzierungs- beziehungsweise Einsparungsmöglich- keiten Gedanken machen. Da wurde beispielsweise zum neuen Jahr die Säumnisgebühr erhöht. Entleiher, von denen die vierwöchige Leihfrist überschritten wird, zahlen statt bisher ei- ner nun drei Mark für einen gesamten Leihvorgang. Neben der Tatsache, daß dadurch beträchtliche Einnahmen er- zielt werden, soll dieser pädagogische „Zoll“ auch bewirken, daß wichtige Bü- cher nicht für längere Zeit im Leihver- kehr fehlen. Dennoch gibt es (auswärti- ge) Studenten, die für ihre Arbeiten eine Fülle von Fachbüchern entleihen und da- kür Mahngebühren sogar für monatelan- ge Vberziehung in Kauf nehmen, selbst wenn sich die Kosten summieren. Da hilft nur, daß sich die Säumnisgebühren von Woche zu Woche spürbar steigern. Im Sinne weiterer Sparmöglichkeiten mul sich die Bibliothek fragen lassen, ob das, was früher ständig und mit Vehe- menz als äußerst dringlich und nötig an- geschafft wurde, tatsächlich so ,,not- wendig“ war. Was sich in vergangenen Jahren an politisch einseitigen Broschü- ren und oft nicht gerade staatstragenden Druckerzeugnissen angehäuft hat, ver- ärgerte manch konservativen Leser. Doch nicht einmal an aggressiver Wahl- propaganda mit handfester Verteufe- lung von ,Profitmaximierern“, ,bösen Bossen“ oder ,„Stimmännern“ in ihrer Rolle als „Altstadtverschandeler“, die auf der Theke in Massen auslag, hat man sich früher gestört; auch nicht an der ho- hen Zahl angeschaffter Mehrfach-Bände - von Türkischer Sprachlehre über Jo- hannes Mario Simmel bis hin zu Arno Surminski und einer Sorte Belletristik, die besser als „Maletristik“ bezeichnet werden könnte. In diesem Anschaf- kungsbereich wären Einsparungen mög- lich, um Beträge für die Einrichtung ei- ner elektronischen Datenverarbeitung frei zu machen, wenngleich jede Biblio- thek mit ihren Anschaffungen stets up to date sein möchte. Ständiges Ärgernis ist die Angewohnheit vieler Entleiher, sich nicht auf zwei oder vier Bücher zu beschränken, sondern se- rienweise bis zu 15 und mehr Exemplare nach Hause zu nehmen. Der Verfasser erinnert sich daran, wie eine junge Dame zur Adventszeit allein 18 Bücher über Batik-Herstellung fortschleppte und da- mit den gesamten Bestand leerräumte; oder an Studenten, die zum Transport ihrer massenhaften Entleihungen einen Wäschekorb oder Einkaufswagen mit- brachten. Könnte man diesem Übel nicht dadurch begegnen, daß für Besu- cher ab 15 Jahre eine ganz geringe Leih- gebühr eingeführt würde von zum Bei- spiel 10 oder 20 Pfennigen pro Buch? Selbst einem Sozialhilkeempfänger wäre es möglich, sich diesen kleinen Bücher- luxus zu leisten. Man erwirbt eine Karte für 10 oder 20 Bücher, die beim Entlei- hen gelocht oder abgestempelt wird. Der Arbeitsaufwand wäre minimal. Auch die Verbuchung dürfte kein Problem sein. Mit Selbstverständlichkeit wurde bisher Lübeckische Blätter 1992/10
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