Full text: Lübeckische Blätter. 1992 (157)

Lebenswille und Todessehnsucht Eine zeitgenössische Reflexion anthropologischer Grundtatsachen Zum Vortrag von Helmut Raguse am 3. April in der Petrikirche - ein Bericht von Günter Kohfeldt Der Theologe und Psychoanalytiker Helmut Raguse hielt im Rahmen der Veranstaltungen zu „Palmarum 1942- 1992“ in der Petrikirche einen Vortrag über das Thema „Lebenswille und To- dessehnsucht“. Bei der Arbeit an dem Vortrag habe es sich ihm allerdings erge- ben, so erklärte er eingangs, statt „To- dessehnsucht“ besser „Vernichtungswil- le“ zu sagen. Mit dieser Formulierung bekannte er sich gleich anschließend zu der Freud- schen psychoanalytischen Position, in- dem er dessen bekannte Formulierung zitierte, nach der für Menschen zwei Triebe bestimmend seien, nämlich der für die Erhaltung sorgende Lebenstrieb und der Zerstörung intendierende To- destrieb. Sie seien „biologische Grund- tatsachen“. Zwar sprach Raguse in die- sem Zusammenhang von Freuds ,Trieb- mythologie“, da der genannte Gegensatz für diesen eine „kosmische Gegeben- heit“ sei, aber man nehme ihm nichts Wesentliches, wenn man entmythologi- sierend davon spricht, daß Menschen sich wünschen zu leben und daß sie einen Hang haben, diejenigen zu hassen, die sie dabei hindern. Gegenseitige Liebe und Identifizierung mindern zwar die Destruktivität nach Freud, jedoch gelte dieses leider nur innerhalb einer Ge- meinschaft, deren Liebespotential nach innen sich nach außen gegenüber den von der Gemeinschaft Ausgeschlosse- nen in Haß verkehre. Diesem Pessimis- mus im Verhältnis zur menschlichen Na- tur ständen aber bei Freud zwei die De- struktivität eindimmende Entwicklun- gen gegenüber. Die eine erkenne er im Kulturprozeß, der allerdings durch seine Einschränkung der Aggressivität und Se- xualität zu psychischen Erkrankungen führe. Die andere und wichtigste Lösung des Destruktivitätsproblems sehe Freud in der „Diktatur der Vernunft“. Hierin, in der „leisen Stimme“ der Vernuntt, lie- ge die Freudsche Version messianischer Verheißung. Sie lösche die Triebe nicht aus, verteufele sie aber auch nicht, in- dem sie unter die Herrschaft der Ver- nunkt gestellt würden. Diese wieder sei eine „Verbündete des Realitätsprin- ZiPs“ . Der Theologe Raguse machte nun mit ei- nem Blick auf das 7. Kapitel des Römer- briefes geltend, daß in Anbetracht der allgemeinen Anfälligkeit für Sünde auch die Vernunft keine Garantie für den Frieden darstelle. Von hier aus stellte Raguse nun die Frage, was diejenige Sünde sei, „die selbst die Vernunft unter ihre Macht bringt“. 130 Sünde definierte Raguse als den Versuch des Menschen, „wie Gott sein zu wol- len“, das heißt also, „gottgleiche Macht auszuüben“. Diese Möglichkeit sei im Judentum wegen des unendlichen Ab- stands von Gott und Mensch ausge- schlossen. Dem Christentum aber atte- stierte Raguse eine verhängnisvolle Ten- denz, Gott gleich sein zu wollen. Diese Tendenz begegne in eschatologischer Weise in der Apokalypse des Johannes, da in ihr die Welt in eine göttliche und in eine satanische gespalten sei. Der gläubi- ge Christ gehe im Rahmen der Gerichts- und Strafvorstellungen der Apokalypse ins himmlische Jerusalem ein und sitze mit auf Gottes Thron. Aber mit dem in den Schwefelpfuhl gestoßenen Gottlo- sen gebe es kein Erbarmen, ja Johannes fordere die Heiligen und Apostel auf, „über die Vernichtung Babylons zu ju- beln. . .“. Raguse sagte wörtlich: „Der Sadismus im Text ist überdeutlich, aber er weiß sich im Einklang mit einem furchtbaren und gewaltigen Gott.“ Übereinstimmung mit diesem Gott gebe Anteil an seiner Macht und dadurch Le- benssicherheit. So ständen „größte Ag- gressivität und die Phantasie einer leidlo- sen, paradiesischen Zukuntt. . . eng bei- einander.“ Der Text der Apokalypse ist für Raguse Ausdruck „einer gefährli- chen Phantasie“, weil einerseits die Chri- sten „Anteil an einer göttlichen Macht- fülle bekommen“ und andererseits Gott „mit Eigenschaften ausgestattet wird, in denen man alle Züge menschlicher Zer- störungssucht mühelos wiedererkennt“. Raguse erklärte die Machtphantasien des Textes aus der verzweifelten Lage der damaligen christlichen Gemeinde, die vergeblich auf die Wiederkuntt Chri- sti wartete. Solche Gedanken seien für sie sicher tröstlich gewesen, mithin auch verständlich. Wirklich gefährlich wür- den solche Phantasien indes dann, wenn die Gelegenheit sich ergäbe, diese Machtträume in faktische Wirklichkeit umzusetzen. Nur scheinbar unterbrach Raguse hier seine Gedankenlinie, als er nun auf den Roman eines deutschen Germanisten kam, der 1929 veröffentlicht wurde. Er heißt „Michael - ein deutsches Schicksal in Tagebuchblättern“. Dieser Michael erlebt eine unglückliche Liebe, gerät in tieke Verzweiflung und schließt danach eine von Haß-Liebe bestimmte Freund- schaft mit einem Russen namens Iwan. Wegen dessen panslawistischen, vor al- lem aber kommunistischen Impulsen kommt es zum Bruch zwischen beiden. Michael. Germanistikstudent, bricht sein Studium ab, will dem Vaterland die- nen und geht deshalb ins Bergwerk, wo er tödlich verunglückt. Wichtiger als die Handlung sind, so Raguse, die Tage- buchnotizen Michaels. Da heißt es zum Beispiel: „Gott hilft dem Tapferen und schlägt den Feigen“, oder: „Eine Idee wächst in mir zu grandiosen Formen: Totentanz und Auterstehung.“ Diese Formulierung sei das eigentliche Thema des Romans. Michael tötet im Bergwerk in einem Tagtraum Iwan, wobei er in inm den russischen Menschen besiegt und ihn dem Drachen gleichsetzt, den der Engel Michael in der Apokalypse als das Prin- zip des Bösen überwindet. So identifi- ziert sich der Michael des Romans nicht nur mit dem apokalyptischen Drachen- bezwinger, sondern mit Gott selbst, in- dem er sagt: „Ich bin kein Mensch mehr. Ich bin ein Titan. Ein Gott!“ Ferner er- kennt Raguse in diesem Michael auch ei- ne Identifikation mit Christus, weil jener ein Christuscdrama schreibt. An dieser Stelle seines Vortrags enthüll- te Raguse den Reichspropagandamini- ster Joseph Goebbels als Autor dieses Romans und Michael als dessen alter ego. Dieses Buch widmete Goebbels dem Andenken seines Freundes Richard Flisges, der 1923 in einem Bergwerk ums Leben kam. Er war Anarchist, Nihilist, Kommunist und wurde als Sterbender von Goebbels idealisiert. In der Gestalt des Michael habe sich Goebbels mit dem sterbenden Arbeiter-Märtyrer Richard verbunden, und in dem Iwan des Ro- mans habe er genau das symbolisch getö- tet, was inn an den kommunistischen und anarchistischen Ideen des Freundes fas- ziniert habe. Und dieses Ertôötete ist nun für Goebbels das Böse schlechthin. Wie der Michael des Romans in künstleri- scher Produktion seine haßerfüllten Phantasien auslebt und in einer Münch- ner Versammlung einen Redner erlebt, der ihm wie ein Apostel des Jüngsten Gerichts erscheint, so findet der reale Goebbels in Hitler diesen Mann, der ihm die Möglichkeit gibt, neben ihm gott- gleich seine apokalyptische Vision zu verwirklichen als Propagandaminister Hitlers. Wie Michael wird er nun auch zum Kämpfer gegen das Böse. Und die Inkarnation dieses Bösen ist ihm dann der Jude. Raguse knüpfte jetzt wieder an den Ge- danken Freuds an, daß die „Stimme des Intellekts leise“ sein, aber nicht ruhe, „ehe sie sich Gehör verschafft hat“. Goebbels hatte von der „ewigen Sehn- sucht nach Erlösung vom Geiste“ ge- sprochen. Die Seele, das Herz solle über Lübeckische Blätter 1992/9
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