Full text: Lübeckische Blätter. 1992 (157)

gebrachte Groß-Emblemist schneller als gedacht zu einem täglichen Erinnerungs- Mal geworden. Wenn Besucher die in der Marienkirche zur Erinnerung an den Bombenangrikk vor 50 Jahren aufgebaute Ausstellung „Das zerstörte Lübeck“ wieder verlassen und sich links wendend durch das Kanz- leigebäude des Rathauses über die Brei- te Straße hinweg zum Schrangen bege- ben, könnten sie meinen, 1942 sei 1992: große Erdtrichter auf der rechten Seite, jenseits der Königstraße Gebäude ohne Dach und mit leeren Fensterhöhlen. Nein, hier zeigt nicht der letzte Krieg die Reste seiner zerstörenden Kräfte. Mit- ten im noch nie so dagewesenen Frieden werden die steinernen Zeugen aus der Geschichte Lübecks weggeräumt, um den Jletztzeit-Menschen ein weiteres Mehr an Kaufgelüsten zu ermöglichen. Mitten in der von der UNESCO 1987 zum Weltkulturerbe erklärten histori- schen Lübecker Altstadt sind in zwei dicht beieinander liegenden Arealen die Bagger am Werk, um alten Kulturkrem- pel wegzuräumen, damit Kommerz und Konsum ungehindert walten können. Dabei sollte nach 1987 in der hansestäd- tischen Altstadt nichts mehr so bleiben, wie es bisher war. „Zum Schutz des Weltkulturerbes werden denkmalpflege- rische oder gestalterische Entscheidun- gen nicht ausreichen - Perspektiven der Stadtentwickungspolitik und der rechtli- chen und finanziellen Konsequenzen aus dem UNESCO-Statut müssen hinzu- kommen.“ Diese Feststellung im Ta- gungsprogramm einer im Januar 1991 in Bad Segeberg durchgeführten Veran- staltung „Lübeck als Weltkulturerbe“ zielte auf die über 15 Jahre alle Rahmen- planung Innenstadt: 1. Erhaltung der Innenstadt Lübeck in der Gesamtheit ihrer kulturhistori- schen Werte und stadtbildprägenden Elemente als nationales und interna- tionales Kulturdenkmal, 2. Stärkung der Innenstadt als Wohn- ort, 3. Beibehaltung der Innenstadt als Ein- kaufszentrum. Bei diesem Segeberger Treffen sprach sich der damalige SPD-Bausenator Hans Stimmann für eine „Modernisierung der City“ aus, sie müsse ökonomisches Zen- trum, ein Einkaufszentrum sein. Zur Verwirklichung dieses Zieles gehörten der Karstadt-Neubau, die Schaffung ei- ner Einkaufspassage auf dem Gelände der „Lübecker Nachrichten“ und die Er- richtung von Hotels in der Altstadt. Es sei nicht beschlossen worden, daß Lü- beck ein Museum sein solle. Sttmmann ignorierte die UNESCO. Heutesteht die Denkmalpklege vor den Trümmern die- ser Stadtpolitik. Der auf der Segeberger Tagung nicht an- 122 Lübeck ressekonferenz bei Karstadt. Es werden Pt und Fruchtsäfte gereicht. Leider kein Marzipan. Was hier im vierten Stock des Lü- becker Kaukhauses der Öffentlichkeit gezeigt und als beschlossen verkündet wird, ist ohnehin schwer verdaulich: Karstadt will zu einem Karstadt-Kom- plex expandieren, und zwar in unmittelbarer Nähe von Rathaus und Marienkirche. Daran ist nicht mehr zu rütteln. Im Zentrum der Altstadt, im bau- historisch sensiblen Marktviertel, wird sich das schon viel zu große und allseits unbestritten häßli- che Kaufhaus in eben dieser Bauweise auch noch um über ein Drittel vergrößern. „Ich finde“, sagt Karstadt-Direktor Max Hoseit mit geröteter Stirn und über der Brust verschränkten Armen, „wenn ein Warenhaus ein Warenhaus ist, dann soll es auch so aussehen.“ Beifälliges Gemurmel der mehrheit- lich anwesenden Karstadt-Herren. Am Kauthausmodell steht mit Zeigestock und artiger Miene Bausenator Volker Zahn von der SPD. Geschwind parlierend reiht er viele Sätze aneinander, lobt und schmeichelt wie ein Werbe- verkäufer dieses massige Projekt. Gewiß, es geht tür die verschuldere Stadt um Gewerbesteuer, um Arbeitsplätze, um ein Bauvorhaben, das bis jetzt 150 Millionen Mark ausmacht, und schließlich auch um die Käuferinnen und Käufer aus Meck- lenburg-Vorpommern. Aber davon spricht der Se- nator nicht. Statt dessen preist er, ohne zu errö- ten, einen Kaufhausklotz an, der anders aussehen könnte, wenn sich Stadt und Bauherr noch einmal beispielsweise in Amsterdam umgesehen hätten. Seit fast drei Jahrzehnten schon liegt der Kar- stadtr-Erweiterungsplan in der Schublade und wurde, weil unpopulär, immer wieder aufgescho- ben. Aber jetzt ist es soweit. Das Unternehmen vill zm wiedergewonnenen Hinterland verdienen. Die Situation ist günstig. Der ewige Konkurrent Horten ist nicht am Ort vertreten. Er hatte vor Jahren neben dem Holstentor bauen wollen, war aber wegen dieses ungeheuerlichen Ansinnens wieder vertrieben worden. Doch die kritischen Stimmen sind leiser gewor- den. Wohl gibt es die Bürgerinitiative „Rettet Lü- beck“, und es gibt die Läbeckischen Blätter, die Zeitschrift der Gesellschaft „mit dem langen Na- men“, wie man in Lübeck sagt, der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit näm- lich. Aber den Redakteuren der Lübecker Nach- richten, der einzigen Tageszeitung am Ort, schei- nen die Hände gebunden. Karstadt ist der größte Anzeigenkunde. Dann hocken die maßgeblichen Herren sowieso zusammen in Clubs und Gre- mien, bei den Lions etwa und in der Lübecker Kaufmannschaft, wo Dinge ausgehandelt werden, die nächträglich nicht mehr zu diskutieren sind. Hinzu kommt, daß die Verleger der Läbecker Nachrichten inzwischen ihrerseits ein Schnäpp- chen gemacht haben. Sie konnten ihre alten Verlagshäuser in der Kö- nigstraße an einen holländischen Investor verkau- fen. Verlag und Redaktion wurden sehr praktisch an den Stadtrand ausgelagert. Die fünf alten Häu- ser indessen stehen direkt gegenüber von Karstadt, ihr entfernteres Visavis sind die Marienkirche so- wie das alte Kanzleigebäude des Rathauses. In Lü- beck liegt ja laut Thomas Mann „alles in der Nähe“, und alles auf historischem Baugrund. Die- Schlätrig-Holstein retten? Karstadt wird Zentrum der historischen Altstad- ser Handel brachte mehrere Millionen Mark er alle tu. war zu vernehmen. Dagegen wäre nichts zu sz Jenn au wenn die Zeitungsverleger, obwohl Mitgliedel,pnell he Forum „Rettet Lübeck“, nicht zuvor jahre| Verleger den Denkmal- und Bodendenkmalpflegern 1 Rathaus Zutritt zu ihren Häusern versagt hätten. Aus y, was € tem Grund, wie man jetzt weil und immer ahyye. Jetzt. Nach ersten großen Abbrucharbeiten sind ,j4, yon de telalterliche Befunde von hoher wissenschaftlijer der L und denkmalpflegerischer Bedeutung“ entdi Zwischer worden. „Vier Brandwände aus dem 13. und,; Kulturd Jahrhundert mit verschiedenen Architekturglienkmal: rungen im Obergeschoß weitgehend ungestönjnd das halten“, notierte daes Amt für Denkmalpf|, Figentü Umfangreiche mittelalterliche Malereien wuy könig I freigelegt, die vermuten lassen, daß dort, wojeckt wer Verleger saßen, rund 700 Jahre zuvor ein syjeren, m nannter Artushof gebechert habe. Restauratÿ wie? F Linde Saß: „Die Ritter hatten neun Helden,hzehen k sie verehrten, drei christliche, drei jüdische hilichtet v drei heidnische. Darunter König David“, wie jj ist, sch auf der Baustelle zu sehen ist. ſor künk J Solche Sensationen sind für Lübeck nj, zweima Neues. So ist das doch immer. Es wird irgenth zum ,,) gebaut, gegraben, umgebaut, und schon stolz, so Bürs man über mittelalterlichen Müll. Das wissen ze in der I - ... Wohl gibt es die Bürgerinitiative „Rettet Lübeck“, und es gibt die „Lübeckischen Blätjhhenzeitr wesende Bürgermeister hält inzwischen ein Abgehen von der Stimmann-Auffas- sung für erforderlich. Schon im Novem- ber des letzten Jahres forderte er eine neue Zielbestimmung für die Lübecker Altstadt. Dem Schutz des Kulturdenk- det mals gebühre die oberste Priorität. Die Dic Altstadt könne die von ihr erwartete sta Einkautks- und Wohnfunktion nicht lee sten, ohne das Kulturdenkmal zu gefähr- | Zu Lübeckische Blätter 1992/9
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.