Full text: Lübeckische Blätter. 1992 (157)

mung“ in Lisztscher Bearbeitung wie improvisiert dahintoste - was völlig ‘an der Poesie des Gedichts von Friedrich Rückert vorbeigeht - oder sich die Transkription von Verdis „Rigoletto“ zum Klingelschinken aufplusterte: Man dark Kevin Kenner bescheinigen, daß er dank enormer pianistischer Fertigkeiten sein Publikumso fasziniert, dal es hinge- rissen applaudiert. Hans Mlillies 5. Sinfoniekonzert Draußen tobte der Sturm. Aber die um- gebaute Holstentor-Halle mit ihrem vor- gesetzten Zirkuszelt-Entree, am Vorta- ge noch bei frühlingshaftem Wetter erötkknet, mußte eher von innen her, nämlich bei dem vom Orchester entfach- ten „Donner und Blitz“, einer Schnell- polka von Johann Strauß, Standfestig- keit beweisen. Diese launige Musik paß- te zum Tage, schließlich war Rosenmon- tag (2. März), und sie paßte zu dem Ein- gangszelt, durch das der Besucher in ge- spannter Erwartung auf das Neue in die Halle geleitet wurde, und sie paßte auch als ironische Anspielung zum Anlaß: Zur Eröffnung eines schnell geschaffe- nen Unterschlupks für die Konzertfreun- de. In Blitzeseile, in einer wahrlich un- glaublich kurzen Zeit, war dieses Über- gangs-Provisorium erstellt worden. Kaum etwas erinnert an die vorherige sportliche Nutzung, denn der Raum ist zu einer respektablen sinfonischen Spiel- halle umgestaltet worden. Der Elan, mit dem Lübecks Sinfoniker in dieser Aus- weichhalle an ihren ersten Auttritt her- angegangen waren, spiegelte, daß sich das Orchester auf diesem neuen Podium wohlfühlte. Das taten auch die Worte ih- res Generalmusikdirektors Erich Wäch- ter, der den Verantwortlichen, voran dem Senat, für die schnelle Lösung dankte. Und auch das Umteld ist ange- nehm gelungen: blaue Holzbauten vor sonst weißen Wänden, eine geschickte, die Bogen-Konstruktion betonende Be- leuchtung und eine zunächst spartanisch anmutende, doch erstaunlich sitzfreund- liche Bestuhlung, nicht zuletzt auch der schöne Blumenschmuck in den lübschen Farben, der das Eröffnungskonzert fei- erlich hervorhob. Weniger angenehm war noch die Raumtemperatur. Der Wind wollte wohl nicht nur im Zirkuszelt ein kräftiges Wörtchen mitreden. Aber nicht nur das läßt noch einmal deutlich betonen, daß es sich bei dieser Halle nur um ein Provisorium handeln kann: Sie ist mit ihren 800 Sitzplätzen für große Sinkonie-Konzerte zu klein. Und auch die Akustik hat, so wohltuend sie im ersten Moment die breiigen Verhält- nisse in den Kirchen vergessen läßt, noch einige Probleme. Es scheint der Nach- hall, der klangliche Wärme gibt, zwar ausreichend zu sein, er läßt aber in seiner Lübeckische Blätter 1992/6 Kürze sehr direkt hören und hebt man- che Spitzentöne obertonärmerer Instru- mente hervor, so zum Beispiel die Violi- nen in hohen Lagen oder die mit hartem Schlegel geschlagene Pauke. Auf diese Eigentümlichkeiten wird sich das Orche- ster einstellen müssen, das zur Eröff- nung ohne vorherige Proben seine Be- kanntschaft mit dem Raum machen mußte. Diese Akustik hebt zudem die Bläser im Zusammenklang sehr hervor. Andererseits werden die Streicher selbst im Pianissimo erstaunlich gut getragen. Und das macht einmal wieder deutlich, daß in die Reihen der Streicher ein paar mehr Instrumente gehören, damit die natürliche Balance im Forte zu den Blä- sern nicht dadurch erkauft werden muß, daß forciert wird, was nicht nur in dieser Halle zu klanglicher Verzerrung führt. Nach dem fulminanten Polka-Auftakt und der kurzen Dankes-Rede des Gene- ralmusikdirektors konnten die Zuhörer dann ein sehr sensibel gestaltendes Or- chester erleben, das mit einem an- spruchsvollen Auftaktprogramm diese neue Spielstätte auch geistig in Besitz nahm. War der erste Programm-Beitrag noch aktuelles Zugeständnis. „„Römi. scher Karneval“ nämlich in der Sicht des Franzosen Hector Berlioz, mit kontrast- reichen Szenen aus dem geselligen Le- ben inItalien, das nach der Polka den ita- lienisch-spanischen Saltarello in den Vordergrund stellte, so konnte man da- nach in einer ebenso lebendigen wie mit- reißenden Wiedergabe das Orchester in Béla Bartóks Bratschen-Konzert erle- ben, ein Werk, das den Solisten und das Orchester vielfältig fordert. Solistin war die 1966 geborene hervorragende Brat- scherin Tabea Zimmermann. Es war nicht nur ein besonderes Erlebnis, ihrer klangschönen und lebendigen Interpre- tation zu folgen, es war auch ein Vergnü- gen, ihre körperliche Veranschaulichung dieser Musik mit dem Auge zu genießen. Fast tänzerisch bewegte sie sich zu der Musik, die sich bei Bartóök aus dem unga- risch volksmusikalischen Grund erhebt und sich bei Tabea Zimmermann zur die Emotion spiegelnden Bewegung wan- delt. Der begeisterte Applaus zeigte, daß durch diese Interpretation ein Lr o- Bes und schwieriges Werk der Moderne sich dem Publikum unmittelbar mitge- teilt hatte. Abschluß dann eines in sich durch die Nähe zum Tanz geprägten Programms war Beethovens siebente Sinfonie, nach Wagner „Apotheose des Tanzes“, bei Wächter aber keine sinfonische Verklä- rung des Tanzes, sondern eine erdgebun- dene und handfest wirbelnde Wiederga- be vor allem der Ecksätze. Hier ver- rutschte die Balance aus Unerfahrenheit mit den klanglichen Verhältnissen noch etwas. Vor allem der donnernde Schlag der Pauken übertönte manches zu vor- dergründig. Hervorragend dagegen der durch die zweitaktige Bindung pulsie- rend gehaltene Fluß des Allegrettos und die überzeugenden Kontraste im dritten Satz, bevor dann die Aufführung mit dem atemraubenden Finale schloß, wo- bei Wächter seine Musiker in einen ek- statischen Wirbel riß. So präsentierte sich die neue Spielstätte nicht zuletzt durch eine außerordentli- che Leistung des Orchesters und seines Leiters in bemerkenswerter Form. Da- mit hat sich der Wunsch erfüllt, für die Zeit bis zu einer endgültigen Bewiälti- gung des Konzerthallen-Problems doch eine brauchbare Zwischenlösung in Lü- beck zu schaffen, die wenigstens einigen Ansprüchen gerecht wird. Arndt Voß 3. Konzert des NDR-Sinfonieorchesters Rudolf Barshai ist ein weltweit aner- kannter und erfahrener Dirigent, der sich nicht zuletzt durch seine Kammeror- chester-Erfahrung für dieses Konzert empfahl. Aber vor der Akustik des Do- mes mußte auch seine Erfahrung kapitu- lieren. Drei Werke in kleiner Besetzung enthielt das Programm, die aber in vielen Sätzen sich in ihrer kammermusikali- schen Struktur nicht recht mitteilen konnten, weil alle Feinheiten ver- schwammen. Vielleicht war der Dirigent auch zu sehr auf eine gute Aufnahme ausgerichtet, die vom Sender von dem Konzert mitgeschnitten wurde. So war sein Bemühen auffällig, gerade die er- sten Violinen immer zurückzunehmen, wodurch sie den Zuhörern noch weniger hörbar wurden., als sie es in der Akustik des Domes schon bei normaler Lautstär- ke im Gesamtklang sind. Zudem bevor- zugte er recht straffe Tempi, die zwar Spannung erzeugten, aber den akusti- schen Gegebenheiten des Raumes wenig entsprachen. Dabei war das Programm des dritten Konzertes der Sinfoniker des Norddeut- schen Rundfunks (4. März) sehr hörens- wert, brachte es doch eine Folge von Werken. die allesamt besondere Kost- barkeiten darstellten, weil sie wirkliche Raritäten auf dem Konzertprogranm sind. Es begann mit Johann Sebastian Bachs „Konzert für Violine, Oboe und Orchester“ mit den Solisten Roland Greutter, Violine, und Paulus van der Merwe,. Oboe. beide Mitglieder des Or- chesters. Dieses Werk, aus einem Kon- zert für zwei Cembali zurückgewonnen, überzeugte in dieser Wiedergabe vor al- lem durch die hervorragende Leistung des Oboisten. Daneben verblaßte der Geiger, weil sich sein Spiel nicht so mit- teilen konnte, er auch mit einer anderen stilistischen Einstellung, die man eher klassisch-romantisch bezeichnen kann, dem Charakter des Werkes weniger ent- 85
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