Full text: Lübeckische Blätter. 1990 (150/155)

Herrschaftslosigkeit, Freiheit der Gei- ster und Wohlstand für alle. Die kurze Zeit der Räterepublik, so kaßt der Film zusammen, war das Modell für eine Politik, die mit dem Anspruch einer Demokratie von unten ernst zu machen suchte. deren ethisch fundierte Persönlichkeit ihn beeindruckte, die wie er eine Verbin- dung von Geist und Volk suchten und durch ihre Werke zu Verkündern einer neuen Menschlichkeit wurden. Ödipus, sondern zum Kain, der seine Verstoßung, auch den Mord aus Ver- zweiflung, als Schicksal und Lebenspro- gramm annimmt. Gedichte zum Geldverdienen Dr. Heinz Hug aus Zürich erinnerte je- doch daran, dals Mühsam auch Schritt- stellerei als Brotberuf betrieb, wie etwa 1931 bis 1933 in „UIk“, der satirischen Wochenbeilage der großen liberal-de- mokratischen Tageszeitung „Berliner Tageblatt“. Seine Gedichte sind zwar ei- ne poetische Chronik der späten Weima- rer Republik, sie zeigen auch Spott über die Herrschenden und Solidarität mit den Entrechteten, aber da sie im Forma- len konventionell sind und in der Regel wenig Reflexion enthalten, bleiben sie im ganzen matt. Diese Zugeständnisse waren einerseits nötig, da Mühsam nicht in KPD-Organen publizierte (man hätte hier ein Bekenntnis zur Sowjetunion er- wartet), andererseits die Zeitsituation als ausgesprochen trostlos und ausweg- los empfand. Er selbst hatte sich in die- sen Jahren recht starren anarchistischen Positionen angenähert und seine eigene frühere Unabhängigkeit darüber ein we- nig verloren. Der Austausch der Teilnehmer über die verschiedenen Referate war rege und herzlich, und die Gesellschaft macht ih- rem lebens- und sinnenfrohen Namens- geber alle Ehre, indem sie im Herbst ei- nen Besuch in Friedrichshagen, jener so- zialreformerischen Siedlung am Rande Berlins, plant, die zum Ausgangspunkt für Mühsams Schriftsteller-Leben wur- de. Wie sagte ein Referent? Friedrichs- hagen sei „das Worpswede der Litera- tur“. Es muß nur erst entdeckt werden. Wiebke Dau-Schmidt Wurzeln in der Familie Wie sehr dies Gedankengut aber aus Mühsams eigener Biographie hervor- geht, versuchte der DDR-Autor Chris Hirte nachzuweisen. Er hatte das erste Kapitel seiner 1985 nach einem zweijäh- rigen Kampkt mit der Zensur erschiene- nen Mühsam-Biographie überarbeitet und konsequent psychologisiert. War Mühsams Kindheit vorher sehr viel deut- licher in einen historischen und sozialen Raum eingebunden gewesen und kehlten auch Marx- und Lenin-Zitate nicht, stell- te Hirte Mühsams Familienkonstellation jetzt als Schnittstelle zwischen Staat und Individuum dar: Einerseits regierte hier das Preußentum - vertreten durch den Vater, der dies, wohl aufgrund seiner jü- dischen Herkunft, besonders vorbildlich (und gewalttätig) auslebte -; dies war be- stimmt durch autoritär-patriarchalische Verhaltensformen, die der Mutter die liebevolle, zärtliche, aber passive Rolle zuschrieben. Andererseits war die Wi- derspenstigkeit des unangepaßten Soh- nes damit fast automatisch ein Aufstand gegen die Staatsgewalt, und so überträgt Mühsam den familiären Konflikt bald mühelos ins Soziale: Der Gegner wird die „anonyme, unabsehbar vernetzte Staatsmaschine“ (Hirte). Obwohl ihn, wie Hirte meint, eine „unerfüllte Kind- heitssehnsucht nach paradiesischer Auf- gehobenheit“, nach Frieden, Ausgleich und Recht treibt, ist er nicht bereit, Lie- be durch Bravheit und Unterwerfung zu erkaufen, er wird nicht zum leitenden Wie aktuell ist Mühsam? Einen ähnlichen Akzent setzte Dr. Rolf Kauffeldt aus Düsseldorf in seinem Bei- trag. Eine Untersuchung von Mühsams kulturkritischen Schriften fördert - be- sonders vor dem Hintergrund des Zu- sammenbruchs des sozialistischen La- gers - Interessantes zutage: Gerade die hisher als schwärmerisch und unhaltbar utopisch kritisierten anarchistischen Forderungen erweisen derzeit ihre Gül- tigkeit: Wenn der Selbstverantwortlich- keit, dem Gefühl und der Sinnlichkeit des Menschen kein Platz eingeräumt wird, verkommt Philosphie zum Dogma und der Staat zur Maschine. Der Wunsch nach der Bewahrung der Vielgestaltig- keit der Welt, der Aufgehobenheit des einzelnen in der Gemeinschaft und der Beendigung unseres Herrschaftsverhält- nisses über die Natur hat seine Wurzeln in der Frühromantik und läßt sich deuten als eine Art diesseitiger Religion, die zu- gleich die Seelenlosigkeit und Blutleere wissenschaftlicher Weltbilder, wie etwa Marxismus, in Frage stellt. Prof. Dieter Schiller von der Ost-Berli- ner Akademie der Wissenschaften be- stimmte Mühsams Auffassung von An- archismus näher. Der Kunst wird eine zentrale Rolle bei der Entwicklung zur Menschlichkeit beigemessen. Mühsams Leitfiguren sind Oscar Wilde, Tolstoj, Peter Hille, besonders aber Frank We- dekind und Heinrich Mann. Autoren., Die „Neuen Lübeckischen Blätter‘ als Wegbereiter einer staatlichen Neuordnung - Ein Beitrag zur Verfassungsgeschichte Lübecks in der ersten Hälfte des 19. Janrhunderts* (X) „Lübeck hat mit der Gründung der , Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit’ im Jahre 1789 beispielhaft den Geist der Aufklärung aufgegriffen und zu verbreiten versucht . . . Für viele Denker des 18. Jahrhunderts kulminiert das soziale Engage- ment der Aufklärung in der Französischen Revolution, deren 200jähriges Jubiläum bekanntlich ebenfalls in dieses Jahr fällt“ (zi- tiert aus dem Vortrag „Zu den geistigen Hintergründen der Entstehung der , Gemeinnützigen’, Lübeckische Blätter Jahrgang 1989 Seite 49). Ohne die Französische Revolution allerdings ist die staatliche Neuordnung in Lübeck von 1848 nicht denkbar. Und ein entscheidender Wegbereiter dieser „stillen Revolution“ in der Hansestadt wiederum waren die „(Neuen) Lübeckischen Blätter“, die mit dem Jahreswechsel 1989/ 1990 offiziell den 150. Jahrgang zählen. Diese Jubiläen der Jahre 1989 und 1990 sollen Anlaß sein, eine zwar ältere, aber gleichwohl weiter gültige Arbeit über die „Lübeckischen Blätter“, die bislang noch nicht gedruckt und damit einer breiteren Öffentlichkeit vorliegt, in den „Lübeckischen Blättern“ wiederzugeben. Die Verfasserin Ingeborg Schweisfurth hat- te gleichzeitig so einen wichtigen Beitrag zur Verfassungsgeschichte Lübecks in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vorgelegt. d (Fortsetzung folgt) * Inaugural - Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Hohen Philosophischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, vorgelegt von Ingeborg Schweisfurth 1946 1 9() Lübeckische Blätter 1990/12 De AN §tac tung „Ne ging Ant sEin WET Beu Eve Jah: Erö ben den hau Ges sche Kla: zeln keit stisc die Füh die ist. mei: „Mi ein I hat gabi SE § den als ( durc Hat ge ] reic! Rut das §o 1 gab Eve in IL Jun, führ Kre Um nen fass einr Zeig Idec nes des Gle keit gab und es N VOr Ver Beg 160) Ne 61) Ne Lübe
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