Full text: Lübeckische Blätter. 1990 (150/155)

Geistige Lebensformen und Bürgertum Wenn Bürgermeister Bouteiller an den Anfang seiner Begrüßungsworte anläß- lich der Verleihung des Thomas-Mann- Preises 1990 den Beginn der Thomas- Mann-Festrede „Lübeck als geistige Le- bensform“ von 1926 stellte und Preisträ- ger de Bruyn in seinem Festvortrag mit dem Beginn von Thomas Manns „Deut- scher Ansprache“ aus dem Jahr 1930 an- hob, so liegt in der Zusammenführung beider Titel die Bezeichnung für eine Antwort suchende aktuelle Frage: Deutschland als geistige Lebensform. Zwar trägt Thomas Manns 1926 in Lü- beck gehaltene Festrede den Untertitel „Die Entstehung der Buddenbrooks“ und ließ damit eine umfassende und tief- gründige Entwicklungsgeschichte des „Literatur-Nobel-Preis-Romans“ erwar- ten -die Vorstellung ging weitestgehend in Erfüllung -, der große Schriftsteller äußert sich am Schluß dieser Festrede in der Hanse- und Heimatstadt aber nach seinen „Betrachtungen eines Unpoliti- schen“ von 1918 durchaus politisch, ja weltpolitisch, und zwar zur Lage in Deutschland nach dem verlorenen Welt- krieg: Seine Stichworte sind Bürgertum, Sozialismus, Nation, Deutschland, Eu- ropa, Revolution, Radikalismus, Extre- mismus - sicher noch nicht bestimmt ah- nend, daß auch er ein Opker des Natio- nalsozialismus werden sollte, von dem sich Deutschland erneut in einen Welt- krieg führen ließ, der erst in diesen Mo- naten des Jahres 1990 sein wirkliches En- de zu nehmen scheint. Ein Rückblick auf die damaligen Gedan- ken Thomas Manns, geäußert in einer neuen Zeit, die aus heutiger Sicht aber auch nur eine Zwischenzeit für Deutsch- land war, dürfte für uns von Interesse sein, könnten wir doch meinen, diese Zwischenzeit bald gereift verlassen zu dürfen. Der mit der einen „Weltrevolution“ ver- bundene Sozialismus ist zerbrochen an den vielen „Konterrevolutionen“ dieser Monate im Osten -auch in der sozialisti- schen DDR. Schon lange vorher hatte in der westlich-bürgerlichen Welt der Kapi- talismus ausgedient. Wie sieht ein neues zukunfktsweisendes Weltbild aus, trägt es den Gedanken der Humanität - von Thomas Mann gefordert -in sich? Bernd Dohrendorf Rundfunk-Report Fernsehen Sonntag, 10. 6. 1990, 22 Uhr Heinrich Mann (1) Augenzeuge des Jahrhunderts 1871-1950 NDRK III K Lübeck als geistige Lebensform Aus Thomas Manns Festrede in Lübeck 1926 ... Diejenigen, die das Ohr am Herzen der Zeit haben, wissen heute Epocha- les zu melden. Mit der bürgerlichen Lebensform, melden sie, sei es am En- de. Sie sei ausgeleert, ausgelebt, totge- weiht, verurteilt und bestimmt, von ei- ner neuen, im Osten heraufkgestiege- nen Welt mit Stumpk und Stiel ver- schlungen zu werden. Ist etwas Wah- res daran? O, manches! Uber Europa geht heute, wir fühlen und erfahren es alle, eine gewaltige Welle der Verän- derung hin, eben das, was man die „Weltrevolution“ nennt, eine grund- stürzende, mit allen Mitteln, morali- schen, wissenschaftlichen, wirtschaft- lichen, politischen, technischen, künstlerischen Mitteln betriebene Umwälzung unseres gesamten Le- bensbildes, fortschreitend mit solcher Geschwindigkeit, daß unsere Kinder, vor dem Krieg oder nach ihm geboren, tatsächlich schon in einer neuen Welt leben, die von unserer ursprünglichen wenig mehr weiß. Die Weltrevolution ist eine Tatsache. Sie leugnen, hieße das Leben und die Entwicklung leug- nen; sich konservativ gegen sie zu ver- stocken, hieße sich selber ausschließen vom Leben und der Entwicklung. Aber ein anderes ist es, die Weltrevo- lution anerkennen, und ein anderes, zu meinen, die Lebensform deutscher Bürgerlichkeit sei durch sie im Ernste gerichtet und vernichtet. Viel zu eng ist diese Lebensform verbunden mit der Idee der Menschlichkeit, der Hu- manität und aller menschlichen Bil- dung, selbst um in irgend einer Men- schenwelt je fremd und entbehrlich sein zu können, und eine irreführende Überbetonung von Wirtschaktlich- Klassemäßigem ist hier im Spiel, eine Verwechslung bourgeoiser Klassen- mitte mit deutsch-bürgerlicher Gei- stes- und Weltmitte liegt dem Irrtum zu Grunde. Wir reden von einer geistigen Lebens- form, meine verehrten Zuhörer, und das bedeutet, daß wir, indem wir „Bür- gerlichkeit“ sagen, nichts Klassenin- teressenmäßiges, nichts Antisozialisti- sches etwa im Sinne haben. Der Geist ist etwas sehr Reines, unc wer eine Le- bensform im Geistigen hält, der hält sie rein, der schützt sie vor jeder Ent- artung und Verhärtung, die sie in der Wirklichkeit erleiden mag. Wenn wir „deutsch“ sagen und „bürgerlich“, so üben wir uns nicht im Partei-Jargon und reden nicht dem internationalen kapitalistischen Bourgeois zum Mun- de. Hier werden die Deutschen nicht geteilt in Bürger und Sozialisten. Hier heilt Deutschtum selbst Bürgerlich- keit, Bürgerlichkeit größten Stils, Weltbürgerlichkeit, Weltmitte, Welt- gewissen, Weltbesonnenheit, welche sich nicht hinreißen läßt und die Idee der Humanität, der Menschlichkeit, des Menschen und seiner Bildung nach rechts und links gegen alle Extremis- men kritisch behauptet. Der Deut- sche, zwischen die Extreme der Welt gestellt, kann selber kein Extremist sein; das ist eine seelische Gegeben- heit, an der kein Radikalismus etwas ändert. „Nicht dem Deutschen,“ heißt es in Goethes Lied, „nicht dem Deut- schen ziemt es, die wilde Bewegung fortzuleiten und auch zu schwanken hierhin und dorthin.“ Das ist weltbür- gerlich und weltgewissenhaft gespro- chen, ein Wort standhafter Humani- tät. Aber wie töricht wäre es, eine sol- che Standhaftigkeit, die die Freiheit selber ist, zu verwechseln mit Mangel an Freiheit, mit kümmerlicher Gebun- denheit, mit der Unfähigkeit zur Kühnheit, zum Wagemut, zur spren- genden Tat! Wo sind die großen Be- kreiungstaten des umwälzenden Gei- stes denn hergekommen, „und wenn sie nicht vom Bürger gewesen wären?“ Lübecker Musikschule Kammermusikabend Ein Kammermusikabend mit Lehrkräf- ten der Lübecker Musikschule findet am 10. 6. 1990 um 20 Uhr im Konzertsaal der Schule. Rosengarten 14/18, statt. Overbeck-Gesellschaft Ausstellung ,„Lili Fischer - Zeichnungen“ 20. 5.-17. 6. 1990, Dienstag-Sonntag, 10.00-16.30 Uhr; Führungen: Samstag, 26. 5., 9. 6. und 10. 6. für Jugendliche von 9 bis 14 Jahren (jeweils 15.00 Uhr, am 10. 6. um 10.30 Uhr) Der Eintritt ist frei. Lübeckische Blätter 1990/11 The: sSpielp. Oper: Mittw« ring“, Maupi: ten Mittw« Schick Mittw« baron‘ Mittwc Komis §cribe Mittw: sches I Goeth Werth §chau: GT I: Jamst: rüchte Donné Sergej sumoyv §Fonnti: milien Mittw« Gewol Bernh SFonntit. Music: Mittw: tanzt“ hart H GT I]: Mittw: Gerüc SFonnt: Albert Mittw von V SFonnt: Gewo. Bernh Mittw. Music. SFonnt: ein C Haupt Außer Festar gen B: SFonnt Figarc Amasd Anrec Schau 6 Vor: Lübecki
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