Full text: Lübeckische Blätter. 1990 (150/155)

beging Alfred Pringsheim seinen 80. Ge- burtstag. Pringsheim war damals mit sei- nen 80 Jahren aut die Große Düne Nid- dens hinaukgeklettert - ein Schritt, den auch viel jüngere Leute nicht immer wa- gen. Auch heute. Nicht vergebens hatte sich Erika Mann in ihrem berühmten „Glückwunsch“ so geäußert: „Ofei wird also 80 - das ist eine phantastische Sa- che!“ Stellen wir uns einen Thomas-Mann-Tag in Nidden vor. Nur eine Episode, von Hans Reisiger erzählt. Er erinnert sich an die wunderbaren „Waldes Wege“, auf denen kehrten sie, mit Thomas Mann, zum Sommerhaus von der .Ostsee, die Leib und Seele erfrischt“, zurück. „Wenn wir zurückkehrten nach Hause, in tiefer Mitte von Sommerhitze betäub- ten Dünenwaldes, Thomas Mann mit echter Geduldsamkeit eines Vokals- pädagogen und mit großer Zufrieden- heit, hat mir, nicht beachtenswerten Sin- ger, gesungen aus Lohengrin‘: Nun sei bedankt, mein lieber Schwan.‘ Sehr sau- ber, mit seltner echter Stimme. Er sang nur eine Zeile: Kehr‘ durch die weite Flut zurück’ und wurde still.“ Und zuhaus, am Mittagstisch, noch lan- ge herrschte solche Laune. Aber Tho- mas Mann war schon aufmerksam und „offen“ auch für die Eindrücke der ande- ren Familienmitglieder. Besonders der „Kleinen“, die vertraulich auf seinen Stellen saßen. Und hier kommt die Frage, kümmerten ihn, das Haupt einer Familie, den Vater von sechs Kindern, solche alltäglichen Sachen? Was hatte er mit Kindererzie- hung zu tun? Wir wollen hier Katia Mann glauben - sie wußte ja perfekt, was sie sagte. In ei- nem Briet vom 22. 2. 1972 schrieb sie an Leonas Stepanauskas: „Es ist nicht so leicht, diese Frage zu beantworten . .. Aber in Nidden hat mein Mann viel Auf- merksamkeit unseren jüngsten Kindern geschenkt. Er las ihnen. Nachdem be- sprachen sie es. Manchmal hat er etwas ihnen gemalt.“ Und am 26. 5. 1972: „Irgendwie kam es dazu, daß, während der langen Ferien, der Vater mehr zusammen war als in der Stadt. Wir hatten keine speziellen Erzie- hungsmethoden. Beide waren derselben Meinung, daß die Atmosphäre des El- ternhauses erziehen soll.“ Und im Jahr 1975: „Auch jetzt bin ich derselben Meinung: bei der Kindererzie- hung ist das Wichtigste das Klima des El- ternhauses, in unserem Hause gab es kei- nen Streit, hier herrschte eine ganz har- monische Atmosphäre, und alles das hatte einen positiven Einfluß auf die Kindererziehung.“ Das war der Mutter Meinung, der klugen und lebenserfahrenen Katia Mann. Und . 1 & F zr wie sieht es mit den Augen der Kinder aus? Von der Seite der sozusagen „Ob- jekte“ der Erziehung? Hören wir Monika Mann zu: „Unser Va- ter dominierte auf passive Weise - weni- ger sein Tun als sein Sein bestimmte uns. Er war wie ein Dirigent, der seinen Takt- stock gar nicht zu regen brauchte und das Orchester durch sein bloßes Dasein be- herrschte. Ein Zucken mit den Schul- tern, mit dem Augenlid, ein kleines Auf- stampfen eines Fußes des Dirigenten wies den etwa irrigen Oboisten schnur- stracks in seine Bahn. Übrigens war es ein nicht modernes Improvisieren, wo- bei jeder spielte, was er wollte, und nur gewisse Grundgesetze waren einzuhal- ten, und man mußte schori grundfalsch spielen, ehe .. . Ich habe hier nichts hinzuzufügen. Aber wenn man schon diese, Monikas, Auße- rung als im Grund richtig annimmt, so waren die Sommeraufenthalte in Nidden der geeignetste Platz, um solches päd- agogisches Improvisieren zu realisieren: entfernt, aber nicht abgesperrt von der großen Welt, von äußerem Getümmel und äußeren Einwirkungen fast unge- störte Beziehungen zu seinen Kindern, wunderbare Natur, was immer schon, ohne irgendwelche Theoretisierung und gekünstelte Konzepte, sehr positiv auf die Kindererziehung einwirkte - was sollte man noch wollen? Und was sagten die Kinder, die besten „Experten“ in Sachen des pädagogi- schen Effekts der Erziehung? Der „kleine“ Michael, dann als Profes- sor Germanist, erinnerte sich, daß sein Vater die Kindererziehung, besonders die ästhetische, klug und sehr sachlich in seine Hände nahm, sie in die von ihm - zusammen mit der Mutter - durchge- dachte Richtung lenkte, sogar in den Zu- sammenhang mit seinen Arbeitsplänen stellte. „Das Wichtigste war es, daß die Eltern uns mit guter Lektüre versorg- ten“, erzählte nach 35 Jahren Protessor Michael Mann, der „Kleinste“ damals in Nidden (1966). Und Elisabeth, die liebste Tochter Tho- mas Manns (1975): „Am liebsten las ich die Karl-May-Bücher über Indianer .. . Mir scheint, daß ich die Indianer mit mehr Begeisterung spielte als mein klei- ner Bruder Michael. Vielleicht darum, daß ich immer ein Knabe sein wollte . .. Sowieso ist es ja mehr ein Spiel für Kna- ben. Und es war gut, daß wir so frei es spielen konnten, und auch der Vater stimmte zu ... Und vieles davon ist für mich auch geblieben. Zum Beispiel eine große Sympathie für alle Entwicklungs- länder und Völker. Auf den internatio- nalen Konferenzen bin ich immer aut ih- rer Seite . .. Das ist meine „,indianische‘ Kindheit, sie hat in mir den Haß erweckt gegen diejenigen, die das eine oder an- dere Volk beleidigen.“ Man sieht, wie weit dieser pädagogische Punkt geht: Nidden, wo den Kindern so- gar am Mittagstisch mit Indianerkedern besteckt zu sitzen erlaubt war. Der ge- niale intellektuelle und berühmte Gour- met Thomas Mann am Mittagstisch in der lauten Nachbarschaft der kleinen In- dianer - so etwas konnte nur in Nidden ein gewöhnliches Bild sein. Wenn es richtig ist, daß „mein Haus mei- ne Bastion“ ist, so werden wir nicht weit von der Wahrheit sein, wenn wir sagen, s0 etwas hatte Thomas Mann in Nidden. Nicht irgendwelches Erholungsheim, nicht einkach ein Sommerhaus, sondern sein Haus. Da das höchste im Leben für Thomas Mann seine Arbeit war - man kann wa- gen zu sagen, dal seine Arbeit dem In- halt seines Lebens den eigentlichen Sinn gab -, so waren auch in Nidden die wich- tigsten Stunden die Stunden seiner Ar- beit. Von dieser Seite gesehen war sein Aufenthalt in Nidden keine Randepiso- de seines Lebens. Auch in Nidden hatte seine Kraft nicht das „Lebensgesetz“ verloren, das Thomas Mann in seinem „Lebensabriß“ selbst in folgenden Wor- ten formulierte: „Da ich mich aber auf beschäftigungslose Erholung‘ durchaus nicht verstehe und eher Nachteil als Nut- zen davon erfahre . ..“ Von dieser Sicht dürfen wir auch sein Ar- beitszimmer als „Alfa und Omegac , als das eigentliche „Herz“ des Niddener Sommerhauses betrachten. Thomas Manns Arbeitszimmer! Sein Arbeits- tisch! Auch hierzu gelten Worte, die Klaus Mann einst in „Der Wendepunkt“ ge- schrieben hat: „Welch unheimlicher Zauber ist es, der ihn dazu zwingt, sich jeden Vormittag von neun Uhr bis zum Mittagessen in seine Bibliothek einzu- schließen? Gerade wie das Aschenbrö- del stets um Mitternacht den Ball verlas- sen muß, so ist mein Vater gezwungen, sich nach beendetem Frühstück unver- weilt zurückzuziehen - fort ist er, ehe man's gedacht. Während im Eßzimmer noch der vertraute Duft seiner Morgen- zigarre hängt, sitzt er schon bei der Ar- beit, ein gewissenhafter Zauberer, ver- sunken in seine sonderbaren Erfindun- gen und Gesichte.“ Hier, in Thomas Manns Arbeitszimmer, ging der große Kampf des menschlichen Denkens und des Gefühls um die Lösung der, wie Eri- ka Mann gesagt hatte, „wichtigsten Auf- gabe“. Alles war hier dieser „wichtigsten Aufgabe“ untergeordnet. Alles! Es ist schön, über die Blüte menschlicher Arbeit zu schreiben. Darum ist in diesem Zusammenhang auf solch eine Frage zu warten: Was hat hier, in Nidden, Tho- Lübeckische Blätter 1990/11 mas V unter Thom hatte der bc SEIne der de Unive torant ~ Som haupt 1930 1 ment noch Teil g Mein Jakob Mir i: Golo katior Aber habe Grundc fen, 0 Golo Recht Seiter Buch. den. I Arbei Füt ,,. produ Jahre: schon Nidde schrei ter mi men, sO0 Wä wordt tes in bliebe Aber desse Mann danac 1933. des.] den. Elchl. fluß /. mellä ehrer be“ A Art, ( Kopf. de: ar platz men - um si von Haus Aber weit. mas ! den 2 gonni auch Lühbecl!
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