Full text: Lübeckische Blätter. 1990 (150/155)

Lübeck-Deutschland-Europa Deutschland als geistige Lebensform Dankrede in Lübeck zur Thomas-Mann-Preis-Verleihung am 6. 5. 1990 von Preisträger Günter de Bruyn „Meine geehrten Zuhörer, ich weiß nicht, ob ich auf Inr Verständnis rechnen darf für den vielleicht phantastisch an- mutenden Schritt, den ich unternahm, indemich bitten ließ, mich heute hier an- zuhören. Dieser Schritt könnte als An- maßBung und Narretei aufgefaßt werden, er könnte rich mag es kaum aussprechen - dahin verstanden werden, als gäbe es hier jemanden, der nach der Rolle des praeceptor patriae griffe und den neuen Fichte spielen möchte . . . Wir wollen sol- che lächerlichen Vermutungen ausschei- den.“ Das, sehr geehrte Damen und Herren, sagt nicht etwa der Thomas-Mann-Preis- träger dieses Jahres, dem es wahrhaftig nicht anstünde, in seiner Dankrede mit diesem Gedanken auch nur zu spielen, sondern der Meister selbst, 60 Jahre zu- vor. Mit diesen Worten nämlich begann er 1930 in Berlin seine „Deutsche An- sprache“, und es entbehrt nicht der Iro- nie, wenn man sieht, wie hier eine Mög- lichkeit zwar ins Reich des Lächerlichen verwiesen, aber doch nicht grundlos er- wogen wird. Die Vermutung des Red- ners, man könnte ihn für einen Fichte- Nachfolger halten, läßt den nachträgli- chen Betrachter- und somit Leser seiner Tagebücher - vermuten, daß ihm dieser Gedanke durchaus wünschbar und schmeichelhaft war. Denn eitel war er. Oder besser: ehrgeizig. Und Ehrgeiz, der sich aufs Werk richtet, ist - wie Hein- rich Mann über den Bruder sagt - eine die Selbstsucht veredelnde Tugend. Er hatte den Willen zur Größe. Und ohne den wurde wohl selten wirkliche Größe erreicht. Wenn er 1942 in sein Tagebuch schrieb, er habe sich für groß nie gehalten, es aber geliebt, mit der Größe zu spielen und aut vertrautem Fuße mit ihr zu le- ben, so ist auch das nicht ganz ernst zu nehmen; denn wer mit Goethe zum Bei- spiel vertraulich zu leben vermag, der muß wohl selbst danach sein. Für mich war und ist er ein Großer, der Größte der deutschen Literatur dieses Jahrhun- derts; und nie habe ich, wie mancher meiner Altersgefährten, den Wunsch, ihn vom Sockel zu stürzen, gespürt. Seit- dem ich ihn - und mit ihm natürlich Lü- beck - nach Kriegsende kennengelernt hatte - zuerst, wie es wohl manchem er- ging, durch den „Tonio Kröger“ -, sind mir seine Gestalten Begleiter gewesen, Hans Castorp, das Sorgenkind - das nur „Zur Abwechslung und ausredeweise“ kein Lübecker war - obenan. Durch Thomas Mann vor allem lernte ich den Genuß jener höheren Heiterkeit ken- nen, jener „spielend leidenschaftlichen Vertiefung, ins Ewig-Menschliche“, durch die er Kunst definiert. Wollte ich von den imaginären Linien erzählen, die seine erdachten Leben mit meinem ge- lebten verbinden, reichte die Zeit, die mir hier zur Verfügung gestellt ist, nicht aus. Die Haltung, mit der das erzählt werden müßte, wäre eine von reiner Verehrung bestimmte, und da die lang- weilig wird auf die Dauer, will ich von ei- ner umstritteneren Seite des großen Lü- beckers reden, die außerdem noch den Vorzug genießt, aktuell zu sein. Es geht mir - Sie ahnten es schon, als mit der „Deutschen Ansprache“ begonnen wur- de - um Thomas Mann und die Politik, um Thomas Mann und die Deutschen oder auch um Deutschland als geistige Lebensform. Haben uns heute, das ist meine Frage, seine politischen Schriften noch viel zu sagen, und wie wirken heute die Kontroversen, die nach dem Zweiten Weltkrieg mit ihm und um ihn geführt wurden, auf uns - die wir wieder gelernt haben, Deutschland zu sagen und damit das ganze zu meinen, nicht nur seinen größeren und wohlhabenderen Teil. Ich bin dieser Frage nicht deshalb nur nachgegangen, weil ich mir von der Ant- wort Bestätigung oder Orientierung er- hoffte, sondern auch weil ich mich zwei- er Irritationen von damals entsann. Sie hingen mit seinem Verhalten nach Kriegsende zusammen. Es fehlte nicht viel, und meine Verehrung hätte Scha- den erlitten. Ich war jung damals, gerade dabei, volljährig zu werden; und in die- sem Alter ist man der Überzeugung, daß die besten Bücher von den besten Men- schen geschrieben werden; man will Au- tor und Werk wie aus einem Guß. Thomas Mann hatte in seinem Otfenen Brief aus Amerika an Walter von Molo behauptet, daß sämtliche Bücher, die während der Hitlerjahre in Deutschland gedruckt worden waren, nach Schande und Blut röchen und eingestampft zu werden verdienten; und wenn ich auch die Empörung der Inneren Emigration über ihn ansonsten nicht teilte, büßte er doch bei mir, der ich Werner Bergen- gruen und Reinhold Schneider, Ricarda Huch und Gertrud Le Fort kannte, an Glaubwürdigkeit ein. Mehr noch als die- ses in seiner Absolutheit unrichtige Ur- teil, irritierte mich aber im Goethe-Ge- denkjahr 1949 seine Reise nach Weimar. Nicht, daß er sie unternahm, erregte meine Empörung, sondern daß er, wie ich meinte, so blind dabei war. Er genoß die Ehrungen, mit denen man ihn über- häufte, merkte nicht. daß er mißbraucht werden sollte und hielt potjemkinsche Dörfer für echt. Was mir da geschah, war der übliche Vorgang enttäuschter Er. wartung. Man erhofft sich vom Autor die Vollkommenheit seiner Bücher; die mo- ralischen Werte, von denen sie künden soll deren Schöpfer auch personikizieren: mit menschlichen Schwächen, denen die Werke abgetrotzt werden, rechnet man nicht. Das Kleiner- aber auch Menschlj. cherrWerden des Hochverehrten, das heutige Leser in den Tagebüchern erle. ben, nahm ich damals in Ansätzen vor. WEL. Die heutige Aktualität von Thomgs Manns politischen Schriften entsteht durch ihre Fixierung aut Deutschlang und die Deutschen, auf ein für Deutsche unerschöpfliches Thema also, das auch uns seit Jahren wieder stärker bewegt. Nach dem Streit der Historiker um die Singularität oder Relativierung der deutschen Verbrechen bewiesen uns rea- listische Denker, daß die Einheit der Deutschen weder möglich, noch nötig und überhaupt mehr ein Unglück wäre, bis dann, über Nacht sozusagen, die kon- servativen Einheitsträumer, die mehr aus Pflichtbewußtsein als Einsicht stand- haft geblieben waren, die Vberraschung erlebten, daß ihr Traum realisierbar war. Zufällig ist es nicht, daß in dieser Situa- tion die Rede eines Außenministers sich mit einem Thomas-Mann-Zitat schmückte, das dann, ohne Quellenan- gabe, in den Zeitungen wiederkehrte. “Man sagt immer“, las ich im Neuen Deutschlandc, „wir brauchen kein deut- sches Europa, sondern ein europäisches Deutschland.“ Das ist so ähnlich, als wenn man - schon wieder ein Lübecker und sogar einer mit Denkmal - Emanuel Geibels „Der Mai ist gekommen“ als Volkslied bezeichnet: angeblich die Höchstform von Popularität. Das wahre Zitat - aus einem Briet an Annette Kolh - ist im Kontext von 1944 zu lesen, und die Aussage aus dem Oktfenen Brief an Walter von Molo, Deutschland sei ,ein beängstigendes Land“, ist mitzuhören. Es lautet vollständig und richtig: „Deutschland muß verkleinert werden; man muß verhindern, daß es nach allem doch noch ein deutsches Europa, statt ei- nes europäischen Deutschland gibt.“ Thomas Manns politisches Wirken hatte bekanntlich konservativ und undemo- kratisch mit den „Betrachtungen eines Unpolitischen“ begonnen, denen dann bald, in der Weimarer Zeit, politische Betrachtungen folgten, Bekenntnisse zur Demokratie und zur Republik. In ei- ner Epoche, in der man, in einer für uns EL. [;P Lübeckische Blätter 1990/11 kaum 1 und pa nalistis ken VOI deutsck Emigri davon 1 deutsck scher a dem D pr ägun yon de: stimmt gen ein lichen, tion un zivilise Bruder deckte kultur- litische zu sein zeichne hetract schen I dem ,. Individ le mün deutscl Karl M ein Bil dacdurc wird. Von A ne Abl mus, d. beim I Ereign litische blik “), durch für die und vo Interes denkt schicht tisch, v welt el Tages lich, al ne Aus schen lehnt e klassis: ne, vel risch v auch s: von eil würdig ehrt St neralfe ten zu des Jal mer m treme „Deut: Leuter Leitun wird., « Lübeckis
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.