Full text: Lübeckische Blätter. 1990 (150/155)

gend, und tanzt dazu, sich wiegend und schmiegend auf eine höchst infame und doch unwiderstehlich lockende Weise, schleichend, lautlos, langsam, langsam - es scheint fast, als würde er den Kreis nie vollenden - um den ganzen Raum der Bühne. Schließlich ist er doch wieder vorn angelangt. An der Rampe, oberhalb des Treppchens, bedrohlich nahe bleibt er ste- hen, dem Publikum zugewandt, spielt die letzten Töne, reißt die Flöte vom Mund, erstarrt hoch aufgereckt und wirft jetzt mit schneidender, gellender Stimme diese Worte in den Raum: Zu diesem Tanze ruf ich allgemeine Von der Erden alle Kreaturen, Arme, Reiche, Große und Kleine, Tretet vor, euch hilfet nun Kein Truren! Meiner denket wohl in aller Zeit, Wollet gute Werke mit euch bringen Und eurer Sünden werden leid! Jetzt müsset ihr nach meiner Pfeife springen! Danach ein großer Ausfall nach vorn, weit vorgestreckte Arme und die Hände, als wollten sie etwas aus dem Raume heranzie- hen. Gleichzeitig fällt die Orgel wieder ein, diesmal fortissimo, brüllend und dissonantisch schreiend, aber in demselben lang- samen Tempo und wiederholt dieses immerfort in furchtbarer H t p rrúì OY SSI t p p O O OP I OZZ I I U V F F PH p Y '2 f A U IJ s ä e e u U o ü U U V e} [) § Er E E HEH i | t y § Monotonie, bis - ja, bis . . . Aus dem Dunkel des Kirchenrau- mes, vom Portal her den Mittelgang herauf schiebt sich, immer im gleichen Rhythmus, immer nur auf jedes zweite Viertel den Fuß stockend, wiederwillig setzend, der Zug der Morituri, einer hinter dem anderen in reichlichem Abstand, daß, je mehr der Zug ins Helle kommt, zwar der Zug als ganzes gewahrt bleibt, aber auch jede einzelne der zenn Figuren wahrgenommen wer- den kann, voran der Kaiser und die Kaiserin, dann geistliche und weltliche Stände, gute und böse, zum Schluß die Mutter mit dem unschuldigen Kind auf dem Arm. Der Tod zieht und zieht, weicht zurück, zwei Schritte bis zur Bühnenmitte, aber sowie der Kaiser vor der Treppe angelangt ist, richtet er sich wiederum hoch auf, und seine Geste fährt befehlend empor. Die Zehn müssen zu ihm hinauf, umschreiten ihn in weitem Kreis, ver- schwinden schließlich hinter den schwarzen Vorhängen. Die Musik reißt ab. Dies die große Einleitung des Spieles. Es war eigentlich an Nichts an Mitteln aufgeboten, aber die Wirkung auf die Zu- schauer war beträchtlich. Worauf beruhte sie? Nur auf der Ge- nauigkeit und Intensität der Gebärden und der Schritte, denn Worte waren bisher ja noch nicht viele gefallen . .. Für einen Augenblick steht der Tod, nachdem er die Zehn als Gesamtheit in seinen Umkreis gebannt hat, wieder allein auf der Bühne, säulenartig erstarrt. Dann aber kommt Bewegung in ihn, er beginnt die letzte Abrechnung mit jedem einzelnen, in- dem er sich mit scharfer, hastiger Drehung dahin wendet, wo die Zehn abgegangen sind, und er ruft mit schmetternder, dro- hender Stimme als ersten den Kaiser: Herre Kaiser, du bist der Höchste nu, Tanzen wir zuerst. ich und du. '" II Der Kaiser stürzt hervor, prallt zurück und spricht: O Tod, wie hat dein Ruf mich so verstört, Dieser Tanz wurde mich niemals gelehrt. Ich war mächtig und reich, Höchster von Macht, sondern geleich. Könige, Fürsten und Herren Mußten mir dienen und mich ehren. Wie hoch ich sei, ich kann's nicht kehren, Gnade mir Gott, ein Herre aller Herren. Der Tod erwidert: All deine Gedanken hast du geleit Nach weltlicher Herrlichkeit. Was frommt es dir? Du mußt aus deinem Reich, Mußt werden geschaffen mir geleich. Recht geben und verkehren Hast du unter dir lassen regieren. Hättest dein Amt wohl versehen, Du möchtest nun fröhlich vor den Herren gehen. Und dann setzt wild und stürmisch die Musik ein, jetzt nur Gei- ge und Flöte, und der Tanz beginnt, wogt hin und her zwischen () ;>; > SID IDF Aufbäumen und Zusammenbrechen und endet gleichsam mit einem ungeheuren Sturz in die Tiefe. In dieser Weise geht das Spiel weiter. Einen nach dem anderen ruft der Tod heraus und tanzt mit ihm über die Grenze, indem er jeden nach der Art seines Lebens behandelt. Dem Kaiser fol. gen die Kaiserin, der Domherr, die Klosterfrau, der Arzt, der Wucherer, der Bauer, die lockere Dirne, der Reitersknecht, zum Schluß die Mutter mit dem Kind. Fortissimo setzt das Spiel ein, pianissimo endet es, zwischendurch geht es, man könnte sa- gen: durch alle Vortragsbezeichnungen der Musik, sogar das Scherzo ist vertreten durch den wohlbeleibten Domherrn. Es ist nicht möglich, die Gesten, die Schritte, die wechselnden Stellun- gen anschaulich zu beschreiben. So einfach und kurz der Dia- log ist, so kompliziert ist der Bewegungsablauf jeder Szene, das heisßst er war kompliziert in der Ausarbeitung. Im fertigen Er- gebnis wirkt alles wieder einfach und selbstverständlich, die Kompliziertheit ist aufgesogen. wie es in der Kunst nicht anders sein kann. Nachdem der Tod einen Epilog gesprochen, gibt es abermals ei: nen Reigen: die Zehn treten wieder hervor, einer hinter dem an- deren und nun deutlich ihre Jenseitigkeit darstellend, der Tod setzt sich an ihre Spitze und führt den Zug vom Spielpodium hinab den Mittelgang zurück, also wieder zur Seite des Lebens hin, aber jetzt eines unirdischen, sei es nun eines verklärten oder eines verdammten. Die Orgel spielt währenddessen wieder die monotone Musik des Anfangs, aber leiser und harmonischer, ein kurzes Nachspiel noch und der Totentanz ist vorbei. Mei- stens dauert es lange, bis die ersten Zuschauer sich von ihren Plätzen erheben. Wer aber war nun Hans Holtorf? Die Totentanz-Aufführungen standen für den 1899 in Fried- richstadt geborenen und 1984 in Bockholmwik bei Glücksburg gestorbenen Maler am Anfang einer kurzen, aber bemerkens- werten Theater-Karriere. Seiner Truppe gehörten bald solche Talente an wie die später zu großer Berühmtheit gelangten Mathias Wiemann, Ernst Ginsberg und Werner Finck. In sei- nen sehr interessanten Lebenserinnerungen beschreibt Hol- torf anschaulich den Werdegang seines „Maskenwagens“, der schließlich erfolgreich durch ganz Deutschland zog, bis ihm die Inflation 1925 ein plötzliches Ende setzte. Lübeckische Blätter 1990/8 Pie! Gott hel-§ Miec Para und grol weg gesu! figen das C Ther [dies ders wohl Ähnl Farb der Bühr Thea M Auck ßerer che Z DL Lie Brit „Liel schre den, Einig Geda vemb Ihrer Sie u. Als ic gern fühl Bärbe ihren an di schen meinl nach | teren freun Land: letzte Briefr Einig! Briefr Famil Schill. DDR als M. und e In bric Karin Tallin DDR> Lübeck
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