Es waren festliche Tage. Nach einer Gedenk- Reichsfreiheit Lübecks rühmen, kann uns keiner feier im Stadttheater begaben sich die Teilneh- verdenken. Denn die Freie und Hansestadt Lü- mer dieses Festaktes in die Katharinenkirche, wo beck hat für die Geschichte des Ostseeraums, ja die St.-Jürgen-Gruppe, ein Geschenk der beiden weit darüber hinaus als Haupt der Hanse, als anderen Freien und Hansestädte Hamburg und Heimat der Kirchen, als Mittelpunkt des lübek- Bremen, enthüllt wurde. Am Tage darauf hielt kischen Rechtskreises, in kultureller und noch in Thomas Mann seine so bedeutende Rede „Lübeck sonstiger mannigfacher Beziehung eine bestim- als geistige Lebensform“ und erhielt vom Senat mende Rolle gespielt. Und ihr Glanz leuchtet auch der Freien und Hansestadt Lübeck den Titel „Pro- heute noch hell. Ihr bestimmender Einfluß ist [essor“. Ul ö auch heute noch zu spüren. Und darum ist diese Am Abend dieses 5. Juni dirigierte General- der Erinnerung und der geschichtlichen Erkennt- musikdirektor Hermann Abendroth. der seine nis dienende Ausstellung gut. Laufbahn in Lübeck begonnen hatte. ein Sinfonie- . konzert im Kolosseum, wo die Freischütz-Ouver- 1201 hatte der Dänenkönig Waldemar II. den türe, das Violinkonzert von Brahms und Beet- Schauenburger Grafen aus Holstein vertrieben, hovens 5. Sinfonie erklangen. Am Sonntag. dem und auch die Stadt Lübeck war in seine Hand 6. Juni 1926, dann der historische Festzug, gestal- geraten. Die Lübecker mußten sich zwanzig Jahre tet von Alfred Mahlau, der geschrieben hatte: mit der dänischen Herrschaft abfinden, denn 1214 „Möge die Sonne gnädig auf den Festzug herab- hatte der Kaiser dem Dänenkönig die Herrschaft Cùcinen.* Sie tat es - und mehr als gnädig. Es über Nordelbien, d. h. auch Lüheck offiziell zu- war ein heißer Tag. gestanden und damit die seit 1201 vorhandene Ich weiß es. Ich bin selbst mitmarschiert. Die Situation auch rechtlich sanktioniert. Als nun um Ruderriege des Katharineums stellte das geschlan die Mitte der zwanziger Jahre der Dänenkönig gene Franzosenheer Napoleons dar, das Lübeck und sein Statthalter in Holstein vertrieben werden verließ. Am späten Nachmittag wurde die Frei- konnten, nutzten die Lübecker sofort mit erstaun- lichtbühne eröffnet. die also in diesen Tagen ihren lichem Weitblick die Lage. In diesem Augenblick 50. Geburtstag feiern kann. Übrigens ist auch die politischer Ungefkestigtheit im nordelbischen Raum Sporthalle am Holstentor 1926 als Ausstellungs- erbaten und erhielten sie von Kaiser Friedrich II. halle erbaut und hieß damals 700-Jahr-Halle. Amy den Status der Reichsfreiheit und legten damit die Holstentor auf der Untertrave schwamm die Lü- staatsrechtliche Basis für ihren Aufstieg. becker Hansekogge, ein eigens für die 700-Jahr- 1226 sandten die Lübecker ihre Boten über Feier erbautes Schiff, nachgebaut den Vorbildern gas Gebirge nach Italien, damit sie dem Kaiser, 1uf den alten Siegeln, Urkunden und Bildern. jhrem rechten Herrn, ihre Not klagten, daß sie Und am Abend ertönte das Glockengeläut von nämlich über zwanzig Jahre dem diùänischen allen Türmen der Stadt. Lübeck erstrahlte in Fest- König untertan gewesen seien, daß sie aber dem beleuchtung. Das ist erst 50 Jahre her und doch Kaiserreich die Treue gehalten hätten und bei schon so fern. : diesem gern bleiben möchten. Der Kaiser hörte Elf Jahre später – 1937 + beseitigte ein die Boten mit freundlichem Sinn an und erkannte Gesetz Hitlers das Freiheitsrecht unserer Stadt, ihren treuen Willen. Wie sie begehrten, bestimmte das 711 Jahre zuvor Kaiser Friedrich II. in dem er, dak die Stadt Lübeck und ihre Bürger ewig oberitalienischen Ort San Donnino bei Parma „für frei bei dem Römischen Reich bleiben sollten. alle Zeiten“, wie es in der Urkunde heißt, "Ien Dazu bestätigte er ihnen alle Freiheiten und Lübeckern für ihre Stadt verliehen hatte. Das Rechte, die sie durch Heinrich den Löwen und Gesetz hieß: „Gesetz über Groß-Hamburg und Friedrich Barbarossa erhalten hätten. andere Gebietsbereinigungen.O Ich möchte fast Die vorsichtigen Lübecker Kaufleute hatten sich sagen: eine schäbige Formulierung. „Andere zwar schon 1203/1204 unter der dänischen Herr- Gebietsbereinigungen“ – das war im wesent- schaft auch von den Dänen eine Bestätigung der lichen die Freie und Hansestadt Lübeck, die damit wichtigen Bestimmungen der Barbarossa-Urkunde zu einer Provinzstadt der Provinz Schleswig-Hol- geben lassen und dadurch die weitere Entwick- stein wurde. lung des Handels gesichert. Aber nun ~ 1226 + Natürlich mußte es für jeden real denkenden erkannten sie die Gunst der Stunde, das Band alten Lübecker klar sein, daß nach dem Ende des Zum Kaiser wieder herzustellen. Sie nutzten sie Hitler-Regimes und der völligen wirtschaftlichen erfolgreich zu ihrem Vorteil und legten damit die Veränderung der Situation nach dem Zusammen- rechtliche Basis zu dem späteren Aufstieg Lübecks. bruch 1945 ein selbständiges Land „Freie und Die Urkunden, die die Lübecker Boten damals Hansestadt Lübecks – wie Hamburg und Bre- aus Oberitalien mit nach Hause brachten, sind men. die Stadtstaaten oder richtiger die Länder noch vorhanden, allerdings nicht in Lübeck, son- im Staatenbund der Bundesrepublik + nicht mehr dern sie befinden sich seit etwa 25 Jahren im Bestand haben konnte und haben kann. Aber daß Zentralen Staatsarchiv, Potsdam. Sie haben die wir Lübecker uns mit Stolz der jahrhundertelangen aus Kriegsgründen 1942 vorgenommene Auslage- | 2H

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