Full text: Lübeckische Blätter. 1972 (132)

Dieses ist weitgehend an der Dur-Moll-Musik des entsteht. Dies zu erreichen gibt es verschiedene 18. und 19. Jahrhunderts geschult, meist sogar in Möglichkeiten. Selbst ein Musiker muß sich in be- deren trivial-populären Ausprägungen. Es ist weit- stimmte Arten von Musik durch häufiges Hören gehend daran gewöhnt, Musik über sich ergehen zu einleben. Erst recht sollten ein Kirchenpublikum und lassen und sogar, wie bei der Benutzung des Radios, die Gemeinde systematisch mit häufigen Wieder- statt des Apparates das Gehör abzustellen. Dieses holungen desselben Stückes, vor allem bei zeitge- Publikum ist – soweit es den Gottesdienst ber nössischer Kirchenmusik, mit diesem vertraut ge- sucht – bereit, Choräle mitzusingen, deren Text macht werden. Warum sollte als Vor- und Nach- und theologische Aussagen ihm aber aus sprachlichen spiel des Gottesdienstes nicht dasselbe Stück ange- und literaturgeschichtlichen Gründen unklar bleiben boten werden, oder warum sollte nicht auch einen müssen. Es hat häufig eine Vorliebe für Bach und ganzen Monat als sonntägliches Nachspiel ein be- dessen Zeitgenossen, so sehr, dak Ulrich Dibeluus stimmtes Stück erscheinen? Die Erfahrung zeigt ja, vor einigen Jahren in einem Rundfunkvortrag von daß auch Predigt und Lesungen sehr gut sinnvoll Bachscher Musik als einem Religionsersatz sprach von Reprisen leben können. {nicht, zyas. ja z akzeptieren wäre, von Theologie- Ebenso wie ein Text durch Interpretation (in gder Predigtersatz!). Das würde bedeuten, daß diese jj em Falle: Predigt) nicht erschöpft sein kann, Kirchenmusik ihre Vermittlerrolle zu einer selb- Ute teich Musik cucch ls icke nschGr. | ständigen, von der Kirche gelösten, ausgebaut hat. läßt fc tusts rc ruoret. freut uss “oy! en. Zeitgenössischer und mittelalterlicher Kirchen- als ein Text bei jedem Hören neu erscheint und musik steht das beschriebene Publikum ratlos ger andere Hörerlebnisse hervorruft, in anderem Zu- genüber. Ihr fehlt, was der Pädagoge Theodor sammenhang anders verstanden wird und über- Wilhelm die Kontinuität des Geschichtsbewußtseins haupt von Neuentdeckungen lebt. Eine Hörschu- nennt. Was uns nicht lebendig mit unserer Historie lung im beschriebenen Sinne müßte ergänzt werden verbindet, kann natürlich nicht Gebrauchsgegen- durch einen Plan, der dem Publikum bzw. der Ge- stand im Brechtschen Sinne sein. Es müßte aber z. BB meinde bekannt gemacht wird. Man könnte bei- gelingen, durch intensives Hören mittelalterliche spielsweise systematisch durch Vergleich von Orgel- Orgelmusik so aktuell zu machen, dak sie im wört- kompositionen des 15. Jahrhunderts mit solchen der lichen Sinne zeitgenössische Musik wird. Wenn das letzten 20 Jahre ~ an vielen Beispielen freilich ~ nicht gelingt, ist jede Kunst und auch jeder kirchn die verschiedene oder entsprechende Haltung der liche Brauch, natürlich auch jedes Bibelzitat, Mur Menschen zu ihrem Glauben untersuchen; man seumsstück, dem wir verwundert und ohne Fähig- könnte auf längere Zeit hin einen zeitgenössischen keit zur Kommunikation gegenüberstehen. Komponisten vorstellen. Es ist anzunehmen, dak sich Wenn auch die erste Voraussetzung für die um ein bestimmtes kirchenmusikalisches Programm Aktualisierung jeglicher Musik ihre künstlerische cin Kreis von Menschen scharen wird, wenn man Darstellung ist, erschließt sich hier eine zweite wich- durch häufige Darbietung bestimmter Werke, durch tige pädagogische Aufgabe für den Kirchenmusiker. Eingehen auf Haltung und Absichten des Kompo- Daß er sie im allgemeinen nicht oder nur schlecht nisten auf das Besondere dieser Musik und ihren Un- erfüllen kann, ist ein Grund für sein berufliches Un- terschied zu anderer hinweist, durch den Versuch, behagen. Er muß allzu gewohnte Musik ebenso wie ihren sozialgeschichtlichen Ort aufzuzeigen, zu besse- allzu fremde, sowohl zeitgenössische wie durch ihr rem Verständnis und vertrauterem Umgang mit ihr Alter ungewohnte, dem Hörer durch Erläuterung verhilft. Warum sollte diese — wie ich glaube — und durch andere pädagogische Möglichkeiten le- eminent wichtige pädagogische Aufgabe des Kir- bendig machen, damit sie funktionsfähig wird, ver- chenmusikers nicht in Gottesdienstveranstaltungen wendbar für ihren oben als die christliche Sache aller Art ihren Platz erhalten, vorausgesetzt natür- vermittelnd beschriebenen Charakter. lich, der Kirchenmusiker ist nicht nur zu künst- Er‘mul’dicse pädagogische Aufgabe in Rücksicht lerischer, sondern auch zu verbaler Interpretation und Hinsicht auf die Lage des Elsrers gestalten. fon Musik fasis. Pic! téichnet sich sine Chances Er Uu stine Uöärer dort. abliolen“, vw sie sich nicht nur für die Kirchenmusik, sondern auch für nach ihrem Bildungsstand, rer vcrsünlichen Situa- kirchliches Leben überhaupt ab. tion und ihrer Lebensweise befinden. Das gebietet Wir erleben heute die paradoxe Situation, daß die Barmherzigkeit. Diese Aufgabe unterscheidet viele Menschen sich von der Kirche abwenden und sich in nichts von der des Musiklehrers, sofern er daß sich gleichzeitig ein enorm großes Bedürfnis Musikinterpretation betreibt. Es kommt nicht darauf des Menschen nach Sammlung, persönlichem Frie- an, und es würde auch in vielen Fällen nichts eim dien, seelischer Heilung, nach Befreiung von der zer- bringen, dem Publikum eine ausführliche Analyse störerischen Bedrängung durch die Umwelt äußert. von Pendereckis Lukas-Passion vorzustellen. Eben- Dieser Befreiungs- und Heilungsversuch des Men- sowenig wäre vermutlich etwas gewonnen, wollte schen ist jedoch - vor allem bei der jungen Genera- man die Satztechnik einer niederländischen Messe tion + vielfach falsch kanalisiert. Wogegen sich erklären. Dies ist zwar auch eine Voraussetzung der laute Protest der Jungen und der stumme der zum besseren Hören. Wichtiger scheint mir zu sein, Alteren wendet, ist unter anderem auch die Praxis daß eine Vertrautheit zwischen Musik und Mensch der Kirche, die sie nicht verstehen. Als Musiker TH
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