Full text: Lübeckische Blätter. 1971 (131)

zugute. Auch hier gestaltete Grusnick mit seinem eindrucksvollen Darstellung und Interpretation des Chor die Choralstropnen und die Verse aus dem alttestamentarischen Berichts von Jona und der Römerbrief plastisch eindringlich. Als profunder Stadt Ninive. Der Bachchor unter dem Komponi- Kenner der Aufführungsprazis der Werke der Bachr sten, Sprecher und Instrumentalisten hielten die zeit musizierte er die Motette nicht nur vokaliter, vielen Zuhörer eine Stunde in Bann. sondern gesellte den Sängern Instrumentalisten bei. Der Nikolaichor aus Kiel und der Petrichor aus Ob der Thomaskantor bei dem heutigen Stand des Hamburg sangen in einem vielbeachteten Konzert chorischen Singens auf obligatorischer instrumentarn jm Lübecker Dom neue Kompositionen, darunter ler „Begleitung“ bestehen würde, mag füglich be- g¿ine am Vortage uraufgeführte Messe von Ernst zweifelt werden, eine tiefere Wirkung wird nicht Krenek, die Orgelimprovisationen, die sowohl die erzielt. Diese Feststellung gilt nicht generell, z. B. Stilmittel der verschiedenen Komponisten verwen- nicht für die Ausführung der Choralsätze in der Jeten, als auch mit eigener Substanz erfüllt waren, Matthäus-Passion. steuerte der Domorganist Uwe Röhl bei. Nach einem Mit Max Regers Präludium und Fuge in d-Moll Vortrag über Aufführungspraxen elektronischer Mu- eröffnete Hans-Jürgen Schnoor an der Großen sik im überfüllten Buxtehudesaal der Fachhoch- Orgel von St. Jakobi die Abendmusik, die Einzelo schule für Musik fanden die Veranstaltungen ihren felder des Präludiums durch rechte Registrierung Adschluß im Lübecker Dom mit einem Konzert zum aufzeichnend, steigerte er das schlichte Fugenthnema Gedenken an Manfred Kluge. Rose Kirn spielte die zu imponierendem Schluß. Als „Präludium“ zur neun Strophen für Orgel „Vater unser im Himmel- Bach-Motette spielte der tüchtige Organist an der reich“, und Instrumental- und Gesangssolisten und Chor-Orgel Bachs gleichnamiges Choralvorspiel und der Chor der Musikstudenten führten „De Salvatore beschloß das Konzert mit einer profilierten Wieder. mundi“ auf. Zu diesem Konzert hatten sich viele gabe von Bachs Präludium (deren filigranartiszke der Komponisten, Interpreten und Dirigenten ein- Strukturen durch hellere Klanggebung noch gewin- gefunden, die den „Nordelbischen Tagen – Neue nen würden) und Fuge in h-Mall. O. Fr. Sch. Kirchenmusik“ zu erfreulicher Farbigkeit und Wich- tigkeit verholfen haben. Nordelbische Tage – Neue Kirchenmusik Eine Woche lang stellten sich in der Veranstal- In Memoriam Manfred Kluge tungsreihe „Nordelbische Tage — Neue Kirchen- Aus dem kompositorischen Schaffen Manfred musik“ die Landeskirchen des zukünftigen Nord- Kluges wurden zwei seiner Werke zum Abschluß elbiens als aufgeschlossene. interessierte und befär gJjer Nordelbischen Kirchenmusiktage im Dom auf- higte Mäzene vor geführt. Das Orgelwerk „Vater unser im Himmel- Seit Jahren hatte ein Ausschuß, dem aus Lübeck reich“, vor allem aber die Lettnerkantate „De sal- außer dem verstorbenen Manfred Kluge Professor vatore mundi“ + bekannt durch Aufführungen in Uwe Röhl und als Jurymitglied Professor Dr. Jens Lübeck, an mehreren anderen Orten und im Rund- Rohwer angehörten, geplant. Ein Kompositionsn- funk - repräsentieren in ihrer sensiblen Gestaltung wettbewerb wurde ausgeschrieben; neue Formen des religiöser Inhalte die außergewöhnliche Begabung musikalisch ausgerichteten Gottesdienstes geplant, eines modernen Kirchenmusikers, dessen früher Tod zeitgenössische Orgel-, Orchester- und Chorwerke uns erneut schmerzlich bewußt wird. Wenn sich auch einstudiert, namhafte Wissenschaftler wurden ge- in den letzten Jahren Manfred Kluges künstlerische beten, z. B. über die Probleme elektronischer Musik Intentionen auf der Suche nach neuen Ausdrucks- 5der über moderne Orgelbegleitnraxis zu referieren. hereichen ständig weiterentwickelten, kann man Das Ergebnis war zunächst ein überraschend doch mit Sicherheit von der „frühen“ Lettnerkantate guter Besuch sämtlicher Veranstaltungen in Kiel, annehmen, daß sie ihren festen Platz in der neue- Hamburg und Lübeck. Neben den einheimischen ren Kirchenmusik behaupten wird. Freunden der Bemühungen um ein neues Gesicht in Dieser Eindruck wurde erneut durch die Auf- der evangelischen Kirchenmusik waren Fachleur führung im Dom bestätigt. Im Unterschied zur te aus der ganzen Bundesrepublik gekommen, die 2. Lübecker Aufführung vor vier Jahren in der in den drei Städten den beachtlichen musikalischen Aegidienkirche, die die dramatischen Akzente Leistungen zuhörten und sich an Ort und Stelle ztärker hervorhob, ging Prof. Uwe Röhl mehr der über Pro und Kontra des Angebotenen äußern konn- gképischen Breite dieser Musik zum Leben Jesu nach. ten. Zu vielfältig waren die Außerungen der Zeitr Hadurch gelang es ihm, die Vielschichtigkeit Kom- genossen. Die konventionell notierten und also plexer Elemente im melodischen Duktus, in den klar vorgeschriebenen Kompositionen waren eben- rhythmischen Strukturen und harmonischen Span- so vertreten wie Werke, in denen den Ausführenden nungen bewußt zu machen, immer wieder in der ein mehr oder weniger weites Feld der Improvisa- Aussage verdichtet zu Momenten voller Intensität tion offenstand. Wie viele Edelsteine sich in dem dùungd starker Reflexion. Der flexible Chor der Staat- zuweilen verführerisch klangschönen oder besonders J]ichen Fachhochschule für Musik betonte durch sein aparten Angebot befanden, wird eine spätere Zeit transparentes Klangbild diese Grundtendenz, die in entscheiden. Die Geschmäcker sind verschieden zleichem Maße auch vom Kammerensemble des aber man hatte gehört, wie vielseitig das Angebot Städtischen Orchesters mit seinen vorzüglichen BIlä- ist. sern mitgetragen wurde. Souverän und mit edler Bemerkenswert war das durchweg hohe Niveau Stimmführung gestaltete Johannes Hoefflin auch z. B. der mitwirkenden Laienchöre, die scheinbar diesmal die ihm bestens vertraute Tenorpartie. mühelos die gefürchtete Moderne interpretierten. Eine gleichwertige Partnerin war ihm die Sopra- In einer Voraufführung im Dom stellte Jens Ronwer nistin Gisela Arste, obwohl sie wegen einer krank- mit den tüchtigen Studenten der Fachhochschule heitsbedingten Umbesetzung nur vier Tage Zeit für Musik seinen ,5. Psalm“ vor. Ein anklagendes, hatte, sich in das Werk einzuarbeiten! ungemein eindrucksvolles Werk. dessen Wiedergabe Die 9 Strophen für Orgel „Vater unser im Him- sehr schwer ist. melreich“ spielte Rose Kirn, eindringlich in den In Lübeck begannen die Veranstaltungen mit Klangschichtungen und in fein abgestimmter Regi- Herbert Breuers „Jona“ in der Aegidienkirche, einer strierung nachempfunden, wenn auch die letzte 102
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