Full text: Lübeckische Blätter. 1971 (131)

W'ir haben getan, was in unlerer Macht gestanden hat Auch in diesem Jahr wurden am 5. Januar, dem Der seit 1933 von den Nazis durch Gefkängnisse, Todestag von Dr. Julius Leber, wieder Kränze an Zuchthäuser und Konzentrationslager geschleppte seinem Gedenkstein auf dem Lübecker Ehrenfried- Dr. Leber steht im Oktober 1944 vor dem Volks- hok niedergelegt. gerichtshofk in Berlin, vor Roland Freisler. Das Dr. Julius Leber, der 1891 im Elsaß geboren Todesurteil für Leber steht fest. wurde, kam als Dreißigjähriger nach Lübeck, wo Paul Sethe, der der Verhandlung beiwohnte, be- er die Schriftleitung des »Lübecker Volksboten“ richtet: „Man merkt, Julius Leber weiß längst, übernahm. Von 1924 bis 1933 war er, der Führer was sein Schicksal sein wird. Aber er ist gar nicht der Lübecker Sozialdemokratie, Reichstagsabgeord- erregt, er ist ruhig und geduldig. Er hört sich auf- neter. An der Weimarer Republik übte er oft harte merksam an, was sein Feind ihm sagt, dann ant- Kritik. Nach seiner Auffassung gehörten zu den wortet er nicht laut, aber mit deutlicher und niemals Voraussetzungen einer lebensfähigen Demokratie schwankender Stimme.“ nicht so sehr „blutleerer Idealismus“ als auch eine Vor seiner Hinrichtung am 5. Januar 1945 schrieb zuverlässige Wehrmacht und eine entschiedene Leber an seine Freunde: „Für eine so gute und Rechtsprechung. Seiner eigenen Partei warf er vor, gerechte Sache ist der Einsatz des eigenen Lebens die Forderungen des Tages allzu oft verkannt zu Jer angemessene Preis. Wir haben getan, was in haben. ; : unserer Macht gestanden hat. Es ist nicht unser Theodor Heuß hat einmal über ihn gesagt, Leber, Verschulden, daß alles so und nicht anders ausge- der Elsässer, sei aus dem Holze, aus dem Napoleon gangen ist.“ seine Marschälle geschnitzt habe. 28 Was wir uns wünschen Jedes Jahr beginnt bekanntlich mit guten Wün- Denkenden und Handelnden in seiner Art respek- schen. Es soll hier versucht werden, einige dieser tiert, kann ein gedeihliches Zusammenleben erfol- Wünsche zusammenzukassen in der Hoffnung, dal gen. Daher wünschen wir uns für Lübeck, daß sich davon 1971 einiges realisiert wird, zumindest aber das Verhältnis der Parteien zueinander entkramptt. die Wünsche in die Überlegungen einbezogen wer- Wir wünschen uns aber-auch "eine wdlché. Ente tz: krampfung innerhalb der Parteien. Hierzu gehört, Grundsätzlich wünschen wir uns mehr Transpa- daß man die jungen Menschen in der Politik end- renz politischer Entscheidungen. Die Information lich ernstnimmt und sie nicht als Alibi einer ver- des Bürgers müßte bereits im Planungsstadium er- meintlichen Aufgeschlossenheit gegenüber der Ju- folgen, nicht nur durch diskret versteckte Hinweise gend mißbraucht. Den Jungen wünschen wir, daß in den Amtlichen Bekanntmachungen der Tages- zie erkennen, daß es auch vergreiste Jugendliche presse, sondern durch breiteste Information. So gibt. könnte man bei der Bauplanung Modelle der Pla- Wir wünschen uns mehr zukunftsbetontes Han- nungen bei den Planungsobjekten aufstellen, also deln. Dazu gehört, dak man sorgfältiger die Zu- etwa ein Modell der Planung Markt unter die kunft plant und nicht nur von Fall zu Fall Ent- Rathausarkaden usw. scheidungen trifft. Die Geschichte eines immer mal Diese Transparenz kann sich jedoch auf allen geplanten, dann wieder verworfenen Verwaltungs- Ebenen nicht auf die Bauplanung beschränken. Es zentrums mag als Beispiel genügen. wäre gut, wenn man erkennen könnte, welche Wir wünschen uns mehr Koordination in Planung Gruppe in welchem Umfange auf vom Staat oder und Durchführung von öffentlichen Bauvorhaben. den sonstigen Körperschaften zu treffende Entschei- Von Land und Bund wünschen wir uns die Schaf- 't dungen einwirkt. kung einer von dort finanzierten Gesamtuniversi- Wir wünschen uns mehr Bürgerinitiativen. Nicht tät, in die unsere MAL eingeht. alle Probleme lassen sich durch öffentliche Stellen Wir wünschen uns endlich Klarheit über die in aller Deutlichkeit erkennen, manche besser durch weitere Zukunft des Elbe-Lübeck-Kanals. Wir nichtstaatliche Stellen in die Hand nehmen. Auch wünschen uns den Verbleib der Seefahrtschule als . bei Bürgerinitiativen muß erkennbar sein, wem sie eines Teils der Gesamthochschule. Wir wünschen nützen. So darf beispielsweise eine Bürgerinitiative uns, dak der Straßenbau im Lande Schleswig-Hol- zur Erhaltung der Großen Petersgrube nicht den stein nach dem tatsächlichen Verkehrsaufkommen n Effekt haben, Bodenspekulanten zusätzlichen Ge- verstärkt wird und nicht mehr nach Prestigegesichts- ir winn einzubringen. punkten. Wir wünschen uns, daß die überregionale n Wir wünschen uns in der politischen Auseinander- Bedeutung des Hafens in Lübeck finanziell aner- setzung mehr Toleranz. Nur wenn man den anders kannt wird.
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