Full text: Lübeckische Blätter. 1969 (129)

Lübecks gefährdete City „Ich gehe in die Stadt“, sagen in Lübeck die beträgen rückgängig gemacht werden soll, sollte gar Leute, die vorm Tor wohnen. Sie sagen es auch nicht erst zugelassen werden.“ dann, wenn dieser Weg nur wenige hundert Meter Was aber ist zu tun? „Darauf können“, so er- lang ist. Und 90% aller Lübecker wohnen „vorm klärt Dr. Knüppel, „so lange noch keine gültigen Tor“. Im inselartig abgeschlossenen Stadtzentrum, Antworten gegeben werden, wie bestimmte struktur- das nur 1% der Fläche des Stadtgebietes umfakt, analytische Vorarbeiten nicht abgeschlossen sind.“ wohnen 21 000 Menschen. Das sind 16 000 weniger Und er meint damit, daß 1969 eine umfassende als zu Anfang unseres Jahrhunderts. Zwar ziehen Strukturanalyse durchgeführt werden soll. Man jährlich 4000 Menschen in die City, aber 5000 ver- könne nur soviel sagen, daß eine Sanierung der lassen sie. Anders gesagt: die Bevölkerung der Innenstadt auf der Ausgewogenheit aller Beziehun- Innenstadt schrumpft um 1000 Einwohner pro Jahr. gen von Kaufen, Arbeiten, Erleben und Wohnen Auch Lübeck leidet, wie viele Städte, an jener abzielen solle. „Nur die Mischung dieser vier Krankheit, die „Entvölkerung der Innenstadt“ heißt. Grundfunktionen der städtischen Lebensweise sichert Von diesen Zahlen ging Lübecks Finanzsenator der Innenstadt jene belebende Mannigfaltigkeit, die Dr. Gustav-Robert Knüppel bei einem Vortrag vor als Cityatmosphäre geschätzt wird und die auch am niederländischen Kommunalpolitikern und Staats- wirkungsvollsten einer abendlichen Verödung ent- beamten im Rathaus aus. Er wies aber auch nach, gegentritt.“ daß die Bedeutung der Innenstadt als Arbeitsplatz- Die vorliegenden Pläne für eine Verkehrssanie- zentrum im selben Maße steigt, wie sie an Wohn- rung zielen auf einen Stadtbedienungsring mit wert verliert. Den 21 000 Bewohnern der Innenstadt einem Kranz zentral gelegener Parkhäuser. Was stehen 36 000 Menschen gegenüber, die dort ihren aber geschieht, wenn man die engen Straßen des Arbeitsplatz haben. Das sind 11 000 mehr als vor Stadtzentrums zu Fußgängerstraßen macht, bei- achtzehn Jahren. Und von ihnen kommen 31 000 spielsweise mit dem Warenzuliefererverkehr für die täglich aus den Außenbezirken an ihre Arbeitsstätte. Geschäftswelt? Und wenn man die Wohndichte der Als Einkaufszentrum, als Sitz von Verwaltungen, Innenstadt durch die Schaffung neuzeitlicher Woh- Büros und kulturellen Einrichtungen hat die Innen- nungen erhöhen möchte, wie Dr. Knüppel sagt, was stadt immer noch ihre zentrale Stellung, die nicht so geschieht mit den licht- und luftlosen Gangwohnun- sehr durch den Wegzug ihrer Einwohner gefährdet gen, aus denen die Bewohner fortdrängen? ist als dadurch, daß die Probleme des Verkehrs in Nun + Dr. Knüppel meint, es wäre gut, diese naher Zukunft nicht mehr bewältigt werden können. Aufgaben mit nicht zu weit gesteckten Erwartungen „Aus den USA ist bekannt“, so sagte Dr. Knüppel, anzugehen. Die Sanierung sei eine Aufgabe für „daß Verkehrsstockungen und Mangel an Parkraum Generationen. zu einem beachtlichen Rückgang der Geschäftsum- Im Lübecker Wohnungsamt allerdings erklärte sätze führen. Die City wird ausgehöhlt und ver- man vor kurzem, dak in spätestens zwanzig Jahren liert ihre anziehende Atmosphäre. Eine Entwick- der letzte Lübecker aus der Innenstadt fortgezogen lung, die in den USA heute mit enormen Dollar- sei. wenn nicht sofort etwas geschehe. [Id. Akusltik in St. Marien Über eine Frage, die seit langem die Lübecker Die Predigt des Bischofs war auf jedem Platz bewegt, erhielten wir die Zuschrift eines klar zu hören: an jedem Pfeiler hängt ein Laut- Musikfreundes, die wir in der Hoffnung ver- t ; . öffentlichen, daß vielleicht über die Möglich- sprecher. Dagegen blieben die Ansprachen bei der keiten einer Abhilfe eine Diskussion entstent. Übergabe der Orgel ein fernes Hallen. Technische Die feierliche Orgelweihe in St. Marien am Fehler ließen von den Worten nur gelegentliche 1. Advent hat es wieder schmerzlich bewußt ge- trompetenstoßähnliche Töne durch die Lautsprecher uackt: Dice Akuztik. in der Kirche ist mehr als HFernchnmen,; so,. als ob eine AKO (,„außerkirchliche schlecht. n großen Teilen des Mittel- und der Opposition“) mit einem Tut-in das establishment Seitenschiffe hörte. man von der im Ostteil musi- Hätte stören wollen. Kann man denn die modernen zierten Bachkantate gerade noch soviel, daß man technischen Anlagen nicht vorher überprüfen lassen? Chorsingen von Einzelstimmen unterscheiden konnte. Gibt es in Lübeck keine Fachleute, die einwand- Ob Orgel oder Orchester die Begleitung spielte, kreies Funktionieren garantieren können? war schon schwieriger zu differenzieren, gesungene Woran liegt denn wohl überhaupt die so ent- Worte waren schon gar nicht zu verstehen. Alle täuschende Verschlechterung der Akustik in St. Ma- Töne verschwimmen in einem einzigen Ton-Misch- rien gegenüber früher? Schon nach der Fertigstel- masch. lung der neuen Totentanzorgel wurde es offenbar.
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