Full text: Lübeckische Blätter. 1968 (128)

Daher seit meiner Kindheit eine ausgeprägte Ab- vor allem im Innern des Menschen selbst. Wieviel neigung gegen die Technik. Und doch werden wir entfesselte Gedanken + ungeordnet, ungeformt ~ gefangen in unserer Generation, von der Technik durchschwirren die Welt und richten Unheil an, aus und mit der Technik leben müssen. Wir werden den großen Zusammenhängen herausgerissene, her- gezwungen sein, eine gewaltige Anstrengung gegen ausgeschleuderte Gedanken in die bunten Fetzen uns selbst durchzuführen, um uns einer völlig domi- des Wortes gekleidet. Im vollendeten Gegenstand, nierenden technischen Wirklichkeit anzupassen ... im Kunstwerk im Einverstädnnis bindenden Glau- Die Mittel, unsere Welt zu zerstören, werden in bens, im Willen, den Geistern, welche schweifen, den Händen von ganz wenigen liegen, und es gibt gültiges Gesetz vorzuschreiben, liegt eines der kür mich keinen zwingenden Grund, der mich ver- höchsten menschlichen Privilegien. Dagegen bleibt hindern könnte anzunehmen, daß diese wenigen die Auflösung einer Ordnung, das Zerlegen des satanisch-kluge politische Erfolgsmenschen sein Geschaffenen, die Rückgabe der von ihm einge- könnten, natürlich in Schafspelze gehüllt, triekend schlossenen Kräfte an das Chaos, so oft nichts an- von zwingender Modeethik, begabt mit der Schaf- deres als Eitelkeit und Schwäche in Zeiten des fung von Hypnoseformen, durch welche dann alle Niedergangs ... Erscheinungen für die „Peter Sequenze‘ der mitt- Vielfalt, Widerspruch, Steigerung der Kraft durch leren Welt mundgerecht verzaubert werden. Noch Gegenkraft waren in allen unsern wechselnden ein Krieg und wir werden unter dem Druck der Kulturzuständen, auch in streng gebundenen, ein Angst, des Hasses, des Zornes Zerstörungsmittel eminent europäisches Merkmal. Völker gegen Völ- ersinnen, die uns dann endlich die furchtbare Ant- ker, Stände gegen Stände, Glaube gegen Un- wort der von uns so umworbenen Materie geben glauben und die verschiedenen Formen des Glau- werden. Einmal über Nacht wird alles nur noch bens gegeneinander; immer neu entstehende Ge- nackte Gewalt sein, nur noch entfesselte Kraft. Aber dankensysteme mit ihren Kampfansagen und die auch hier hineinbrechen wird man mit dem Opti- Wissenschaften auf ihrem langen Weg = unter mismus irdischer Paradiese, man wird sie mit mora- Kontroversen ihre ungeheure Last bewältigend lischen Argumenten beschönigen, so lange, bis es wobei keine ihrer Leistungen, keiner ihrer großen dann auch den selbstgerechten Schwindlern das Gedanken, nicht dem gesamten Europa angehörte. Mundwerk verschlägt. Oder glauben Sie, daß mit Aber heute? Handelt es sich überhaupt noch um dem Bewußtwerden der Gefahr der Urtrieb des Vielfalt? Handelt es sich nicht nur um ein explo- Menschen, zu siegen und im Siege triumphieren zu sives Gemenge, um heillose Verwirrung, um den dürfen, endlich einmal hinter den Selbsterhaltungs- Verlust des Gleichgewichts innerhalb der schöpke- trieb zurücktreten wird?“ rischen Spannung? Kann aus diesem Zustand die 1957 zieht er in einer Silvesteransprache im so lebensnotwendige Entschlußkraft zum euror Bayerischen Rundfunk das Fazit aus 35jähriger, päischen Zusammenschluß hervorspringen? z. T. grauenvoller europäischer Geschichte: Vielfalt gedeiht nur in der Freiheit, Freiheit er- „Was ist größer innerhalb der menschlichen hält sich nur in der Ordnung. Worin nun besteht Leistung, das Bannen und Ordnen der Gewalten heute das ordnende Prinzip unserer europäischen oder ihre Entfesselung? Diese Frage stellt sich Welt? Ordnung kann nur aus der inneren Samm- nicht nur der Technik, sie stellt sich beim sozialen lung entstehen, die heute in der sich ständig stei- Aufbau in der Wirtschaft, der Politik, sie stellt sich gernden Hast verlorengeht.“ Dri. Zur neuen Konzertsaison ! Die Programme der beiden großen Konzertreihen Der VdM mukte aus solchen jahrelangen Erfah- in Lübeck kommen dem breiten Publikum in diesem rungen nun Folgerungen ziehen, die psychologisch Jahr weit entgegen. Für die Konzerte des Vereins zweifellos richtig sind und ihm eine festere Basis für der Musikfreunde, die dringend einer höheren die weiteren Planungen geben werden. Das Gesamt- Abonnentenzahl bedürfen, bedeutet das nahezu schon programm enthält diesmal 6 Abonnementskonzerte eine Existenzfrage. Immer wieder in den vergange- (statt früher 9), deren Preise (bis auf die 5. und 6. nen Jahren waren bedeutende Konzerte wider Er- Platzgruppe) z. T. erheblich angehoben werden warten schlecht besucht, nur weil das Publikum muliten ~ was niemanden wundern wird, der die manchen Besetzungen ausweicht (zu denen seltsamer- Namen der engagierten Künstler durchmustert. weise wiederholt auch das Streichquartett gehörte); 2 Sonderkonzerte (Liederabende) außerhalb des besonders schmerzlich angesichts der höchst ehren- Abonnements sind noch teurer und setzen in den werten Absichten des VdM-Vorstandes war es, daß drei obersten Preisgruppen die jeweils um 2 DM die durch mehrere Jahre fortgeführten Konzerte steigende Skala von 6~16 DM der anderen Einzel- junger Künstler nicht das gebührende Echo fanden konzerte bis 22 DM hinauf fort – auch dies kann ~ vor allem bei der Jugend, die an diesen Veran- nicht erstaunen bei den Solisten, die dem VdM staltungen ja ein besonderes Interesse haben sollte. trotzdem oder gerade darum volle Säle bringen Die Paradoxie, daß der Besuch bei niedrigeren Ein- dürften. Verzichtet wurde diesmal notgedrungen auk trittspreisen geringer ist, wirkte gerade bei den jun- ein Konzert junger Künstler und auf die bunte Fülle gen Leuten besonders grotesk. von Kammermusikensembles, die früheren Konzert- 25.8
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