Full text: Lübeckische Blätter. 1968 (128)

angewandt wird, ist völlig berechtigt, doch gent es mitteln der Jahrhundertwende inszeniert. Peinlich hier um die Möglichkeit der Serigraphie als künstr die Liste der Fehlbesetzungen; voran Hannes Krüger lerisches Ausdrucksmittel. Willi Baumeister gibt als Hassenreuter, der die ganze Zeit neben der mit 10 Einzelblättern und einer Serie in sieben Rolle steht; unerträglich Dietrich Neumann als Phasen den Auftakt zur Ausstellung. Das absolute Kandidat Spitta, der echte und falsche Zungen- Schwarz, das Spiel der Linien mit der Form und schläge fortwährend durcheinanderbringt und auf der Farbe in gültiger Formulierung zeigt Baumeir ergreifende Weise dilettantisn wirkt – und so ster auf der Schwelle zwischen den Generationen, weiter, und so weiter. Vielleicht bessert sich man- den Techniken, er stent am Anfang der Entwickr ches, wenn das Premierentieber abgeklungen ist. lung, die sich in den weiteren Drucken der Edition Eine ganz echte Hauptmann-Gestalt ohne einzigen Domberger abzeichnet. Victor Vasarely wägt die falschen Ton gelingt lediglich Gerd Braasch, der den vorgeschriebenen Farben ab, verteilt sie gleichger John zur künstlerischen Zentralfigur des Abends wichtig und doch mit der notwendigen Spannung werden läßt. Helga Roloff als Frau John beginnt zueinander in den geometrischen Grundformen, viel zu laut und zu verkrampft und findet leider läßt Bilder entstenen. Er kombiniert ein schwarz- (wie die meisten anderen) nie zum glaubhatften weißes Rastersystem. Die scheinbare Umkehrung Berliner Dialekt, ohne den das Stück eigentlich beweist in geringfügigen Anderungen, die spezifir nicht zu spielen ist. Gegen Ende aber gelingt ihr sche, physiologische Eigenarten der Farben notwen- eine intensive Darstellung der verhängnisvollen dig machen, daß Vasarely seine Reihungen mit Kopklosigkeit, mit der Frau John sich und ihren hoher, optisch ästhetischer Sensibilität vollzient Mann zugrunde richtet. Im ganzen: ein großer Auf- und nicht mechanisch wie das kleine Einmaleins wand, der künstlerisch vertan ist. Schade um Haupt- herunterleiert. Der Maler (vielleicht sollte man in manns Tragikomödie. Peter Henschel diesem Falle besser vom „Macher“ sprechen) be- dient sich jeweils des inm gemäßen Systems, seinen Uf . PIR 77° Intentionen künstlerische Gestalt zu geben. Drei Einakter in der Studiobühne Die Serigraphie hat den eigenen Reiz vieler Der Abend in der Studiobühne lohnt sich vor Errungenschaften unserer Zeit, den der Makellosigs. allem um eines brillanten Schauspielers willen, keit oberflächenglatten Kunststoffes wie Resopal, der in zwei Einaktern alle Register seines Könnens PVC. auch Aluminium und polierter Edelstanl zum pzieht: Helmut Stange. Es ist ein großer Genuß, Beispiel. Diese Materialien haben alle etwas ger diesen intelligenten, vorzüglich sprechenden Dar- meinsam: sie vertragen keine Patina, wenn sie steller im intimen Raum des Studios aus nächster von der ihnen eigenen Wirkung nichts einbüßen Nähe zu erleben, wenn auch das, was er zu sollen. Eine Rembrandtradierung ist auch mit gprechen hat, das Zuhören kaum lohnt. Stockflecken und zerfranstem Rand ein Kunstwerk James Saunders „Triangle“ trägt den absurden von hohem ästhetischem Rang, eine Serigraphie HVntertitel „Monolog für drei Personen“ ein wäre durch eine derartige Veränderung entwertet. Schauspieler spielt sich selbst in der Rolle eines Doch ließe sie sich jederzeit nachvollzienen, würde ghpsychisch defekten Patienten, der mit einem imagi- durch ein originales Produkt ersetzt werden kön- nären Nervenarzt und einer in der ersten Publi- nen. Ein demokratisches Prinzip ist hier in der kumsreihe sitzenden Souffleuse monologisiert: das Kunst verwirklicht, bei dem die Diktatur eines hat einigen kabarettistischen Witz, trägt aber kaum enzelnen Kunstwerks, der Terror, den seine Ein- jüiiber die Zeit von einer halben Stunde hinweg. maligkeit ausübt in dem Kaufpreis, in der Furcht Helmut Stange bringt das Publikum zu hellem vor Verlust, seinem Dasein hinter Alarmdrähnten, Entzücken – was er aus dem dürftigen Text macht, Sicherheitsglas, in wohltemperierten Räumen nur jst bewunderungswürdig. Komödiantisches Feuer- stundenweise zugänglich zu sein, aufgehoben wird gywrerk! durch die Möglichkeit dieser neuen Form der Bilder- Am Schluß des Abends spielt Helmut Stange herstellung. die Hauptrolle in der deutschen Erstauffünrung des Die Overbeckgesellschaft hat mit dieser Aus- LHinakters „Das Fenster“ von Frank Marcus, dessen stellung einen notwendigen Beitrag zur Auseinan- „Hobby das Stückeschreiben“ ist. wie man aus dem dersetzung mit dem Problem der programmierten Programmhett erfährt. Dieses Stück wäre besser Kunst geleistet. Gerda Schmidt jin der Schublade geblieben; der Text ist von uner- träglicher Sentimentalität, peinlicher Geschmack- losigkeit und strotzt von abgegriffenen Klischees. Theater und Mufik his -Ivsrenistzns Frust, HG. tset Gerhart Hauptmann, Die Ratten (Kammerspiele) [/. gbr er B; Hiss. g 0 su etss Eine Rolle von Hauptmann zu spielen, sei ein hätte nicht Helmut Stange die Rolle des blinden Sonntag im Leben des Schauspielers, sagte einnal Mr. Tremayne aus der peinlichen Sphäre des Voyeu- Käthe Dorsch nach einer Aufführung der „Ratten“, rismus in den Rang einer ergreifenden menschlichen in denen sie die Frau John auf unvergeßliche Weise Gestalt gehoben. Die nervöse Innerlichkeit, mit der verkörperte. In den Lübecker Kammerspielen Stange den Blinden spielte, war eine Meisterlei- herrscht kein Schauspieler-Sonntag; von den 18 Rol- stung disziplinierter Schauspielkunst. len der „Ratten“ sind allenfalls drei befriedigend Slawomir Mrozeks Einakter „Aut hoher See“ besetzt: Schuld einer verfehlten Ensemblepolitike stand in der Mitte des Abends. Vom Text her war die den Schauspielern nicht anzulasten ist. Die meir er der einzig ergiebige und diskutable Beitrag. Hier sten der acht Frauenrollen wurden von Gästen ger gewinnt das absurde Theater wirklich einmal Le- spielt; ein ganz unglaublicher Zustand. Harald sgitimität, übt Zeit- und Gesellschaftskritik in der Benesch, der Regisseur, der schon in der „Heiligen Maske einer makabren Clownerie. Henry Kielmann Johanna“ von Shaw die Schauspieler sich heiser hatte das mit pointierter Schärfe inszeniert; Karl schreien ließ, richtet nun auch Hauptmanns Berliner Ziehfreund hatte die winzige Bühne so witzig und Tragikomödie mit fortissimo zugrunde. Weder die phantasievoll in die „hohe See“ verwandelt, daß er Tragödie noch die Komödie, weder das Drama der Sonderbeifall verdient hätte. Günter Kasch, Franz Frau John noch die Auftritte des Theaterdirektors Trager und Egon Schäfer spielten mit leidenschaft- Hassenreuter gewinnen überzeugende Gestalt; es lichem Ernst die absurde Situation, die in Wirk- wird viel zu laut und zu hektisch agiert; Naturar- lichkeit ein tiefes Gleichnis unserer Gegenwart ist. lismus als Brutalismus verstanden, mit den Stil- Peter Henschel | 72
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