Full text: Lübeckische Blätter. 1967 (127)

in solchen Fällen bezweifeln dürfen, um so mehr, Zeit des Ansverus und ihren Menschen liegt außer- als das Wissen um die Grabstätte die jahrzehnter halb aller wissenschaftlichen Beweisbarkeit und ab- lange Herrschaft der Heiden in Ratzeburg wohl seits aller historischen Wahrscheinlichkeit. Die Ans- kaum überdauert hat. Auch heute wird keine Grabr verus-Akten stammen – das muß ganz nüchtern stätte mehr gezeigt. Was die Menschen anlangt, festgestellt werden – aus einem Zeitalter, in dem die den heiligen Knochen für das Kloster erworben der ausschweifendste Wunderglaube blühte und haben, so genügt zum Verständnis ihres Handelns aller historische Sinn verkommen war. die Annahme, daß sie die Worte des Adam yon Zuverlässig ist wieder die Nachricht über eine Bremen kannten und in gutem Glauben einem Ge- Meßstiftung zu Ehren des HI. Ansverus aus dem schäftemacher auf den Leim gegangen sind. Die Jahre 1380. Sonst aber gibt es vor 1463 keine Geschichte der Stadt Stade in ihrem heutigen Spur von tätiger oder kultischer Verehrung des Stande weiß außer dieser Notiz nichts von einem äAhsverus. 1468 gibt es in Mölln eine dem Ansverus Ansverus-Kult in der Stadt. Die Reliquien des geweihte Kapelle, und dann freilich häufen sich die St. Marien-Klosters sind mitsamt allen Vrkunden Z Euknisce. Vir sind nun aber. bereits inder Fa- spätestens 1712 bei einer Belagerung und „Be- gendzeit Luthers angelangt. Das für die Kirche so f§ittws von Kloster und Kirche durch die Dänen einträgliche Ablaß-, Heiligen- und Wunderwesen s§rorengegangen. . . war auf dem Höhepunkt angelangt. Ansverus war Nach 1260 herrscht für weitere 70 Jahre auch nicht mehr ein einfacher Mönch wie bei Adam von außerhalb Stades wieder völlige Stille um den Bremen, sondern ein großer Held und verehrungs- Namen Ansverus. Erst 1329 — wenn wir einer würdiger Abt des Klosters des HI. Georg bei Ratze- späteren, undatierbaren Quelle, einem heute in hurg. Aus den mit ihm gesteinigten „anderen“ wur- Kopenhagen autbewahrten Codex, Glauben schen- den erst 18, dann 28 und schließlich 30 ,„fratres“, ken dürken — geschieht etwas höchst Erstaun- das heißt Mönche, und sie alle zusammen wurden liches: Ansverus erscheint mit zwei Genossen einem „Heilige“. Woher die Zahlen kommen, und wie die Wreibe. Nicht nur einmal, dreimal erscheint er der Standeserhöhung erfolgte, ist in keiner Weise mehr frommen Frau. Er erklärt ihr, er sei von Gott ge- gzu erkennen. Zu erkennen sind dagegen die tieke- sandt, ihr anzukündigen, daß Gott durch sie geehrt ren Beweggründe dieser Legendenschöpfung. werden solle. Bei der zweiten Erscheinung stellt er ; auf ihre Frage sich mit seinen Genossen vor als Bei dem Lübecker Historiker Theodor Hack le- „die Vornehmsten der heiligen vor Ratzeburg ger Sen wir, es trete in den Acta Ansveri „klar das steinigten Märtyrer“. Das dritte Mal erscheint Ans- Bedürfnis und die Absicht zutage, die Verehrung verus mit seinen Gefährten Johannes und Vol- Jener Märtyrer einzuführen und hochzubringen. quinus der Frau im Ratzeburger Dom. Volquinus Gerade damals mußte der Ratzeburger Kirche hier- verschwindet alsbald; denn, so erklärt Ansverus auf An viel gelegen sein. Sie war mit großer Schulden- Befragen: „Gott der Herr sandte ihn an eine andere last beschwert und von außen hart bedrängt, so Stätte, wo er unser Martyrium offenbaren soll.: dal man zu Gebeten und Bukßen seine Zuflucht Darauf brennen die Kerzen auf dem Altar immer Nahm. Jede Verbesserung der Einnahmen multe heller und glanzvoller, was Ansverus der Frau da- Hoch willkommen sein. Und wie der damalige hin deutet, daß, wie hier das Kerzenlicht sich ver. Bischof behufs Einführung einer Steuer eine Taxe mehre, so durch Gottes Weisheit sich die Kunde der Einkünfte der Geistlichen anfertigen ließ, so von ihrem Martyrium über die ganze Welt ver. War es nicht weit davon, durch Einführung neuer breiten werden. Dann erzählt Ansverus seine ganze Heiligenverehrung neue Geldquellen zu eröffnen.“ Lebens- und Leidensgeschichte, Herkunft (aus adli- Weiter ist bekannt, dak in nächster Nähe Ratze- gem Geschlecht aus Heydebo, das jetzt Slesvich ge- burgs „,in Büchen, sich ein ungemein anziehender nannt wird), Jugend, Klosterleben, Eigenschaften Wallfahrtsort aufgetan hatte. In dem noch 1321 usw. Auch von der Bestattung, von der Überfüh- als höchst armselig geschilderten Ort wurde ein rung der Knochen nach Stade und von allerlei Bild der „Maria ad fagum“ (Maria unter der Wundern wird erzählt. Zum Schluß befiehlt Ans- Buche), das sich als wundertätig erwiesen hatte, zur verus der Frau: „Geh und offenbare dem Propst Verehrung bereitgehalten. Ebenso befand sich dort [;; Kirche die Dinge, die du gesehen und gehöret eine wundertätisge Hostie und das sogenannte t: * zx Das also geschah — so die Legenden- „heilige Blut“. Gerade in dem für uns so inter- tra ition rr im Jahre 1329. essanten Jahr der Ansverus-Erscheinungen von Alle diese erstaunlichen Geschichten finden sich Ratzeburg, im Jahre 1329, war hier eine Vikarie neben noch viel wunderbareren in den sogenannten Sestiftet worden (das ist eine bischöfliche Amtsver- Ansverus-Akten (Acta Sancti Ansveri), die in meh- tretung). Auch der Dom zu Schwerin besak sein reren, teilweise stark voneinander abweichenden vheiliges Blut“, das ihm jährlich „etliche viel tau- Handschriften überliekert sind. Die älteste dieser send Gulden“ einbrachte. Hsrpä:tbritten ist der erwähnte Kopenhagener Co- In der Atmosphäre dieser Wirtschaftsbelebung ex von etwa 13530, bedeutsam weiterhin das so- durch Heiligenindustrie sind die Acta Ansveri ent- ttvie „Lübecker Passional“ von 1492. Die Ent- standen. Ihr Wahrheitsgehalt kann gar nicht gering ste uit und Entwicklung des Legendenkomplexes genug veranschlagt werden. Es erscheint geradezu ist nicht mehr zu erkennen. Eine Beziehung zur, naiv, wenn Herr von. Notz annimmt. dal die Be- 24
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