Full text: Lübeckische Blätter. 1967 (127)

Abitur fallen ließ, verschwand in aller Stille. Die sen ins Ruhrgebiet, die Inflation. Gelegentlich muß- Fakultäten kürzten die Studienpläne. Der Bundes- ten wir die Schule durch eine sonst vergitterte tag verminderte die Ausbildungszeit der juristischen Hintertreppe verlassen, weil sich vor dem Haupt- Referendare von 3% auf 21% Jahre. eingang gerade Spartakisten und Rechtsradikale ein Das alles ist hocherfreulich und soll dankbar an- kleines Feuergefecht lieferten. Trotzdem konnte ich erkannt werden. Dürfen wir damit die Diskussion mein Studium in Freiburg mit 17 Jahren beginnen. schließen und die weitere Entwicklung hoffnungs- Die Schulzeit der nächstfolgenden Generation voll abwarten? Leider nein. Unsere Bildungsrekorm war nicht ruhiger. Die Schüler des Geburtsjahr- braucht neue Impulse. Das gilt insbesondere für den ganges 1924, unter diesen z. B. unser Kultusminister Bereich der Schule. Deshalb ist es sehr zu begrüßen, Professor Mikat, erlebten die große Wirtschafts- daß die heutige Tagung das Thema Bildungsreform krise, den Nationalsozialismus, den zweiten Welt- erneut aukgreikt. krieg. Trotzdem hat Mikat ebenfalls mit 17 Jah- Der Schulkompromiß, der zu einer Verkürzung ren sein Abitur machen können. der Schulzeit beim Übergang auf den Herbsttermin War unsere Generation so viel klüger als die geführt hat, konnte nur dadurch zustande kommen, Generation unserer Kinder? Hätten Minister Mikat daß man in der Theorie an der neunjährigen Gym- und die zahlreichen anderen 17 jährigen Abiturien- nasialzeit festhielt. Die Kinder, die im Herbst dieses ten seiner und meiner Generation ihr Leben besser Jahres eingeschult werden, sollen also wieder 13 gemeistert, wenn man uns noch zwei weitere Jahre Jahre in der Schule verbringen. auf dem Gymnasium festgehalten hätte? Wenn sich nichts ändert, sind wir am Ende wieder Der zweite Einwand betrifft den Stoff: Daß sich bei der schrecklichen Zahl, die heute unser Schul- der Wissensstoff bei den Naturwissenschaften, bei wesen kennzeichnet: einem Durchschnittsalter der der Geschichte laufend vermehrt, ist unbestreitbar. Abiturienten von 20,6 Jahren. Diese Zahl hat das Welche Konsequenzen kann das haben? In den Ietz- Statistische Bundesamt für den Jahrgang 1965 der ten 30 Jahren hat sich die Ausbildung des Aka- Abiturienten unserer normalen Gymnasien amtlich demikers in Deutschland um mindestens 3 Jahre festgestellt. Die Abend- und Sondergymnasien sind verlängert, im Mittel also alle 10 Jahre um 1 Jahr. in dieser Zahl nicht enthalten. Da sich der Stoff auch in Zukunft weiterhin ver- Ein Durchschnitt von 20,6 Jahren bedeutet: In mehren wird, würde sich die Ausbildung, wenn wir jeder Oberprima sitzen 21jährige, in vielen 22- diese Linie fortsetzen, alle 100 Jahre um 10 Jahre jährige. Erwachsene Mitbürger, für die die Unter- verlängern. Das ist offenbar absurd. Die Antwort richts- und Lebensform der Schule sachlich nicht auf das Phänomen der Stoffvermehrung muß in mehr angemessen, menschlich nicht mehr zumut- Deutschland die gleiche sein, wie sie im Ausland bar ist. seit eh und jeh gegeben worden ist: Stoffauswahl, Ein Durchschnitt von 20,6 Jahren bedeutet ferner: nicht Verlängerung der Studienzeit. Die Vermeh- Gerechnet von einem mittleren Einschulungsalter rung des Stoffs betrikkt ja nicht uur die Cym- yon 61% Jahren, wie, es unsere Gesetze vorsehen, nasiasten, sondern jeden von uns. Jeder von uns hat jeder deutsche Abiturient des Jahres 1965 nicht muß jeden Tag dazulernen. Unsere Generation hat 13, sondern 14 Lebensjahre im Status eines Schi- das offenbar innerhalb ihres Berufslebens geschafft. js verbtaclit: So en hat es früher in Deutsch- Warum sollten wir unseren Gymnasiasten nicht das land noch niemals gegeben, und auch 1n Mittel- gleiche zutrauen? deutschland, um diesen Gesichtspunkt hier einmal Nun zur Frage der Reife: Ein Oberstudiendirek- einzuschieben, erscheint ein solches System völlig tor hat bezweifelt, ob unsere I8jährigen für das unannehmbar, vom Ausland ganz zu schweigen. Abitur reif seien, und er hat seine Zweifel mit der Der heutige Abiturient ist gegenüber dem Abi- erschreckenden Beobachtung begründet, dak 20- turienten meiner Generation 1!% bis 2 Jahre älter. Jährige Primaner bei der schriftlichen Reifeprüfung Diese Verlängerung der Schulzeit wird mit drei ihren Teddybär als Talisman neben sich setzten. Argumenten verteidigt: Als ich vor mehr als 40 Jahren das Gymnasium D die geistige Reife unserer Jugendlichen vollziehe besuchte, war damals bereits das Adjektiv „unreif“ sich heutzutage langsamer; ein Lieblingswort unseres ganz ausgezeichneten —- der Stoff sei gewachsen; Ü Klassenlehrers Professor Kraushaar. Auch er mußte ~ die Umwelt lenke unsere Jugend heute viel mehr slschrs stile Yeshachtuzizen! 1zscheh Nazmals gab br als in der quem viien Z tze Keines dieser Argumente überzeugt. Wandervogelkitteln und offenen Schillerkragen. Beginnen wir mit der guten alten Zeit. In meine Wenn sie sich das wegen guter Zensuren leisten Schulzeit, die Zeit von 1913 bis 1925, fiel der erste Konnten, bestanden sie sogar darauf, in diesem An- Weltkrieg. Wie die älteren von uns wissen, mußte Zzug zur Prüfung zu erscheinen. 100 Jahre vorher die städtische Bevölkerung damals sehr viel schlim- cerschreckten die Studenten ihre Landesväter durch mer hungern und frieren als im zweiten Weltkrieg. gewaltige Bärte und lautes Lärmen. Wir hatten viele Jahre Schichtunterricht, erlebten Zu allen Zeiten galten offenbar nach dem amt- die Rheinlandbesetzung, den Vorstoß der Franzo- lichen Urteil nur diejenigen als reif, deren äußeres 032
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