Full text: Lübeckische Blätter. 1966 (126)

gehört zu haben. Das wurde in Beethovens op. 24 führung in die moderne Musik weit geringer, als anders, jedenfalls in der Bestimmung der Anteile. wenn man traditionelle analysierte. Die durch jene Die schöne Gelöstheit, empfindliche Musikalität wie Begriffe suggerierte Vorstellung aber, als sei aller geistige Aufmerksamkeit des Pianisten lebten sich in älteren Musik mit bloß genüßlichem Hören beizu- durchaus gehörigem Klangvolumen aus, seine Ge- kommen, als werde hier neben dem denunzierten staltung übertrug starke Energien auf die gemein- Gefühl, der vagen Träumerei die verstandesmäßige same Konzertleistung. Die Violine dagegen blieb Aneignung gar nicht gefordert, ist ja so grundfalsch, noch unter ihren klanglichen Möglichkeiten, man verstößt so strikt gegen die logische Gewalt der vermißte im Spiel der Geigerin, die dem langsamen tonalen Musik, daß dies auch dem Urheber solcher Satz manches in der Intonation schuldig blieb, jene Begriffe bewußt sein muß. Hinter innen steckt neben Strahlkraft, die ihr Instrument gerade in dieser So- dem ernstlichen Willen zur fördernden Hilfe irgend- nate in der Führung beläßt. wo auch die List, durch eine Verkehnrung der Ber- So lagen die reifen Momente der Aufführung im griffe das Recht auf die andere Seite zu zienen. – zweiten Teil. Ursula Götz volibrachte ihre schlecht. Albrecht hatte Weberns 6 Orchesterstücke op. 6 der hin vollkommene WMleisterleistung in Bachs Solo- Vraufführung von Milko Kelemens „Die Wörter“ sonate g-Moll – was für die sicheren Qualitäten lnach Sartre) vorangestellt, sie vorgestellt als Musik dieser Geigerin mehr noch spricht, als wenn sie sich der Großväter-Generation (was ihre paradoxe Lage auf einen Instrumentalpartner stützte. Bei diesem als immer noch unverstandene Kunst beleuchten künstlerisch vorbildlichen, hinreißenden Spiel ging Sollte); aber seine rhetorische Frage, was denn neben einem auf, was die normalen Konzerte versäumen, ihr aus ihrer Entstehungszeit (1909) sonst geblieben indem sie auf diese Literatur verzichten. Gewiß trug Sei, war man versucht, mit einem stattlichen Katalog der Saal wie ein überdimensionierter Resonanzboden Von bedeutenden Werken zu widerlegen. Berech- den makellosen Geigenton und machte das Solospiel tigter wäre die Frage, warum Weberns Musik sich füllig, ja orchestral. Aber zugleich enthüllte die un- nicht durchgesetzt hat — sie wurde gar nicht erst bestechliche Akustik hier nun auch die Vollkommen- Sestellt. Eine unfreiwillige Antwort enthielt die Art, heit einer geigerischen Urbegabung, die das Werk wie diese und Kelemens Musik erläutert wurden. traumhaft sicher, auswendig aus sich hervorspielte, Immer beschränken sich diese Analysen auf bloß bis in die kleinste Note fesselnd; die registernatt Materielles; aber es ist illusionär, zu glauben, durch abgestufte Polyphonie war dabei ebenso sinnreich bloßes Aufweisen einiger Klangfolgen und Instru- durchdacht wie die immanente Akkordik des Presto mentationstechniken einen echten Zugang zu eröff- im Stehenbleiben des Töne-Sturzbachs in Trans- nen. Das Verfahren gibt sich so, wie wenn man parenz gewonnen. Ein einsamer Gipfel der Violin- den ästhetischen Gehalt von Krisiall-Formen nicht literatur, der unübertreffbare Höhepunkt dieses Seometrisch, sondern mineralisch erläutern wollte. Abends. Womit die folgende Leistung in Strawinskys Diese Analysen bestärken den Hörer nur in seinem Suite Italienne nicht geschmälert sein soll: Bei dier Verdacht, daß diese Werke ihren Sinn in materia- sen der Pulcinella-Suite entlehnten, alternierend in listischer Vordergründigkeit erschöpfen, daß er sich reinem Persgolesi-Stil gehaltenen und klassizistiscn. mit dem „physiologischen Hören“ (P. Bekker) statt modern versetzten Teilen herrschte nun beste Aus- des logischen begnügen muß. Und wenn Albrecht geglichenheit zwischen den Partnern. Ursula Götz mindestens 7Tmaliges Hören zur Erweckung des Ver- spielte delikat auch in den ausgreifenden Partien, ständnisses für diese verrätselte Kunst forderte, so mitreißend dezent und nächtig verschleiert im (wie. ist ihm wohl zuzustimmen, aber in dem Sinne, wie derholten) Versonnenen Prunkstück, der Serenata. man durch längeres Hinsehen der Zufallsformen und Robert Henry schien hier ganz im Eigenen zu walten: -farben bei Naturerscheinungen (Wasser, Blattwerk, Seine kritische Intelligenz, eine verhaltene Energie, Gebirge u. ä.) habhaft zu werden glaubt. Gesetz- eine nicht zu steigernde klangliche Akkuratesse mäßigkeiten, geistige Ordnungen wird man dort wie bestimmten das Protil des Werkes in seinen charakt hier trotzdem nicht erkennen, sondern bestenfalls tsriztischsten Teilen. Es war zuweilen ein gedämpf- könnte sich aus dem Vertrautwerden mit dern Zu- es, weiches Hämmern wie mit Rosenknospen. ; fälligen die Ilusion des Notwendigen ergeben. Un- Dr. Klaus Matthias verkennbar jedoch enthält eine solche Aufforderung, sich Eindrücken anzuvertrauen (ohne ordnende Tätigkeit des Verstandes), weit mehr Einverständnis 2. Sonderkonzert „Moderne Musik“ mit kulinarischem Hören, mit romantischer Hoff- Daß das Fernsehen sich für dieses Konzert inter- tur os [!ete des Zutalls. IU zn Hrclsseten §ziert e Zotte vryis ZU der ]!!z:escns jugende das gegeißelte Verhältnis der Hörer zur Musik viel- Zufallsblick in die Kamera cht: durch Finen mehr auf diese Moderne anzuwenden. werden, dieser verschwiegene Wunsch spielte gerade- Über die Augenblicksreize der Webern-Musik ist zu unbewußt auf mancher Testlich (und künstlich) nichts Neues auszumachen + das über op. 10 (1. Son- aufgehöhten Miene. Die technische Sensation beirn derkonzert) Gesagte gilt auch für op. 6 (nur daß hier seite gelassen, Was wäre an Publikum erschienen? ein weit größerer Orchesteraufwand zuliebe punktu- [Noten. wir uns nicht in Vermutungen ergenen – ellen Einsatzes getrieben wird). Diese Musik ist zu enn überdies ja hatte die Hansestadt die Urauf- größerer Organisation unfähig, sie ist nicht auf- kütrung ihrer Auftragskomposition (und dafür wie- regend, sondern langweilig in ihrer Häufung von cum rorrüiüte man doch viel unentbehrliche Pro- subtilen Sensationen des Unerwarteten. Kelemens ö Webern-Nachfolge macht die Sackgasse nur breiter, GMD Gerd Albrecht hat dieser Reihe den Ohne sie zu verlassen. Sein karger Selbstkommentar Namen „Moderne Gesprächskonzerte“ gegeben. Er SParte die Fragen aus, die sich gerade bei der Sartre- hält die „herkömmliche Konzertfkorm“ für unpassend Vertonung ergaben. Der Text hielt zusammen, was bei einer Musik, die im traditionellen „Erlebnis- und im absoluten Bereich sonst gewiß noch unerbittlicher Genießkonzert“ schlecht aufgehoben wäre und ger zerfallen wäre. Dabei beginnt der Zweifel bei der meinsam erarbeitet sein will. Was soll das besagen? Stoffwahl. Sartres „Wörter“ bilden in seinem Ger ; auch meinte SEINe Bemerkung über die „Gänser samtwerk eine überraschende Neuheit an poetischem Ürut , die traditionelle Musik beim Hörer bewirke? Glanz und magischer Weltschau, wie sie zum andern U att Js es hier herausgestellt wurde, sind Ein- in der Geschichte der Autobiographie einen indivi- J ururs onzerte mit musikalischen Analysen gewiß dualistisch zugespitzten Sonderfall darstellen. Man nicht. Nur ist der Erkenntnisertrag bei einer Ein- spürt überall das Erbe Prousts, die kritische, logische 1 7 8
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