Full text: Lübeckische Blätter. 1964 (124)

Bildungstheater geblieben, eine Bildungsstätte für wurden seine Bühnenbilder immer einfacher. In eine diskutierende Bourgeoisie. Es hatte ein gewisses den zwanziger Jahren sagte er einmal, er möchte Milstrauen gegen die sinnlichen Elemente des den „Sommernachtstraum“ nun auf leerer Bühne spie- Theaters. Es spielte daher auch Shakespeare, Hof- len vor einer grünen Tapisserie mit Waldmotiven. mannsthal oder andere Meister in einem Stil, den Die Dekoration war ihm stets nur ein Hiltsmittel man an „Rosmersholm“ oder „Fuhrmann Henschel‘ Êzur Charakterisierung des Stückes. Nur ein Beispiel erarbeitet hatte. Für Reinhardt aber war das Theater für dekorative Symbolik, durch die ein realistisches nicht irgendein Bildungserlebnis, sondern ein Ur- Stück ins Überwirkliche gehoben wurde. Ibsens erlebnis. Er mußte die Begrenzungen des natura- „Gespenster“ waren bisher in einem bürgerlichen listischen Stils entgrenzen, sprengen, um in sein Wohnzimmer im Geschmacke der zweiten Jahr- Eigentum zu kommen. Er trennte sich von Brahm hunderthälfte gespielt worden. Auf Anregung Rein- und trat seinen eignen Weg an, den Weg eines hardts schuf Edvard Munch in Farben und Möbeln schöpferischen homo ludens, dem aufgegeben war, einen Raum als schweigsamen Rückhalt der Szene, das Theater wieder auf seine Elemente zu stellen: in dem jede Geste, jedes Wort als ein Absolutes auf das Spiel. hervortrat. Dieses Zimmer gab den Personen ge- Er ging diesen Weg mit genialer Instinktsicher- Lr; pu hatt q üetlsmmtuun heit. kzbitsarn Gs t . ferzssttet 1 logischen Schicksalstragödie das Symbolhafte auf- fu ung; ““ 1 “q it ue; yon . ir Un ich dämmerte. Aber es ist die Ironie des Erfolges großer “cines "Fuer w L q, § m Ü. Männer, daß der Ruhm sich an ihr Beiwerk hängt. schreitend zu einem théâtre à côté mit Einaktern wie Der spektakuläre Erfolg des „Sommernachts- „Salome“ und „Elektra“ und den Bildern des traum“ gab Reinhardt die Bahn zur Schaffung „Nachtasyls“, bis er nach drei Jahren die grole eines eigenen Theaterreiches frei. Im nächsten Schaubühne mit dem „Sommernachtstraum“ betrat. Jahre übernahm er das Deutsche Theater. Schon Und wahrlich, man wird nicht leicht in der dra- ein Jahr später gliederte er sich die Kammerspiele matischen Weltliteratur ein Stück finden, das mit An, Zu dem das Nebenhaus, bis dahin einer jener so überzeugender Lieblichkeit das Bildungstheater populären nach Klasse und Kasse gestuften Ber- wieder heimholt in das Spiel wie dieses Wunder- liner Tanzsalons, umgebaut wurde. werk aus Naturmythos und Humanistenwesen, in Die Kammerspiele waren wie ein feines Instru- dem durch den Streit um ein indisches Fürstenkind ment, ein Gehäuse wie eine Violine von einer die Natur sich verkehrt, die Elementargeister sich messenden und sordinierenden Stimmung. Die entzweien und verstellen und menschliche Herzen Bühne war von dem Zuschauer nur durch eine gauklerisch in Verwirrung stürzen, in dem der Stufe getrennt, um ihn persönlicher mit hinein Jerbste Mimus die holdeste Geschichte von Romeo zu ziehen in das Spiel. Der Name Kammerspiele und Julia in die Groteske von Pyramus und Thisbe stammte von Maximilian Harden, dem Publi- travestiert, damit am Ende Mutwille und Liebe sich zisten, der mit der luziden Witterung des frühe- in Spiel und Lustbarkeit zärtlich an den Händen ren Schauspielers sogleich das neue Wesen des Rein- halten. hardtschen Theaters, die Rückkoppelung in das Ele- Die Aufführung 1904 im Neuen Theater in ment des Spiels erkannte und seine Feder und seinen Berlin. wo heute das Brecht-Ensemble spielt, bildet Rat von Anfang an Reinhardt lieh. Andere ver- Epoche in der deutschen Theatergeschichte. Das mochten der großen Wendung nicht zu kolgen und Publikum war nach dem Grau des Naturalismus vor blieben, wie Reinhardts verbissener Gegner Alfred allem entzückt von Reinhardts farbiger Palette, die Kerr, dort stehen, wo Brahm den Stab nieder- einem impressionistischen Zeitgeschmack entgegen- gelegt hatte. kam. Die Bühne drehte sich offen, Musik und Tänze Reinhardts schöpferischer Impetus griff nach verbanden die Szenen. Ein dicker. Grasteppich zog allen Seiten frei aus. Er wart sich auf die ganze sich durch einen Märchenwald mit verschwebenden Fülle der Möglichkeiten, deren Spielbarkeit und Elkentänzen und echten Laubbäumen. Und über Hpielkähigkeit ihn lockte. allem ging der Mond auf und leuchteten die Sterne. Dic Write: des Aufführungsfeldes. zvcier direk- Unxerstand und Böswilligkeit haben ihn wegen jtgrialer Jahrzehnte ist fast unabsehbar. Es umfaßt NeIaeaee u E EE er alles aus den Elementen des Spiels heraufgeholt, Fttiedhers. §0 girersierends / hfeltzustände Ws daß er aus einer Bildungsbühne einen Raum der le jUrsstiét 14 et elde U (U Phantasie gemacht hatte. das blieb den meisten Metern zBlqtier Yoge! s Ftfdhes! "G es cetrigcn ECO L RELNEL K GSE Reinhardt hat sich nie für ein dekoratives Schema mödien von Aristophanes bis Wedekind und Stern- entschieden. Er hat nach jener ersten berühmten heim an die Rampe. Wie die Klassik wurde auch Aufführung den „Sommernachtstraum“ noch zwölk. die Moderne vom Spiel aus gedacht und gebaut, ob mal inszeniert und immer wieder anders. Nach dem die Charakterologie und Pathologie des Naturalis- Gesetz der Integration in der gleichzeitigen Malerei mus, ob die nervöse Psychologie des Impressionismus 52
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