Full text: Lübeckische Blätter. 1964 (124)

regsten Anteil an allen die Stadt berührenden Fra- unbewulßten Geistes geworden sind, als denen, gen. Dennoch träfe die Benennung „ein alter Lü- welche von der Idee zur Tat übergegangen sind becker von echtem Schrot und Korn“ in ihrer und den Geist zur Wirklichkeit gemacht haben. schulterklopfenden Behäbigkeit kaum den Kern Ihr Wirken pflegt nicht im Lichte des Tages zu seines Wesens, das doch soviel differenzierter und liegen, sondern sich in den Akten der Behörden- feiner organisiert war. Gewibß, es steckte in ihm ein archive, in den Aussprachen kleiner Gremien, in gut Teil von dem ungebrochenen bürgerlichen Selbst-. der Wirksamkeit von Mensch zu Mensch zu ver- bewulttsein des 19. Jahrhunderts, gleichzeitig aber bergen.“ So seien hier denn wenigstens die wesent- schimmerte auch wieder - sei es in semer voll lichsten Tatsachen aus dem Wirken Hermann endeten Höflichkeit, sei es in seiner anmutig Links in das nur zu schnell entfliehende Gedächtnis pointierenden Rednerbegabung ~ ein ausgeprägt der Zeitgenossen und Nachfolgenden zurückgerufen. grandseigneuraler Zug hindurch, der eher an einen Wenn bereits der junge Referendar, der 1901 Kavalier der galanten Zeit denken ließ. nach Abschluß seines Studiums nach Lübeck heim- Wer ihm in diesen letzten Jahren begegnete, war kehrte, noch ganz unter dem Eindruck der mit- immer wieder beeindruckt, wie elastisch und frisch, reißenden Persönlichkeit Friedrich Naumanns, bren- wie so gar nicht greisenhaft der Achtzigjährige doch nende soziale Probleme der Zeit anpackte, dann war wirkte. Zu jeder Jahreszeit konnte man dem klei- sicherlich nicht ein sentimentales Mitleid mit den nen, stämmigen Mann mit dem gestrafften Gang „armen Leuten“, sondern ein tiek verankertes Ge- des leidenschaftlichen ‘ Spaziergängers am Trave- rechtigkeits- unc Verantwortungsempfinden der münder Strand, am Brodtener Ufer oder in Sierks- treibende Beweggrund. Ob er in Vorträgen und dork begegnen. Wie lebhaft interessierte er sich bis in Auksätzen in den „Lübeckischen Blättern“ (deren seine letzten Lebenstage hinein für alles politische, Schriftleiter er 1906 bis 1908 war), In der Tages- wirtschaftliche, kulturelle Geschehen der Gegen- und in der Fachpresse augenfällige Mißstände an- wart, wie intensiv pflegte er sich mit Fragen der prangerte und Anregungen und neue Ideen zu Philosophie, der Kunst auseinanderzusetzen! Und ihrer Abhilfe gab, ob er die „Offentliche Bücher- wie kindhaft herzlich wußte er sich zu freuen: über uncl Lesehalle zu eimer vorbildlichen Volks- cine Blume. eine Landschaft, ein Musikstück, ein bücherei umwandelte, ob er (1905) eine „Vffentliche s Gias "Weni.+= doch sclbit noch im leihat- unentgeltliche Rechtsauskunftsstelle“ ins Leben riek, Gesgh Aufleuchten seiner Augen spürte man immer um die Rechtsstellung auch der Minderbemittelten auch eine gütige, aber distanzwahrende Gelassen- den W'ohlhabenden gegenüber zu sichern, ob er kür leit. Dic Gnade! des! Alt che reite. ühexr: Se Verbesserung des Strafvollzugs eintrat und [: '§ s E f Ee f IS langen damit den Anstoß zum Neubau des modernen Zen- Lebensweges hinab, das „heitere Darüberstehen“ tralgefängnisses Lauerhof gab oder die heute noch EO treu Fontane + wie wenigen, un ü Aalicin den bestehende „Zentralstelle zur Bekämpfung von t cictké- z5ourcränen. Geistern :veird âic#ägch-in Schwindelfirmen“ begründete - stets bewährte sich !.. Ts ER G Äe Hermann Link zuteil: sein einzigartiges Talent als Anreger und Organi- s sator ebenso wie seine große Kunst der Menschen- Seine berufliche Laufbahn, dieses so ganz auf behandlung - nicht zuletzt in der Heranbildung die praktische Tat gestellte, weitgespannte sozialo eines geeigneten Mitarbeiterstabes. Die Rechts- politische Wirken, hat ihn, der am allerwenigsten auskunktsstelle, als deren Leiter er in der Praxis an die eigene „Karriere“ zu denken gewohnt war, des täglichen Umgangs die Probleme und Nöte der zu hohen und höchsten Amtern geführt. Seine unteren Volksschichten in einer ganz anderen Weise Fähigkeiten wuchsen mit den zu bewältigenden kennen lernte, als sie ihm zuvor auf den Schau- Aufgaben, und die Aufgaben nahmen zu im Maße plätzen politischer Kämpfe entgegengetreten waren, der Entfaltung seiner Persönlichkeit. Es hat diesem sollte mit der Zeit zur Keimzelle einer ganzen Lebenswerk auch nicht an Anerkennung, Ehrungen Reihe weiterer sozialer Einrichtungen werden, galt und Auszeichnungen gefehlt: so war Hermann es doch, nicht nur bei Auskunkt und Beratung Link Inhaber des Großen Verdienstkreuzes der stehen zu bleiben, sondern auch praktische Hilfe Bundesrepublik, und zu seinem 70. Geburtstage zu leisten. So entstanden nach und nach, den verlieh die Gesellschaft zur Beförderung gemein- Bedürfnissen des Tages entsprechend, eine Schreib- nütziger Tätigkeit „dem unermüdlichen erfolgreichen stube für entlassene Strafgefangene, eine öffent- Kämpfer gegen soziale Not, dem edlen Vertreter liche Stellenvermittlung für Hausangestellte – spä- gemeinnütziger Gesinnung und Tätigkeit“ ihre nur ter zum öffentlichen Arbeitsnachweis erweitert ~, ganz selten vergebene Goldene Gedenkmünze. eine Zentrale für Kranken- und Hauspllege, ein Dennoch bestehen die Worte, die sein alter Jugend- Einigungsamt für die außergerichtliche Regelung freund und Klassenkamerad am Katharineum, der von Mietstreitigkeiten. Als Initiator all dieser Be- berühmte Rechtslehrer Gustav Radbruch, aus eben strebungen kam es ihm stets darauf an, die Eigen- diesem Anlaß geäußert hat, zweifellos zu Recht: kräfte der sozial Benachteiligten und Bedürftigen „Es ist eine merkwürdige Tatsache, dak die Welt zu entfalten und sie zur Selbsthilfe anzuspornen, ihren Dank mehr denen darzubringen pflegt, die als statt lediglich Almosen in Form von Unterstützun- Schriftsteller oder Lehrer ihr zu Sprechern ihres gen zu verteilen. | Q
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