Full text: Lübeckische Blätter. 1964 (124)

mentalarbeit von Tolstois Roman „Kries und ordnend verankerte. Den Hörer braucht diese lo- (M: Frieden“, ohne darauf hinzuweisen, daß der russische gische Verarbeitung vorerst nicht zu beschäftigen, (So Erzähler seine Einzelschicksale in das Schicksal des Namen wie Fuge, Sonate, Passacaglia, Invention u. a. Mä: russischen Volkes während der Invasion Napoleons sollen ihn nicht beunruhigen. Ihre GesetzmäBigkeit unl 1812 einfügt, während Thomas Mann immer nur wirkt latent. Der unbefangene Hörer wird sie nicht Bri repräsentative Einzelschicksale schildert. Das hängt gewahr, ja nach dem Willen des Komponisten dart sch damit zusammen, daß die Arbeit Schröters (wie so es niemanden geben, der nach dem Öffnen des Vor- doc viele literarhistorische) die Hauptleistung Thomas hanges von etwas anderm erfüllt ist, als von der Manns, seine schöpferische künstlerische Arbeit, abr weit über das Einzelschicksal hinausgehenden Idee an gesenen von den vorherrschenden Ideen, kaum der Oper. tro charakterisiert und würdigt. Wenn man einen Dichter Diese Absicht ist Berg sicher gelungen. Büchners An von Rang geschichtlich einordnen will, ist es am ein. ,„Wozzeck“ hätte – wenn überhaupt! ~ nicht besser kachsten, sich an seine Ideen zu halten, die er sich jJa komponiert werden können. Diese Musik ist fast un- größtenteils aus Vorwelt und Umwelt holt. Aber erträglich wahr, auch dort noch, wo sie nur Ge- seiner eigenen Stellung als Meister der Schilderuns räusch zu sein scheint. Selbst die Volkslieder sind gli menschlicher Schicksale wird man auf diesem Wege von dämonischen Untergedanken verzerrt. tar nicht gerecht. In Westdeutschland wird zur Zeit Obwohl die Meinung, der „Wozzeck“ sei nur an sl die ganze Methode der Literaturkritik und des Liter großen Bühnen herauszubringen, durch gute Auf- Da raturunterrichts lebhaft diskutiert. Es bedark in führungen kleinerer Theater längst widerlegt wurde hei unserer Wissenschaft zweifellos einer Ergänzung der __ kurz nach Schülers Oldenburger Aufführung ber- gra genetisch-historischen Methode durch Struktur- und kam auch Lübeck 1929 „seinen“ Wozzeck ~ so gehört S Stilanalyse, die auf die Einheit jedes Kunstwerks eine ausgereifte Darstellung wie die jetzige der Sir und auf die Sprachgestaltung zielt, also ästhetische Städtischen Bühnen immer noch zu den besonderen Wi philologisch gerichtet ist. Die Forschung muß vor- gtryreignissen. Wie von einer Mission durchdrungen me angehen, dann werden Kritik und Unterricht kolgen. jetzte sich GMD Gerd Albrecht an der Spitze aller ein Manche törichte Meinungen der Kritiker über Mitwirkenden für das Werk ein. In zahlreichen Thomas Mann werden dann auch bald überwunden Proben natte man sich mit den Schwierigkeiten der Vie werden; ein großer Teil seiner Werke ragt ins Zeit- gcigenartigen Paritur vertraut gemacht und damit Nis lose empor! Walter A. Berendsonn gjie Voraussetzungen für eine einwandfreie Wieder- Ge gabe der neuen Klanggestalten und ihrer mannig- hat fachen Varianten geschaffen. Bemerkenswert, wie ste Theater und Mulsik man sich trotz aller Impression des dichten Satzes gle s (bis auf einige berechtigte Ausbrüche) im Orchester .cal Alban Berg „Worzeck so sensibel zurückhielt, daß dem aufmerksamen B t Als ungewöhnlichen Auftakt zur neuen Spielzeit Hörer fast kein Satz auf der Bühne entging. Daher . Þe brachten die Städtischen Bühnen Alban Bergs kann dem Dirigenten und seinen vortrefflichen Mu- lan „Wozzeck“ in einer bestürzend eindringlichen Wier sikern keine größere Anerkennung gesagt werden, „L| dergabe. Dieser Erfolg rechtfertigt das Wagnis der als daß sie ganz im Sinne des Komponisten dem WE Aufführung. Es erübrigt sich daher, zu erörtern, 0 Drama dienten. Von dem leidenschaftlich musi- get es ratsam war, dem Publikum gleich ein so probler zierenden Albrecht, dessen beispielnafter Ernst die 3 € matisches Werk vorzusetzen. Vom künstlerischen Aufführung trug und formte, gingen Impulse aus, als Standpunkt jedenfalls konnte diese Oper nur zu die den Hörer sogleich aus seiner Reserve rissen und mi einem Zeitpunkt herauskommen, wo sich die vielen intensiv am dumpfen Schicksal der .armen Leut?! “ c Proben hierzu überhaupt einrichten ließen, denn aut der Bühne beteiligten. . maßgebend bleibt allein die Qualität der Darstel- So geschlossen wie im Orchester wurde die ; lung. Daher konnte der Premieren-Termin nur nach Handlung oben aut der Bühne von Ulrich Melchinger, dem Gewissen der Verantwortlichen bestimmt dem neuen Opern-Spielleiter, geführt, der das Ab- Hi werden. gründige mit dunklen Bild-Visionen (Jost Bednar) Auch Alban Berg, der Komponist, hat sich den und treffend entworfenen Kostümen (Edith Biskup) Teufel darum geschert, ob es wohl in der Zeit nach akzentuierte und konsequent die Katastrophe ein- dem ersten Weltkriegs (wo man lieber alles andere geleitet, aus der dann der kleine Bub des Wozzeck als ausgerechnet Opern komponierte) opportun sei, als Symbol eines neuen elenden Lebens übrig bleibt. Büchners „Wozzeck“ überhaupt zu vertonen. Und Wozzeck, dem armen Teufel eines „gemeinen“ doch wurde seine Oper dank der Initiative von Soldaten, gab Boleslaw Jankowski das gewichtige Un Dirigenten wie Scherchen (Konzert-Auffünrung der Format der tragenden Partie, die er vom monotonen WE Fragmente) und vor allem Kleiber (Berliner Vraufer „Jawohl, Herr Hauptmann“ bis zur ausdrucksvollen de: führung 1925) eines der bedeutendsten Dokumente Kantilene eindringlich pointierte und miterlehte. Wi moderner Musik. f Eine Prachtfigur, mit lebendigem Spiel und hohen Freilich hat Berg aus den Szenen des genialen musikalischen Qualitäten, bot Charlotte Berthold als es Dichters keine Oper im herkömmlichen Sinn ger Marie. Temperamentvoll bewältigte sie die heiklen in macht. Durch ihn entstand eine akustische Vision Sprünge ihrer weiten Partie, glutvoll gestaltete sie k: der gequälten Kreatur, des Soldaten Wozzeck. Bers die Verführungs-Szene mit dem Tambourmajor, die schrieb eine rücksichtslose Musik, die auf die Nerven einem Kerl „mit einer Brust wie ein Stier und einem de geht, eine Musik, die das Unterbewußte ausspricht Bart wie ein Löwe“. Connell Byrne, der neue Helden- und dadurch die Wirkung des Dramas steigern tenor, zeichnete den siegesgewohnten Frauentyp so We möchte. Unerhörte Klänge wurden hier zum ersten echt nach, daß man ihm gerne glaubte, er würde we Male erdacht, instrumentale Kombinationen, die ~ am Sonntag mit dem großen Federbusch am Hut L € ob tonal oder atonal – noch heute nach vierzis noch viel prachtvoller aussehen. un Jahren schockieren. Daneben finden sich jedoch Eine besondere Charakter-Studie gelang Ludwig Partien wie die Bibelszene der Marie, die ergreiken Boder, einem erstaunlich vielseitigen Künstler, als au oder – wie die Nachtszene am Moor + gespenstisch dliabolischer Regimentsarzt, auch Peter Haage über- "ic verzaubern. zeugte als dummer, wehleidiger Hauptmann. Beide ic Bei aller Expression ist Bergs Musik keineswegs skurrilen Typen verstanden ihre Eigenart besonders it formlos, nicht etwa nur Untermalung des dramar in der Szene mit Wozzeck vor der Kaserne voll tischen Vorgangs. Im vorbildlich ausgestatteten Pro- auszuspielen. In kleineren, doch für das Ganze nicht ät grammheftft findet der Hörer Hinweise auf verschier minder wichtigen Partien hörte man Wilm Verkerk an dene Formen der absoluten Musik, mit denen Berg (Andres), Hermann Rohrbach und Norbert Burger Ka seine subiektiv-ausschweifende neue TYThematik lerster und zweiter Handwerksbursche). Ilse Köhler re 240)
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