Full text: Lübeckische Blätter. 1962 (122)

wenn der Bildhunger der Menschen sich sublimieren so gar nicht lohnende und doch so inbrünstig ge- und ~ über die großen Illustrierten und Magazine liebte Hoffnung kennt: am Leben bleiben. = nicht mehr das Bild um jeden Preis verlangen Nicht aus barem Zufall ging Capa den Weg würde. Was nämlich so entsteht, ist unvermeidlich leidenden Volkes. Als der 18jährige Ungar 1931 eine Tagesware, die nie das Herz erreicht und nie in Berlin zu studieren begann und dabei als Gehilfe die Sinne weckt. Ein Wust von Bildern stürzt in uns in der Dunkelkammer seine ersten Schritte für sein hinein. Wir werden übersättigt und gar blind für späteres Handwerk tat, waren ihm zwei Jahre die Werke der wahrhaft Großen unter den Journa- gegeben in einem zerrissenen Volk, in dem der eine listen des Bildes. Teil sich anschickte, den anderen zu usurpieren. Als Hlier stehen wir inmitten der Werke eines ganz diese Tat verbracht war, konnte er nach Paris ent- Großen: weichen. Von nun an war er nur noch Photograph. Robert Capa, geboren 1913 in Ungarn, gelebt in Damals hieß er André Friedmann. Damals be- der ganzen Welt, gefallen 1954 in Vietnam, indem schlok er, sich Robert Capa zu nennen. Er war er auf eine Mine lief. 41 Jahre alt ist er geworden, Flüchtling, und die Politik wusch schmutzige Wäsche. 18 davon hat er in Kriegen verbracht. Aber er lebte, wie damals junge Menschen lebten Der Krieg übte eine grausige Faszination auf inn aut dem linken Ufer in Paris. Nur seine Bilder aus. Diese Faszination ist um so unbegreiflicher verrieten schon damals, daß sein scheinbar leichter, als kein Gran von Heroismus, keine Spur von frisch. lebensfroher Sinn seine Augen nicht stumpf mach- fröhlichem Landsknechtstum, keine Haudegenschaft ten. 1936 ging er nach Spanien. Mit seiner Freun- hier mitspielt. Selbst ein Bewußtsein, auf der besser din. Sie verreckte unter einem Panzer. Er gewann ren Seite zu stehen, für eine bessere Sache zu kämp- seinen ersten Ruhm. fen – wo würde es auftrumpfend sichtbar? Dann = 1938 = sah ihn der chinesisch-japanische Capa gehört zu denen, die unrettbar dem Sog Krieg. Krank, elend, auf dem Hund. Aber seine des Todes ausgesetzt sind, die aufgerufen, vom Leid Bilder wuchsen. „Life-Magazine“ berief ihn. Damit der Welt zu künden, verurteilt, den Menschen zu war er, ganze sechs Jahre nach seinem Beginn, im suchen, wo er von Schmerz vergeht, von Angst ger Dorado der großen Photographen dieser Erde. jagt und von Not erstarrt ist und vor Verzweifklunt Weltkrieg II begann. Von 1941 an war er dabei: schreit. Nordafrika, Sizilien, Italien, Invasion der Nor- Ein furchtbarer Engel trieb ihn auf diesen Weg mandie, Frankreich, Deutschland. Am „D-Day“ ge- und füllte sein Leben mit Weinenden, Hungern- hörte er zur ersten Angriffswelle. An diesem Tage den, Verstümmelten, Toten, mit Brand, Trümmern, machte er einhundertundsechs Aufnahmen, acht da- Gräbern und Kreuzen. Der Mann hat soviel Traun von waren brauchbar. Seit diesem Tage und diesen rigkeit in sich aufgesogen, daß sein Blut darüber acht Aufnahmen war Robert Capa der höchste Name hätte schwarz werden müssen. auf der Liste der Kriegsphotographen. So sind denn auch seine Bilder von Siegesjubel Amerika gab ihm 1945 die Staatsbürgerschaft. und Befreierstolz immer gepaart mit solchen, die Nach zwölf Jahren hatte er zum ersten Male wieder die bösen Züge auch des Siegens zeigen. Eine stille „Papiere“. Aber er war müde. Er hatte nur noch Melancholie fließt so von einem Bild zum anderen, einen Wunsch: „ein arbeitsloser Kriegsphotograph und die Grundversicherung bleibt, daß Menschen- zu sein und zu bleiben“. Er wurde ein guter leben Schmerz bedeutet, Schmerz, den wir unendlich Freund, ein prächtiger Kerl, gründete die berühm- erleiden, Schmerz, den wir zufügen, immer wieder, teste Photor-Agentur der Erde ~ „magnum“ — zu- obwohl wir alle Leids genug erfuhren, und ob vsammen mit Cartier-Bresson, David Seymour und wohl der ungeheure Ernst solcher Dokumente, ein- George Rodger. Das war 1947. + 1949 gesellte sich malig gewiß in der Präzision ihrer Sprache, viel- ihnen Werner Bischof zu, der – seltsames Treffen leicht den unbändigen Wunsch nach einer besseren + im gleichen Jahr, im gleichen Monat auf einer Welt mit dem guten Menschen darin wachruken Reportage in den peruanischen Anden tödlich ver- wird, aber unsere Ohnmacht doch nur bestätigt: in unglückte. der Verlorenheit dieser Soldaten in der afrikani- Seiner Gattin verdanken wir diese Ausstellung. schen Felswüste, der spanischen Flüchtlingskolon- Capa ging zum ersten Mal auf eine friedliche Reise, nen, des Chinesen in seinem Schützenloch, jenes 1948, nach Israel. Er kehrte zurück. Die Ruhe währte Franzosen, der irgendwo in Indochina mit einem nicht lange. Wieder kam Krieg. Sie schickten ihn ~ Hunde spielt. nach Israel. Er ließ sich schicken und hatte einen Auf allen Bildern Capas sehen wir immer nur neuen Krieg. Und der Tod schickte eme neue War- das Volk, die Soldaten, die Bauern, Arbeiter, Bür- nung. Wieder war eine Frau dabei. Er verlielß ger. Die hohen Offiziere, die Politiker, der mäch- Israel. tige Industrielle, der Wirtschaftler, der Gelehrte – Er machte Agentur. Saß in Bars. Er liebte die sie scheinen für Capa nicht zu existieren. Der ano- Rennplätze, Whisky, Poker. Er fuhr nach Paris, das nyme Mensch mit dem anonymen Schicksal, der er zeit seines Lebens liebte. Und dann kam der selber nie Schicksal spielen kann ~ der zog ihn an, Krieg in Indochina. Es drängte ihn nicht. Aber ihn hat er begleitet durch ein Leben, das aus Aus- dann wurde ein Photoreporter krank. Und Capa halten und Ertragen besteht und das nur die eine sollte aushelken – nur für ein paar Wochen. Und i 2
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