Full text: Lübeckische Blätter. 1961 (121)

Schlagerplatten. Vielleicht wirkte das Opus wäh- sich führt, verschenkt sein gutes Herz überall dort, rend seiner dreijährigen Spielzeit in Paris ganz wo es Mangel, Not., Elend, Verzweiflung findet, anders; wir könnten uns denken, daß sich das und so versäumt der vierte König damit die Zeit Pariser Publikum in der hiesigen Aufführung sogar und verfehlt den Weg. Er selber gerät in Not, Elend, gelangweilt hätte: zu wenig war von der „intensiv Harte Fron und erreicht sein Ziel erst nach dreißBig- pariserisch französischen“ Atmosphäre zu spüren, jähriger Irrfahrt, als das Kreuz auf Golgatha auf- die man im Programmheft versprach. Wir ver- gerichtet wird. mißten die Spritzigkeit, das Tempo, den sprudeln- Diese Legende, in der alle Liebe, Treue und den Witz. den Charme und die artistische Per Güte, aber auch alle Not der Menschheit gleichnis- kektion, die ein solches Stück braucht, um nicht zu hatt dargestellt ist, las Edzard Schaper so warm ärgern oder zu langweilen. und innig und doch so überlegen, daß die Zuhörer Hansjörg Utzeraths Regie besaß zu dem Autor auch dann noch lauschten, als die wenig Temperament und zu wenig Präzision, was Lesung wegen einer Brandgefahr im Saale abge- vor allem den Auttritten des Gangster-Quintetts de brochen und auf dem Flur der „Kammerspiele“ beabsichtigte Wirkung nahm: sie wirkten peinlich fortgesetzt wurde. Selten ist im „Lübecker Podium“ albern, oft auch ungekonnt (bei den Tanzeinlagen ein Dichter mit solchem Beifall überschüttet worden, dürfen eben nicht irgendwelche Arme und Beine wie er an jenem Morgen Edzard Schaper zuteil aus dem Takt geraten!). Die vielen Geschmackr wurde. Näcke losigkeiten des Textes wurden fast alle breit aus- gespielt oder ausgesungen; statt frecher Ironie und Ingrid Bachér im „Lübecker Podium“ kühler Distanz (die das meiste vielleicht erträglich Als eine Vertreterin der „Gruppe 47“ wurde semacht hätte) verbreitete sich auf der Bühne Iyri- nE rid Bach ér var alla var der Jüngeren sche Intensität. was der „bezaubernden Story“ die im „Lübecker Podium“ mit Spannung erwartet. Der nötige kabarettistische Schwerelosigkeit nahm. Vergleich mit Ingeborg Bachmann, Ilse Aichinger, G er d May en spielte den ,reinen Jünglinges Marie Luise Kaschnitz, die schon in Lübeck zu Gast Nestor zu gefühlvoll, zu ernsthaft, zu „deutsch“ – ùwaren, bot sich an. Verwunderlich, daß sich der und geriet dadurch immer menr in eine sentimen- Saal der „Kammerspiele“ nur mäßig füllte. tale Operettenstimmung hinein, die der Tod jedes Ingrid Bachér ist erst mit drei schmalen Prosa- „Musicals“ ist. Er beglückte die Schlagerfreunde im händen hervorgetreten: „Lasse Lar“, „Schöner Publikum mit einer unerwartet klangvollen Tenor- Vogel Quetzal“ und „Karibische Fahrt“. Daraus las stimme und erfüllte auch anspruchsvollere Erwar- zie, und zwar, wie sie selbst sagte, um die Realität tungen, als er seine Doppelgängerszenen mit komör des Kindes und die Realität der Landschaft ans diantischer Freude ausspielte. Birke Bruck Licht zu heben. verkörperte temperamentvoll „die Dirne mit dem In der Phantasie-.tindet d : . goldenen Herzen“; ihr Aussehen und ihre rauchig- ict k :: tan G Uu ft. of Kind Fk rale harte Stimme hatten das nötige „französische Flair“. : Z § Wandlungen un Alex ander Herzog war ein auffallendbiederer l rzauhoruugtn:: So wird die Katze zum Löwen, Barbesitzer, der das Publikum erläuternd durch das Wird das alltägliche Meer zum wogenden üppigen Stück führte; seine anzüglichen Zweideutigkeiten Kornfeld. Es ist nicht der Einbruch einer Über- U rt:tn ytrolenäe szziugatite: äs er sie pie piruuchtei. euern r Zushrechon in siue In Kuter. : frter Uärctonenkgl zum Psztsr wird nicht überfallen von einer höheren Realität, Lay: uch das sah und hörte man in Paris si reti sondern es schafft sie sich kraft seiner an der : Hensche! jgyirklichkeit orientierten Phantasia. Fret se Eh . .. kür das Kind das Leben sinnvoll und schön. Edzard Schaper im „Lübecker Podium“ Die Realität der Landschaft im weitesten Sinne Zu einem beglückenden Erlebnis wurde auch beschwor die Autorin in ihren Schilderungen ver- diesmal wieder die Begegnung mit E dzar d schiedener Märkte Mittelamerikas. Höchst anschau- Scha p er im „Lübecker Podium“. Er ist Kein lich und lebendig diese Marktimpressionen! Auch Moderner, kein Neuerer, kein Avantgardist. In der darin wird die Steigerung zu höherer Realität er- Thematik ist er dem Christentum und dem Hu- reicht. Die Phantasie will immer einen Schritt manismus verptlichtet, in der Form folgt er der weitergenen als die Wirklichkeit, um diese erträg- Tradition der Klassik. Macht und Ohnmacht, die lich zu machen. So werden die alltäglichen Dinge Gefährdung und Bewährung des christlichen Men- auf eine höhere Seinsebene gehoben, verzaubert, schen, darum geht es in seinen Büchern. Die Err verklärt, romantisiert; sie verlieren damit ihre zählungen und Romane haben als Hintergrund zur Banalität, Nüchternheit, Häßlichkeit. meist das alte und das gegenwärtige Rußland, und Ingrid Bachér verfügt über ausdrucksstarke in ihnen wird sichtbar der russische Mensch in sprachliche Mittel. Ihr Stil ist wohl eigenwillig, seiner Güte, seiner Einfalt, seiner Liebe, aber auch aber elegant, plastisch und trotz der Zucht und BE- in seiner Leidenschatt, seinem Fanatisnus und uwrnrußtheit lebendig, farbig. Im Vortrag aber kam seiner Brutalität. diese Kunst und Fülle nicht in vollem Maße zur Edzard Schapers Werk hat längst europäische Seltung. Die Autorin las für ein großes Auditorium Geltung erlangt; die Titel mehren sich von Jahr viel zu leise, dazu monoton. Sie hielt betont Abstand zu Jahr. Kein Wunder, daß der überfüllte Saal der zu der Welt ihrer Dichtung. Deshalb gelang es ihr „Kammerspiele“ doch nicht für alle Platz bot, die wohl auch nicht, die Zuhörer an dieser Verzaube- EinlaB begehrten, und daß der Autor mit herz- rung voll teilnenmen zu lassen. War darum der lichem Beifall begrüßt wurde. Beifall so zögernd? Näcke Edzard Schaper las aus seinem jüngst erschie- nenen Roman „Der Vierte König“ lediglich die Film Legende von dem kleinen König aus dem russischen Lande, der wie die drei Weisen aus dem Morgen- LA NOTTE“ lande dem Stern nachzient, um dem neuen Könige O :; {:s zu huldigen, dessen Geburt geweissagt worden ist. (Regie: Michelangelo Antonioni) Er belädt sich mir allen Gaben der russischen Erde Nach einer ersten Epoche, in der sie beziehungs- und will sie dem Kinde darbringen. Aber es wird los nebeneinander da waren, in der die Literatur zu ein leidvoller Weg, überreich an Enttäuschungen hochmütis gegen den Film, der Film zu grob- und an Mühe. Die Gaben, die der kleine König mit schlächtig für die Literatur war, haben beide von- : 12
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