Full text: Lübeckische Blätter. 1961 (121)

Mitten in Deutschland: Berlin, 13. August 1961 Ein Lübecker Student, der seine Ferien bei „He, Jenossen. Laßt uns mal eben durch, wia wolln Verwandten in Ost-Berlin verlebte, wurde am qyns bloß’n paar Westzijaretten holn!“ – „Du d. 13. August 1961 Augenzeuge der radikalen : P 1 é § „U a Sperrmaßnahmen, mit denen das SED-Regime vorn mit deina MP! Wat sacht denn deine Mutta ILE Ostsektor der deutschen Hauptstadt end. dazu, det du hia mit ‘'ner Flinte ’rumspielst?“ — gültis vom freien Westen abriegelte. Wir „Borg mir mal deine Kanone, ick will mal seh’n, ut LV Jo ct set Vin tuhüetient OO und Mcnaten in Berlin geschieht, uns ale CE€nn, fat wia mit euch machen würden. wenn wia unmittelbar betrifft, auch wenn wir in un- cure Kanonen hätten!“ Überall Gelächter. „Det serem äußeren Dasein nicht davon berührt könnta euch wohl wida nich denken, wa!? Wo werden. bleibt die Parteischulung?“ Gelächter. – „He du! Es ist 6 Uhr früh. Ich befinde mich auf der Volkspo!“ (Gelächter), „Mensch schäm dir, bei den sstlichen Seite des Stacheldrahtes an der Bernauer Mlist ooch noch mitzumachen! Du bist doch jenau so Straße in Berlin-Pankow. Bis jetzt haben sich nur alt wie wia!“ ~ Es wird immer lauter. wenige Menschen einige Meter vor der ,, Volks- Wie sieht es in den „Vopos“ aus? Sie sind alle polizei“-Sperre versammelt. Sie stehen einzeln, er- nicht älter als zwanzig Jahre. Was denken sie? scheinen in ihrer Gesamtheit aber doch als Ge- Einige stehen herausfordernd mit gespreizten Bei- meinschaft, die der Macht, den Uniformen, Mar nen da. die Maschinenpistole vor der Brust und schinenpistolen, Bajonetten und dem Stacheldraht in ein blödes Grinsen auf dem Gesicht. Die meisten stummem Protest gegenübersteht. Was diese Men- vermeiden es, der Menge geradeaus ins Gesicht zu schen verbindet, ist das gleiche Los, das sie teilen blicken. Sie kehren uns den Rücken zu. Schämen müssen, das gleiche Gefühl. das in ihnen empor sie sich? Viele sind nervös und unruhig, treten steigt: unsagbare Empörung. Eine drückende Stille. von einem Bein auf das andere und wischen sich lastet auf allem. Noch ist alles ruhig. Die meisten den Schweiß vom Gesicht. Menschen schlafen noch. Wenn nach und nach hier Die Menge wächst. es sind inzwischen etwa und da eine Jalousie hochgezogen wird und ein tausend Menschen, es wird immer unruhiger und Fenster sich öffnet, so erblickt man eine müde immer lauter. Die Rufe werden aggressiver, schär- Gestalt, die – noch im Schlafanzug + im Fenster- fer, höhnischer, verbitterter. Jetzt kommt ein SED- rahmen erscheint, plötzlich im Gähnen innehält Funktionär in Zivil, hebt seinen Arm und befiehlt und wie gebannt auf die Szene starrt, die sich vor. den ,Volkspolizisten“: „Auf, Genossen!“ Die der Haustür auf der Straße abspielt. Viele, die da ,„Vopos“ senken die Bajonette und nähern sich lang- unten stehen, haben noch die Milchkanne in der sam der Menge. Diese geht aber keineswegs frei- Hand und ihren Hund an der Leine, auf dem Weg wrillig: Sie stellt sich störrisch und läßt sich schieben, zum Milchmann haben sie von dem ungeheuerlichen drängeln und schubsen. Nach etwa zehn Metern Ereignis erfahren. In ihren Augen liest man Über- geht €s nicht mehr weiter. Da kommt der zweite raschung, Ratlosigkeit, Verständnislosigkeit. Bei Befehl: „Auf, Genossen!“ Die „Volkspolizisten“* manchen muß der Anblick des Stacheldrahtes und zünden, nachdem der Parteifunktionär ihnen das der Bajonette unmittelbar vor ihrer Haustüre einen Zeichen dazu gegeben hat. Tränengasbomben an Schock ausgelöst haben, denn ihre Blicke bringen und werfen sie in die Menge. ; noch nicht einmal fragende Verständnislosigkeit, Nach wenigen Sekunden weichen die tausend sondern nur beklemmende Stumpfheit zum Aus- Menschen drängend und stolpernd zurück und - druck. Kaum einer wagt sich vorzustellen, was die weinen. Stacheldrahtbarrikade da vorn lür ihn persönlich bedeutet. Auf manchen Gesichtern steht ein spöttisch- ; resignierendes Lächeln, das soviel heißen kann wie: An einer anderen Stelle stehen etwa zwei- Ich wußte doch, daß es einmal so kommen würde.. hundert Menschen in respektvoller Entfernung von Immer mehr Menschen versammeln sich. Viele der Stacheldrahtgrenze auf der Straße. Ich trete Jugendliche reagieren aus lauter Hilflosigkeit mit an einen „Volkspolizisten“ heran, der zehn Meter jener peinlichen Albernheit, die so gar nicht überr vor dem Stacheldrahtverhau steht. Er hat ein rot- zeugen will. Lärmend und scherzend kommen sie bäckiges, frisches Bauernjungengesicht und scheint heran, aber je näher sie kommen, desto leiser wer- sich in seiner erdbraunen Uniform nicht recht wohl den Fie. Jetzt stehen sie vor der Postenkette und zu fühlen. Ich schätze ihn auf höchstens achtzehn sind verstummt. Das beklemmende Schweigen wird Jahre. Zwischen uns entspinnt sich folgender Dialog: hier und da durch einige spitze Bemerkungen unter- „Sie sind ja so schwer bewaffnet. Sagen Sie mal. brochen. Fs sind nicht die Schaulustigen, die sich yor wem müssen Sie sich eigentlich verteidigen, um den Platz, an dem ein Verkehrsunfall statt. vor wem haben Sie Angst?“ – Er mustert mich gefunden hat lchiarsn; Dies sind Menschen, die sich mißtrauisch, als wolle er feststellen, mit wem er es demonstrativ versammeln, um durch ihre blokle An- zu tun habe. Er ist unsicher und schweigt. Ich wesenheit ihren Unwillen über das, was geschehen fahre fort: Wenn Sie sich überhaupt vor Jeman- jetzt wie eine Mauer gegenüber. Rufe werden laut: dem schützen müssen, dann doch wohl nicht vor ist. zu bekunden. Sie stehen „ihren N .demokratischen Sektor‘. sondern vor I:
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