Full text: Lübeckische Blätter. 1961 (121)

ausgedehnte Eindeichungen entreißken den Meeren ihrer Geschichte, von ihren Glaubensriten, wir neues Land, riesige Sümpfe werden trockengelegt, wissen meist von Mohammed so wenig wie von Flüsse erhalten ein neues Bett. Urwälder verschwin- Buddha oder Jahve. Wir kennen ihre Träume den, neue große Städte wachsen aus Einöden, Bohr- nicht, ihre Nöte und ihre Hoflnungen. Sie kommen türme riesiger Ulfelder, technische Anlagen großer vereinzelt in unser Land, sie leben unter uns, und Energieversorgungszentren verändern vertraute wir lassen sie meist allein. Hier kann doch jeder Landschaften. Alte Ländergrenzen verschwinden, helfen, hier braucht sich niemand zu klein oder neue Grenzen trennen, Monarchien, Diktaturen zu schwach fühlen. Hier sollten gerade wir Frauen und Demokratien wechseln ebenso wie politische verantwortlich und verständig handeln. Blockbildungen und militärische Bündnisse, wie In dem großen Aufschwung, der durch die ganze wirtschastliche Zusammenschlüsse mit Autarkie- zivilisierte Welt geht, um die Zivilisation in alle bestrebungen. An Stelle von Erbkeindschaften treten Winkel aller Erdteile zu tragen, in den großen Bündnisse. Nationen, die künstlich in sich getrennt Planungen für die unterentwickelten Völker, die sind, entfremden sich in ihren Teilen. Neben zweifellos primär nicht aus humanitären Ver- drohendem Bruderzwist entwickeln sich weltum- pflichtungen, sondern aus politischer Notwen- spannende Organisationen als Garanten des Frier digkeit und wirtschaftlichem Interesse heraus ver- dens: Kaleidoskopartig wechseln die Bildelemente. folgt werden, sollten wir auch dabei sein. Eben Es muß dem winzigen Individium in diesem damit doch auch die humanitäre Ver- raschen Geschehen unmöglich erscheinen. anders als p f li ch t un g erfüllt und den Menschen geholfen in hokknungsloser Resignation dem Lauf der Dinge wird. Wir können doch auch unsere Augen nicht und den technischen Wunderwerken zuzusehen, verschließen vor den Gefahren, die neu herauf- durch die Raum und Zeit längst aufgehört haben, ziehen können, wenn in den bisher unerschlossenen absolute Maßstäbe zu liefern. sondern in ihrer und unentwickelten Ländern die hochentwickelte Relativität entlarvt sind. Aber während der Reicher Hìechnik mit der modernen bürokratischen Admini- tum aus Wüsten wächst und der Goldstrom immer stration hereinbricht, mit Überspringen vieler Ent- schneller durch die Welt fließt, steigern sich wicklungs- und damit Gewöhnungsstufen, in denen Wünsche und Begehren: Mit dem Strom zu ja auch bei uns erst in Jahrzehnten schwere soziale schwimmen. nach dem Golde zu jagen, das er- Krisen überwunden werden konnten. Vielleicht scheint vielen als einzig lebenswertes Lebensziel. könnte das Licht, das dieser Umbruch in seiner Jedoch auch heute noch gibt es in der Welt Armut sozialen und wirtschaftlichen Struktur erzeugt, zu und Krankheit, Hunger und Unwissenheit über- grell sein für ein lange unerhelltes Land, könnte genug. Auch heute noch, so dringend wie eh und cine gefahrvolle Krise für die bisher rein kreatür- je. braucht diese klein gewordene Welt Schwestern liche Existenz der Menschen dort auslösen. und Lehrerinnen. Erzieherinnen der Waisen und Es wird also viele besondere Aufgaben geben ~ Pflegerinnen der Alten und Kranken. Auch heute auch für die Frauen, die mit ihren Männern oder wie eh und je braucht die Welt Wärme, Menschr die allein als Verwaltungskräfte, Pflegerinnen, lichkeit. Opferbereitschaft und Toleranz. Vielleicht Lehrerinnen, Arztinnen in diese erwachenden sogar braucht sie dies alles mehr denn je. Inmer Länder gehen, nicht nur Aufgaben für ihren Takt, noch erschreckt uns fast täglich eine Nachricht von ihr Wissen und Können, sondern Forderungen, die Unduldsamkeit gegen Andersdenkende, Andersfar- an Festigkeit und Gesundheit ihres Charakters bige. Andersgläubige. Wieviel eingewurzelte Vor- gestellt werden und unwägbare Aufgaben., die in urteile sind noch in einer Menschheit zu über- jenen schwebenden Bezirken liegen, wo das Ver- winden. die brüderlich sein und in echter Partner- trauen wächst und die Zuneigung und die Brüder- schaft leben sollte – nicht nur, weil sie durch die lichkeit. Lehren der großen Religionsstifter gebildet wurde, Jenes schöne, aus reicher Lebenserfahrung stam- sondern auch weil sie immer enger zusammenger mende Wort kommt aus Lambarene im Urwald würfelt leben muß. schwarz und weiß und gelb. Alrikas: „Was der Menschheit am meisten not tut, Christ und Mohammedaner und Buddhist. Aber sind Menschen, die sich um die Not anderer küm- wir hören überall neue Aufschreie von Menschen, mern.“ deren Würde irgendwo täglich von anderen Men- Es ist durchaus keine Illusion anzunehmen, daß schen mit Füßen getreten wird. Wir wissen das diese imponderabilen seelischen Kräfte, die dem doch alles. Wir hören auch die Rufe „Brot für weiblichen Wesen im besonderen immanent sind, die Welt“. „Weltfklüchtlingsjahr“, „Freiheit für und die wirksam werden, wenn sie gepflegt wer- Afrika“. „Kampf gegen Armut und Krankheit“! den, vielleicht entscheidend für den Erfolg aller Unsere Club-Delegierte für die Weltgesundn. Bemühungen um die große Aukgabe der Ent- heitsorganisation hat uns vor kurzem einen sehr wicklungshilke sein können. eindrucksvollen Bericht über Hunger, Krankheiten Und jetzt setzen wir von fremden Kontinenten und Seuchen gegeben, die die Bevölkerung vieler uns zurück auf unser kleines „alt-vertrautes“ Länder dezimieren. Das muß doch alles nicht mehr Europa. Wie sehr hat es in der kurzen Spanne sein. Aber was tun wir für all die Millionen. die unseres eigenen Lebens sich gewandelt! Es ist nicht heute nun im wahrsten Sinne des Wortes unsere nur seine Erde umgepflügt und mit Strömen von Nächsten“ geworden sind? Wir lernen nichts von Blut und Tränen getränkt, es sind nicht nur seine |I 12
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