Full text: Lübeckische Blätter. 1961 (121)

stimmt, von einer neuen, im Osten heraufgestie- Wir wissen, daß Thomas Mann sich irrte, wenn genen Welt mit Stumpf und Stiel verschlungen zu er 1926 vom deutschen Bürger „Weltbürgerlichkeit, werden. Ist etwas Wahres daran? Oh, manches! MWeltgewissen, Weltbesonnenheit“ erhoffte + sie- Über Europa geht heute, wir fühlen und erfahren ben Jahre später sahen die Dinge etwas anders es alle, eine gewaltige Welle der Veränderung aus. Dennoch meinen wir, daß die „bürgerliche hin, eben das, was man die „Weltrevolution Lebensform“, wenn sie die „Idee der Humanität, nennt, eine grundstürzende, mit allen Mitteln, der Menschlichkeit, des Menschen und seiner Bil- moralischen, wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, dung nach rechts und links gegen alle Extremismen politischen, technischen, künstlerischen Mitteln ber kritisch behauptet“, heute die einzige, letzte Mög- triebene Umwälzung unseres gesamten Lebens- lichkeit ist, unsere ererbte abendländische Kultur bildes, fortschreitend mit solcher Geschwindigkeit, gegen die doppelte Bedrohung durch den totali- daß unsere Kinder, vor dem Kriege oder nach inm tären Massenstaat und die industrielle Massen- geboren, tatsächlich schon in einer neuen Welt gesellschaft zu schützen und sie zu bewahren. leben, die von unserer ursprünglichen wenig mehr Wir haben in Lübeck das große Glück, eine weil. Die Weltrevolution ist eine Tatsache. Sie ganz lebendige Verkörperung dieser „geistigen leugnen, hieße das Leben und die Entwicklung Lebensform“ zu besitzen: die gemeinnützige Ge- leugnen; sich konservativ gegen sie verstocken, sellschaft, in der alle guten und wertvollen Tradi- hieße. sich selber ausschließen vom Leben und der tionen des deutschen Bürgertums am tätigen Wir- Entwicklung. Aber ein anderes ist es, die Welt- ken sind. Auch die Lübeckischen Blätter sind ja revolution anzuerkennen und ein anderes, zu mei- mehr als eine Vereinszeitschrikt oder ein Mittei- nen, die Lebensform deutscher Bürgerlichkeit sei lungsblatt für zahlende Mitglieder der Gesellschaft. durch sie im Ernste gerichtet und vernichtet. Viel Sie sollen das Forum der lübeckischen Bürger sein, zu eng ist diese Lebensform verbunden mit der die sich für das Schicksal ihres Gemeinwesens zu- Idee der Menschlichkeit, der Humanität und aller ständig und verantwortlich fühlen, der Ort also, menschlichen Bildung selbst, um in irgendeiner an dem die Fragen, Beschwerden, Meinungen und Menschenwelt je fremd und entbehrlich sein zu Erfahrungen des Einzelnen zum Nutzen der All- können. gemeinheit öffentlich ausgesprochen und zur Dis- ; , . kussion gestellt werden. Nur so ist wirkliche, Wir reden von einer geistigen Lebensform, und lebendige Demokratie möglich, nur so kann die das bedeutet, daß vr; indem y Bürgerlichkeit' bürgerliche Lebensform und Lebenskultur gegen sagen, nichts Klasseninteressenmäßiges, nichts Antir Jie von allen Seiten drohenden Gefahren ver- sozialistisches etwa im Sinne haben. Hier werden teidigt und lebendig erhalten werden: im gemein- die Veutschen nicht eingeteilt in Bürger und So- gamen verantwortlichen Wirken für das Wohl der zialisten. Uier heißt Deutschtum selbst Bürgerlich- Stadt, das den freien Gedankenaustausch und das keit, Bürgerlichkeit größten Stils, Weltbürgerlich- fruchtbare öffentliche Gespräch voraussetzt. keit, Weltmitte, Weltgewissen, Weltbesonnenheit, Wir wünschen unseren Lübeckischen Blättern, welche sich nicht hinreißen läßt und die Idee der daß in Zukunkt noch viel mehr Bürger unserer Humanität, der Menschlichkeit, des Menschen und Stadt zur Feder greifen werden, um die Chance seiner Bildung nach rechts und links gegen alle zu nutzen, die ihnen diese ihre eigene Zeitschrift Extremismen kritisch behauptet ...“ bietet. Peter Henschel Gedanken zum Anfang eines neuen Jahres Ich träumte in der Silvesternachi, der ganze aber der Mensch nicht w ir k e n kann, dafür soll er Himmel zitterte ~ alle Sterngestalten erbebten – auch nicht ängstlich sorgen, nicht über Bedürfnis und ihre Lichter erloschen; da trat die Sonne hervor, die Empfänglichkeit des Kreises hinaus, in den ihn Gott Sonne des neuen Jahres, und ich erwachte. Aber die und die Natur gestellt, anmaßlich wirken wollen. Sonne blieb da, und sie versprach ihre größere Tue nur jeder an seiner Stelle das Rechte, ohne sich Wärme und ihr Leuchten. Ich sagte: was bist du um den Wirrwarr zu bekümmern, der fern oder nah weiter als der matte Abglanz der Allsonne, welche die Stunden auf die unseligste Weise verdirbt, so auch in allen unendlichen Erden und Sonnen, nach werden Gleichgesinnte sich bald ihm anschließen deiner Weise, den Frühling, den Winter und und Vertrauen und wachsende Einsicht von selbst Sommer gibt? Du guter Himmel bleibst uns treue, immer größere Kreise bilden. damit das Gute wirke wie auch die Erde sich wandle; du stehest mit Bau und wachse . . über dem Schnee und den Blüten, blau über Grön- Johann Wolkgang Goethe (31. 12. 1829) land, und blau über Italien. v Jean Paul (1819) Sie werden überrascht sein, mich auf Ihre Frage, N Fü qu K woran ich glaube, oder was ich am höchsten stelle, Es ist ganz gleichviel, in welchem Kreise ein edler antworten zu hören: Es ist die Vergänglichkeit. Mensch wirke, wenn er nur diesen Kreis genau Aber Vergänglichkeit ist etwas sehr Trauriges, kennenzulernen und völlig auszufüllen weiß. Wofür werden Sie sagen. – Nein, erwidere ich, sie ist die
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