Full text: Lübeckische Blätter. 1960 (120)

Gottes Sohn ist kommen „Übrigens wurde das Gebiet des Archelaus der fängnistür sprengt und ihn befreit, aber er glaubt Provinz Syrien einverleibt, und der Caesar schickte erwarten zu dürfen, daß mit dem Erscheinen des nun den Quirinius, einen gewesenen Konsul, ab. Sohnes Gottes auf Erden doch wenigstens etwas um eine Schätzung vorzunehmen . . .“ anders wird. Das ist seine Not und unsere Not, (Flavius Josephus, antiqu. lud. XVII) denn sein Zweifel ist auch der unsrige. Er und wir Es war schon eine eigenartige Zeit, in der sich erwarten von diesem Jesus, daß endlich dieses not- Jesus und Johannes begegneten, somnambul, fast beladene, friedlose Leben sich in ein glückliches, dämonisch, voll Spannung und Erwartung. Asketen seliges Leben hier auf Erden wandelt. Nicht also und Täufer, Sekten und messianische Bewegungen SGefkängnismauern, nicht die Willkür irgendwelcher zeichnen in ihrem Blühen und Vergehen das Wesen Tyrannen machen es uns so schwer, wirklich zu dieser Jahre, wie uns Flavius Josephus, Roms jüdi- glauben, sondern der Zweifel, der in der Frage liegt, scher Hokhistoriograph, in den antiquitates Iudaicae bist DU der, den wir erwarten? Oder anders gesagt, berichtet, der selbst in seiner Jugend zur neronischen ist das Kind in der Krippe wirklich Gottes Sohn? Zeit, allerdings noch als Joseph ben Matthia, zu Der Zweikel ist also nicht erst ein Kind der Moderne. diesen Kreisen gehört hatte. Und mitten in diese sondern ein Bruder des Glaubens, ohne den unser Welt hinein tritt Johannes der Täufer, erfüllt von Glaube nicht zu dem gottgewollten Glauben würde, seiner prophetischen Sendung und dem Geist der der alles wider besseres Wissen und eigenes Propheten, der um der Sünde des Volkes Israel Vorstellen auf Gott setzt. willen seit Maleachi erloschen war. Kein Wunder, Bist Du's? Das ist die zweifelnde, notvolle johan- daß auf diese unerhörte Kunde hin eine Erweckungs- näische Frage; und was hat nun Jesus geantwortet, bewegung entfacht wurde, die erst durch Herodes wie hat er sich verteidigt, womit hat er ihm be- Antipas jäh ihr Ende fand, der gleich allen Herr- wiesen, daß er trotz aller Niedrigkeit der Sohn schern seiner Zeit gegen alles, was nicht in die Gottes ist, der König aller Könige. Wäre Jesus ein Bahnen des Polizeistaates paßte, mit maßlosem Mißk- Mlensch wie wir gewesen, ein ganzes Feuerwerk trauen erfüllt war. seines Könnens hätte er entbrennen lassen, mit Was predigte nun eigentlich der Täufer, weshalb einem nicht endenwollenden, beredten Wortschwall lief alle Welt hin zur Jordanfurt am Rande der hitte er jeden Zweifel zunichte gemacht. Aber nichts Wüste? Daß Gott wieder einmal in die Geschike von dem allen berichtet uns die Heilige Síchrikt. der Welt eingriff, das war für Israel, ja für die Sondern mit einer Ruhe und Stille, wie sie unsere ganze antike Menschheit nichts Neues, sondern d a s heutige Welt gar nicht mehr kennt, mit einer war es: es kommt einer, nicht aus den Städten, Hoheit, die nicht von unserer Welt sein kann, weist nicht aus den Dörfern, nicht aus den Reichen der Jesus mit königlicher Gebärde auf das, was nach der Welt, sondern aus der Wüste! Ex oriente lux! Nur Verheißung die untrüglichen Zeichen sein sollen des deshalb nämlich hatte Johannes am Rande der Anbruchs des Reiches Gottes auf Erden. Denn wo Wüste sein Domizil aufgeschlagen. Wüste, für uns er seinen Fuß auf den Staub unserer Erde gesetzt ein Wort für Ude und Trostlosigkeit, dieses Wort hat, seine Hand einen Menschen berührt, sein Blick jedoch ließ das Herz in jedem israelitisch gesinnten eine Seele durchdrungen hat, zieht sich wie ein Juden höher schlagen, denn die Wüstenzeit war Weg von Dork zu Dork, von Markt zu Markt, von Israels große Zeit gewesen. Die Zeit, in der Gottes Stadt zu Stadt eine Spur, die unverkennbar davon Hand sein Volk unmittelbar führte, Gott mitten kündet, wie das Leben im Reiche Gottes sein wird. unter seinem Volke war. „Die Blinden sehen, die Lahmen gehen, die Aus- Und nun? Nirgends müssen die Herodianer ein- sätzigen werden rein, die Tauben hören, und die greifen und die Massen zurückdrängen, um IHM Doten stehen auf.“ einen Weg zu bahnen. Nirgends wird etwas von Das ist Jesu Antwort, wer will da noch zweikeln, dem geschildert, was Johannes in Gedanken vor- daß sie göttlich ist? schwebte und wovon er gegenüber dem jüdischen Und nun ist es wirklich unser Glaube, dak uns Volk sprach. Was sind schon die paar Kranken- nur noch wenige Tage von der Stunde trennen, da heilungen da und dort in diesen kleinen, abger nicht ein Mensch, auch nicht ein Großer unserer legenen galiläischen Dörfern? Sie sind nichts gegen Welt geboren wurde, sondern Gottes Sohn! ; das, was man von dem Kommen des Erwarteten Jesus überschreitet die Grenze des Glaubens nicht, erhoffte. Rein gar nichts gegen das, was man nun er zerreißt nicht mit einem klaren Ja das Geheimnis endlich einmal sehen wollte. Das alles war doch seiner göttlichen Herkunft, die Krippe bleibt das nicht gewiß und wert genug, daß man dafür ins unbegreifliche Zeichen Gottes in der Tiefe, das Gefängnis wanderte, qualvolle Schmerzen der Un- Zeichen der Diesseitigkeit der göttlichen Offen- gewißheit litt, später völlig unerwartet um des barung in Christus. Tanzes einer Fürstentcechter willen den Kopk „Und diese Schätzung war die allererste und ge- auf den Block legen mußte – und da soll der schah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Mensch nicht zweifeln! Mehr als nur Gefängnis- Syrien war. Und jedermann ging, daß er sich mauern haben sich zwischen Jesus und Johannes schätzen ließe .. (Lukas 2,2) gedrängt, er erwartet gar nicht, daß Jesus die Ge- Böhme, VP. 2I88
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