Full text: Lübeckische Blätter. 1960 (120)

die Gänge hat sich ein letzter Rest traditionellen Volkslebens geflüchtet. Diese Willkür und Regellosigkeit innerhalb der doch sonst so klaren Linienführung der Altstadt findet ihre Ursache vor allem in dem starren Wehr- gürtel aus Mauern und Wällen, der bei einer ständig wachsenden Bevölkerung zu einer intensiveren (und gewinnbringenden!) Ausnutzung der verhältnis- mäßig weitläufigen Grundstücke zwang. Von hier bis zu einer gerissenen Bodenspekulation war dann der Weg nicht mehr weit. Eine Anzahl der Gänge ~ gelegentlich wohl auch als Wohnstätte für das eigene Hauspersonal gedacht – geht bis in das Mittelalter zurück, die meisten jedoch sind in nach- reformatorischer Zeit angelegt worden. . Der Stadtplan von Behrens aus dem Jahr 1824 verzeichnet 180 Gänge, 1936 waren es noch 120, und ihre Zahl ist bis heute ständig gesunken. Mag man das Verschwinden der für Lübeck so charakteristi- schen Wohngänge vom Standpunkt des romantik- suchenden Reisenden aus auch bedauern, so ist doch nicht zu leugnen, daß die meisten der licht- und luft- armen „Buden“ selbst primitiven Ansprüchen an Hygiene und Wohnlichkeit keineswegs mehr ge- nügen. Diele in der Dr.-Julius-Leber-Straße Nr. 32 des Schüttings – hier frei von allen Einbauten + vereinigte die Mitglieder sowohl zu dem regel- mäßigen Kneipverkehr an den Sonntagabenden wie auch zu den zahlreichen größeren Schenkveranstal- tungen, etwa der „Fastelabend“-Schenke u. a. Die einzige erhaltene derartige Diele ~ in der Schiffer- gesellschaft – gibt einen vorzüglichen Eindruck von der Inneneinrichtung. Wie beim Kaufmannshause befand sich auch hier im rückwärtigen Flügelanbau der überaus prächtig ausgestattete Festsaal, das „Große Gemach“, von dem uns ebenfalls ein sehens- wertes Beispiel aus dem beginnenden 17. Jahr- hundert, der jetzige Sitzungssaal der Handels- kammer, überliefert worden ist. Auch die zu „Amtern“ zusammengeschlossenen Handwerker be- saßen ihre Versammlungshäuser, die sich von den Kompanieschüttingen lediglich durch eine beschei- denere Ausstattung unterschieden. Hinter den imposanten Reihen der Straßenhäuser aber verbirgt sich „das Lübeck des kleinen Mannes“, das schier unübersehbare Gewirr der Wohngänge. Ein Durchgang, oft so schmal, daß zwei einander Begegnende sich nicht auszuweichen vermögen, und manchmal so niedrig, daß selbst Leute von mittlerer Länge den Kopf einziehen müssen, führt durch das Vorderhaus in eine enge Sackgasse mit winzigen „Buden“. Die Beschränktheit des Raumes + ge- wöhnlich winkelt ein Flur mit Kochstelle sich um einen Wohnkasten aus ein bis zwei Zimmern - be- dingt, daß auch der Platz vor dem Häuschen in den Renaissance-Giebel in der unteren Mengstraße Wohn- und Arbeitsbereich mit einbezogen wird: in Photos: W. Castelli I)
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