Full text: Lübeckische Blätter. 1960 (120)

Sternheims „Bürger Schippel‘ gezeigt werden. an, die wir wohl als eine der stärksten Aufführun- Wenn uns das erste auch aus zwei guten Gast- gen der letzten Spielzeit bezeichnen dürken. spielen in Erinnerung ist, kann man doch dieser Das Schauspiel des Engländers Fry stellt vor dem prachtvollen Frauengestalt gar nicht oft genug ber Hüntergrund der Napoleonischen Kriege das Pro- gegnen. Vor ihr hat sich offenbar selbst Shaw. der blem des Menschen zwischen den Fronten dar. Die sonst so großer Spötter. in Verehrung gebeugt. sehr liebenswerte Frauengestalt im Mittelpunkt war Sternheims Satiren allerdings entbehren jedes ver- eine der letzten Rollen der großen Käthe Dorsch. söhnlichen Zuges, decken in schonungsloser Schärfe Um den mutigen Vorstoß in die allerletzte menschliche Schwächen auf. bestechen aber durch Mloderne trotz aller Proteste nicht aufzugeben. wird ihre Treffsicherheit. ein weiterer, an vielen Bühnen mit Erfolg ge- Den Übergang zur Moderne schlägt Brechts spielter Jonesco, „Die Nashörner“, zur Diskussion „Mutter Courage“, in seiner Anklage gegen den gestellt. Erzieher und Eltern, die das. was die Krieg von leider nie erlahmender Aktualität. Es ist Jugend interessiert, besprechen möchten, werden kür das „Große Haus“ vorgesehen, wozu es sich in jede Möglichkeit dankbar begrüßen, solche Werke der holzschnittartigen Strenge seiner Bilder durch- auf anschauliche Art kennenzulernen. Unser Thea- aus eignet, wie auch das Ida Ehre-Gastspiel vor terring jedoch hat bei der Vielfalt des Angebotenen Jahren bewies. Für die tragende Zentralgestalt ist durchaus die Möglichkeit, den Wünschen der mei- eine neue Künstlerin verpflichtet worden. sten (wenn auch nicht aller) Mitglieder in diesem An weiteren zeitgenössischen Werken sind John Punkte gerecht zu werden. Und als übermütiger Steinbecks „Von Menschen und Mäusen“, Chri- Abschluß dieser Aufzählung ist Cole Porters „Kiss stopher Frys „Das Dunkel ist licht genug“ und me Kate“ zu erwähnen, ein Beispiel des modernen Sartres „Der Gefangene von Altona“ geplant. Das Mlusicals, nach Shakespeares „Der Widerspenstigen Stück des Amerikaners Steinbeck ist nicht nur Zähmung“ gestaltet. Es erfreut sich im In- und wegen seines erschütternden menschlichen Gehaltes Ausland einer nicht geringeren Beliebtheit als die gewählt worden, sondern auch darum, weil das berühmte „Fair Lady“ und wird dem Spielplan in Ensemble eine ideale Besetzung für die beiden geschmackvoller Form die erhoffte heitere Note Hauptgestalten bereithält. Sartres Werk schließt geben. sich thematisch eng an die „Schmutzigen Hände“ Lore Schelhorn Großmutters Stadtgarten Es ist viel über Lübecks Schönheiten und seine Stil umgebaute Fassade an. – Hier oben vor der Eigenart geschrieben worden, aber noch niemand ist, Haustür auf der Terrasse saß einst unser guter soviel ich weiß, darauf gekommen, etwas von den Großvater, der alte Lübecker Arzt, den wir Kinder idyllischen, mauerumgebenen Gärten innerhalb un- leider nur bis 1892 erleben durften, so gerne des serer Altstadt zu erzählen. Sie sind ja auch zum Abends und beschaute sich das damals, ach, noch so größten Teil der neuen Zeit und ihrer Planung oder friedliche Leben der Breiten Straße. Im Lübecker dem Bombenangriff zum Opker gefallen. Nur ein- Volksjargon nannte man das: „auf Bänk vor Tür zelne Gartengrundstücke in der Stadt, wie die Gärten sitzen.“ der Gemeinnützigen, des Behnhauses, des Schabbel- Nun sind wir im Hause selber und durchschreiten hauses, werden für die Uffentlichkeit erhalten und den langgestreckten Flur. Er bekommt Ausdruck und gepflegt. ~ Mir aber wird jedesmal warm ums Charakter durch eine große Wiedergabe des schönen Herz, wenn ich in einer Nebenstraße irgendwelche Heolzschnittes an der Wand, der unsere vieltürmige Reste solcher Stadtgärten entdecke; wenn durch das Vaterstadt im 16. Jahrhundert darstellt. Darunter Glas hoher Dielenfenster freundliches Grün auf die Geibelschen Verse zu ihrem Preise: einem kleinen verbauten Hof leuchtet. wo neben „Wie steigst, oh Lübeck, du herauf efeuumrankter Mauer ein knorriger alter Apfel- in alter Pracht vor meinen Sinnen“ ... baum oder einige Fliederbüsche Frühling und Farben Auch das nur im Sommer bewohnte Gartenzimmer zwischen graues Mauerwerk zaubern. im hinteren Teil des Vorplatzes, in das wir jetzt Dann denke ich an Großmamas Stadtgarten in treten, hat sein besonderes Gesicht wie alle Räume der Breiten Straße Nr. 7 nahe der St. Jakobikirche. ,„drüben“. So nannten wir vom Standpunkt unseres Die hier recht breite Straße bot für dieses Haus gegenüberliegenden Hauses aus Großmamas Haus. und die Nachbargrundstücke sogar Raum für ein Nicht nur, daß besonntes Grün durch die Scheiben grünes Vorgärtchen. der Gartentür leuchtet: von Onkel Hans, dem „Klapp-päng“ singt mit ihren zwei Tönen die italienbegeisterten Architekten, sind die Wände gußeiserne Gartenpforte, und wir durchschreiten dieses Gartenzimmers farbig und freundlich mit dieses Vorgärtchen, zu beiden Seiten Rasenflächen pompejanischen Motiven ausgemalt. Hier fanden im mit Lebensbäumen, unter denen wir im Frühjahr Sommer die sonntäglichen Familienmittagessen statt. sogar Veilchen pflückten. Steinerne Treppenstuken In meiner Erinnerung duftet es in diesem Garten- führen zu ciner kleinen Terrasse vor der Haustür. zimmer immer nach roter Grütze, die es so oft zum Vornehm der Straße entrückt, aber etwas nüchtern Nachtisch oder abends in zierlichen goldgerän- schaut uns die graue, schlichte, im klassizistischen derten Tellern gab. ] 4.4
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.