Full text: Lübeckische Blätter. 1959 (119)

Januar 1850 — Das Ende der »Neuen Lübeckischen Blätter« (Auch ein Jubiläum,) Im Jahre 1835 hatten die „Neuen Lübeckischen allzu liberalen Reformen auf dem Gebiet von Han- Blätter“ zu erscheinen begonnen; sie nannten sich del, Handwerk und Gewerbe ergeben könnten (Ein- „Neue“, weil es wenige Jahre vorher schon einmal führung von Freihandelsgrundsätzen, Aufhebung Lübeckische Blätter gegeben hatte, die es aber nur der alten zunftmäßigen Bindungen usw.); teilweise auf zwei Jahrgänge gebracht hatten (1828/29). Dak waren sie auch politisch bedingt und zwar wohl die Neuen Lübeckischen Blätter ein besseres Schicke ebensosehr durch die Furcht vor radikalen Aus- sal als alle ihre Vorgängerinnen im lübeckischen artungen der liberalen Bewegung, wie man sie Zeitschriftenwesen erlebten, verdankten sie dem soeben in Frankreich und in Südwestdeutschland er- Umstand, daß der Verleger (die v. Rohden'sche lebt hatte, wie durch das Unbehagen gegenüber den Buchhandlung) sich von Anfang an die Unter- gesamtdeutschen nationalen Bestrebungen. Sowohl stützung der Gesellschaft zur Beförderung gemein- in der Bürgerschaft als auch in der Gemeinnützigen nütziger Tätigkeit gesichert hatte. Diese Unter- selbst geriet unter diesen Umständen die Partei der stützung bestand zunächst in einer jährlichen finan- entschiedenen liberalen Reformer allmählich nahezu ziellen Beihilfe (300 Markl), ferner darin, daß die in die Minderheit, verhielt sich jedenfalls vor- Gesellschaft ihre Nachrichten und Mitteilungen in sichtig und zurückhaltend. Da die Neuen Lübecki- den Blättern veröffentlichte, schließlich und vor schen Blätter keineswegs ein offizielles Organ der allem aber in der Tatsache, daß sich der Mit- Gesellschaft waren, brauchten s i e mit dieser kon- arbeiterkreis der Zeitschrift im wesentlichen aus servativen Richtung der Allgemeinheit nicht un- führenden Mitgliedern der Gesellschaft zuuaammen- bedingt mitzugehen und taten es auch nicht. Gerade setzte, so daß sich deren weitgedehntes Interessen- hier hatte sich anfangs der fünfziger Jahre ein und Aufgabengebiet im Inhalt der Blätter getreu- Generationswechsel vollzogen. Die einstigen Träger lich widerspiegelte. Insbesondere galt das – neben der Jung-Lübeck-Bewegung waren teils inzwischen den sozialen und kulturellen Fragen – damals von in Amt und Würden getreten (Curtius, Behn, dem Hauptproblem der Zeit: dem Bedürfnis nach v. d. Hude), teils hatten sich ihre Jugendideale ge- einer umfassenden Reform der lübeckischen Verkasn wandelt oder waren von Enttäuschung oder Ver- sung und Verwaltungsorganisation, die seit 1669 bitterung überdeckt worden (so bei Ernst Deecke im wesentlichen unverändert geblieben waren. Es und Gustav Evers). An ihre Stelle waren einige ist bekannt und braucht hier nicht weiter ausger ganz junge Männer getreten, vorweg als Schrift- führt zu werden, daß die Lübeckischen Blätter und leiter der Blätter Ernst Deeckes Sohn, der erst die Gemeinnützige Gesellschaft an diesen Reform- 27 jährige W ilh elm D eecke ; ihn unterstützte bestrebunge entscheidenden Anteil hatten. Die Füh- sein Schulfreund A d o Ip h Holm, nur ein Jahr rer von „Jung-Lübeck“, vor allem Theodor Curtius, älter und gleich Deecke Lehrer erst an der Ernesti- Ernst Deecke, der alte Burschenschaftler Carl nenschule, dann am Katharineum. Holm war auch, Heinrich Dettmer, Gustav Evers, Theodor Behn zusammen mit dem etwa gleichaltrigen Dr. Adolph u. a., fanden in den Blättern ihr Betätigungsfeld Mach, eines der jüngsten Mitglieder in der Vor- und ihr politisches Sprachrohr. Die Jahre 1848/51 steherschaft der Gemeinnützigen, in der aber sonst brachten die gesetzlichen Grundlagen für die not- die ältere Generation den Ton angab (Pastor Karl wendige Neuordnung. Aber die Vollendung der Klug, Oberappellationsrat Oppenheimer, Konsul Reforrzen und die Durchführung zahlreicher Einzel. Theodor Lange, Senator August Siemkßen u. a.). heiten – wie vor allem der endgültigen Trennung Die Spannungen, die zwischen den reformfreu- von Rechtsprechung und Verwaltung, der Einfüh- digen Neuen Lübeckischen Blättern und den konser- rung der Gewerbefreiheit, der Neuregelung kirchr vativen Tendenzen in Senat, Bürgerschaft und Ge- licher und schulischer Verhältnisse, usw. ~ ließen meinnütziger bereits seit Jahren erkennbar waren, auf sich warten. Der Schwung der Reformzeit war gewannen schließlich in Wilhelm Deeckes Neujahrs- bald wieder erlahmt. Wie überall in Deutschland, artikel in Nummer 1 des Jahrganges 1859 ihren so hatten auch in Lübeck die alten Kräfte des Ber scharfen Ausdruck. Der Artikel ging von den trau- harrens nach dem Scheitern der revolutionären Be- rigen politischen Verhältnissen in Deutschland aus, wegungen des Jahres 48 und des Frankfurter sparte aber im gleichen Atemzuge auch nicht mit Reichstraumes wieder die Oberhand gewonnen. Das Vorwürfen gegen Lübecker Verhältnisse und die galt keineswegs nur, und nicht einmal in erster dafür Verantwortlichen. Es ist da die Rede von Linie, von der Regierung, also vom Senat, dem ja „einer dumpten politischen Gleichgültigkeit . . .. die, jetzt alte „Reformer“, wie Curtius, Hermann v. d. vor jeglicher Ausübung der bürgerlichen Rechte Hude, bald auch Th. Behn als Mitglieder ange- zurückschreckend, feige alles über sich ergehen und hörten. mindestens ebenso gewichtig waren die in stummer Ergebung die büreaukratische Zwangs- reaktionären Tendenzen in weiten Kreisen der Ber jacke sich wieder überwerfen ließ.“ Es wird von völkerung selbst. Teilweise erwuchsen sie aus der ,,selbstsüchtiger Angst“ in der lübeckischen Wirt- Angst vor den wirtschaftlichen Folgen, die sich aus schaftsgesetzgebung gesprochen. von „allgemeiner
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