Full text: Lübeckische Blätter. 1958 (118)

Entwicklung würde aufgehalten, vielleicht sogar ber- Schwierigkeiten, den Amtsschimmel sicher über die endet sein. hohen Hürden der Ressortzuständigkeiten und des Nach einem halben Jahrtausend gleichbleibender Amtsehrgeizes springen zu lassen. Friedrichs Buch Stadtgröße, wobei der Bürger die Pflicht hatte, über die Grundwasserverhältnisse der Stadt Lübeck innerhalb der Stadtmauern zu wohnen, brachte das und ihrer Umgebung erschien 1917 nach dem Tode vorige Jahrhundert mit der Industrialisierung und des Verfassers. Sein Werk ist bis heute nicht über- der zurückgehenden Sterblichkeit wie in ganz Europa holt, was u. a. auch daraus hervorgeht, daß es bei so auch in Lübeck eine schnelle Bevölkerungszur der Bearbeitung der hydrogeologischen Übersichts- nahme. Im Juli 1867, vor nunmehr beinahe 100 karte des Bundeswirtschaftsministeriums 1954 für Jahren, wurde das heutige Wasserwerk eingerichtet, unser Gebiet als Grundlage gedient hat. Es sei mir aus dem seither die Stadt filtriertes Wakenitzwasser in diesem Zusammenhang ein wörtliches Zitat erhält. Die Typhus- und Cholerawellen des 19. Jahr- Eriedrichs gestattet: hunderts zusammen mit der aufblühenden Natur- „Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte haben wissenschaft ließen den inneren Zusammenhang uns mit der Tatsache überrascht, daß das artesische zwischen Krankheit und verseuchtem Trinkwasser Grundwasser den wertvollsten Schatz unseres Bodens in das Bewußtsein der Bürger dringen und führten bildet. Unsere Kenntnis von dem Tiefenwasser ist allerorten, meist in der zweiten Hälfte des vorigen weit über seine ersten Anfänge hinaus fortgeschrit- Jahrhunderts, zu den ersten großen Erfolgen einer ten. Wir wissen, daß das gesamte Druckwasser eines neuen Städtehygiene, deren uralte Überlieferungen weiten Hinterlandes auf Lübeck zufließt, wir wissen, in den Jahrhunderten nach der Völkerwanderung daß wir diesen unterirdischen Strömungen beträcht- in Europa verlorengegangen waren. Erinnern wir liche Mengen Wasser entnehmen können, zugleich uns doch daran, was nur 150 Jahre früher, um die aber steht es jetzt schon außer allem Zweifel, daß Wende des 17. und 18. Jahrhunderts, für Verhält- neben den großen Ansprüchen der Industrie eine nisse in den europäischen Städten herrschten. zentrale Versorgung der Stadt ausschließlich mit Noch der Große Kurfürst mußte bei seinen Mühen Grundwasser ausgeschlossen ist. Lübeck wird das um die Sauberkeit der Berliner Straßen schließlich Oberflächenwasser des Ratzeburger Sees und der resignieren. Erst sein Enkel, Friedrich Wilhelm IL. Wakenitz niemals entbehren können.“ hatte Erfolg, als er von seinen Soldaten den aus Friedrichs Voraussage hat sich in allen Punkten den Fenstern auf die Straße geworfenen Unrat als richtig erwiesen. Nachdem dies nach Abschluß durch eben dieselben Fenster wieder zurückschaufeln der letzten Versuchsbohrungen an den Ufern des ließ. Ratzeburger Sees vor kurzem zweifelsfrei und end- 1877 stellte im Auftrage unseres städtischen Ger gültig feststand, haben unsere Stadtwerke sofort sundheitsamtes der Gerichtschemiker Schorer fest, gehandelt und sind an die energische Modernisie- daß die meisten städtischen Brunnen ein verun- rung der alten Wasserkunst an der Wakenitz als reinigtes, gesundheitgefährdendes Wasser führten. Versorgungswerk mit Oberflächenwasser herange- was bei der unmittelbaren Nachbarschaft dieser gangen. Brunnen mit Tausenden von Kloaken und ihrem Die bisher betriebene Aufbereitungsweise des schlechten baulichen Zustand weiter kein Wunder MWakenitzwassers – Schnellfilter, Langsamfilter, war. Diese Brunnen wurden daraufhin geschlossen. Chlorierung + kann heute nicht mehr befriedigen. Da die Versorgung mit Oberflächenwasser ihre er- Ja, sie ist wegen des Wachstums der Stadt, der heblichen allgemein bekannten Nachteile hat, von Alterung der Anlagen und der im Lauf der Jahre denen noch zu sprechen sein wird, so bemühte man cben doch nicht vermeidbaren langsamen Verschlech- sich von Beginn der neunziger Jahre an, eine zen- terung der Qualität des Wakenitzwassers allmählich trale Grundwasserversorgung einzurichten. Es würde nicht unbedenklich geworden. Jeder von uns konnte zu weit führen, wollte man alle die mühsamen und in den letzten Jahren feststellen, in welch ab- oft sehr kostspieligen Untersuchungen aufzählen, wechslungsreichen Farbtönen sich je nach Jahreszeit mit denen die Stadt von 1892 bis 1956 - 6 4 Jahr € und Witterung das Badewasser präsentiert. Solche I ang ! - versucht hat, für die zentrale Trinkwasser- Färbungen sind ein ziemlich einfaches und sicheres Versorgung Grundwasser in ausreichender Menge, Kriterium für die Leistungsfähigkeit der Aufberei- Güte und unter wirtschaftlich tragbaren Bedingun- tungsanlagen. Bei hohen Verschmutzungsgraden der gen zu finden. Wakenitz (Eisaufbruch im Frühjahr, starke Nieder- Den Reigen bei der Suche nach Grundwasser er- schläge, Kälteeinbruch im Herbst usw.) ist man natür- öffnete 18914 im Auftrage der Bürgerschaft der lich gezwungen, in größeren Dosen als üblich zu chlo- Wassertechniker Smreker. Zu diesem Zweck wurde ren. Für den Eingeweihten ist solches Geschehen eine besondere Kommission ins Leben gerufen. Es nicht weiter verwunderlich, manchmal von einem ist des Erwähnens wert, daß der einzige Bürger, gewissen Gesichtspunkt aus sogar nicht ganz unwill- der in jener Zeit über die Grundwasserverhältnisse kommen, da durch derartige, unmittelbar in pri- in Lübeck so genau Bescheid wußte, wie es unter vateste Sphären wirkende Ereignisse der Blick der den gegebenen Verhältnissen damals möglich war, Stadtväter auf diese so sehr aktuellen Probleme der erfahrene Lübecker Geologe Prof. Friedrich, zz gelenkt wird. Daß solche Verhältnisse Gefahren in den Arbeiten der Kommission nicht herangezogen sich bergen, wird wohl niemand ernstlich leugnen worden ist. Auch damals hatte es anscheinend seine wollen. Keine moderne Großstadt. die Flußwasser 250
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