Full text: Lübeckische Blätter. 1958 (118)

Gulformenbestandes einer Zinngießerwerkstatt Ocker und Bolus, mit denen man sie zum Guß handelte. Die rd. 1800 Bruchstücke wurden dar- präpariert hat. Da die Bruchstücke bei der Auf- aufhin nach Sachgruppen geordnet und konnten findung einen zusammenhängenden Klumpen bil- zu 587 teilweise, in einzelnen Fällen ganz erhaltenen deten, müssen sie alle auf einmal in den Schacht Gips- und Sandsteinformen wieder zusammen- gelangt sein, und zwar nach 1735. Wahrscheinlich gesetzt werden; insgesamt liegen jetzt 542 Gips- ist die Werkstatt kurz nach 1735 mit dem Tode der und 45 Sandsteinformen vor. Diese Formen waren Anna Brüning geb. Pining eingegangen. Alle noch kür den Guß folgender Gegenstände bestimmt: brauchbaren Formen und das Werkzeug werden Gipsformen für Gebrauchsgerät : Eß- und verkauft worden sein, die zerbrechlichen, schnell Vorlegelöffel, gerippte, mehrseitig abgeflachte und abgenutzten Gipsformen und beschädigte oder aus glattwandige Kannen und Flaschen, konische anderen Gründen nicht verwendbare Sandstein- Becher, Becher mit eingezogenem Fuß, reich pro- formen hat man einfach in den Abraumschacht kilierte Standleuchter, Puppenleuchter, passige geschüttet. Terrinen, Wandbrunnen, Wasserbecken, recht- Wie weitgehend das Bild der Werkstatt Jürgen eckige Schüsseln, Schalengriffe, Träger für Holz- Brünings + und nicht nur dieser ~ durch den vor- griffe, Röhren für Brunnenleitungen und andere vorliegenden Fund seine Ergänzung findet, wird Einzelteile. nicht nur durch den Gewinn neuer biographischer Gipsformen für Sargschmueck : Kruzifixeund Daten, sondern vor allem durch einen Vergleich Kreuze verschiedener Größen, Reliefs mit Darstel- mit den bisher bekannten Arbeiten Brünings deut- lungen von Totenköpfen, z. T. mit Sanduhr und lich. Es sind dies nach Warncke (Die Zinngießer zu Flügeln, Wappen, Cherubim, Rosetten, Posaunen- Lübeck) lediglich eine Schüssel, ein Kirchenstand- engel, Allegorien des Glaubens und der Uoffknung, leuchter und zwei Deckelhumpen. Erst, die aus- Engel und Putten in Ranken, Szenen aus dem Neuen gegrabenen Reste der Werkstatt bieten einen unge- Testament, Ölberg, Auferstehung, Grablegung u. a.. fähren Überblick über die Variationsbreite von Rankenfriese und Kronen. Jürgen Brünings Schaffen. Über eine nur lokale Sandsteinformen :: Große Schüsseln, Kum- Bedeutung hebt sich der Fund durch zwei Tat- men, Teller, Leuchterfüße und verschiedene Einzel- sachen heraus: teils Üuruuter Schöpflöffelstiele. . l. Der Lübecker Fund ist der erste umfangreiche jas rundstück Sandstraße 12 war von 1675 bis Fund von Gipsformen einer Zinngießerei. Er h 1735 sushsiuguäer im Besitz der drei Zinn- zeigt, wie vielfältig diese Formen neben denen gie sttzoizter Jochim Abels, Johann J ürgen Nor- aus anderen Materialien noch im 18. Jahrhun- s_vre: und Jürgen Brüning. Abels war mit Ulisa- dert verwendet worden sind, und liefert damit k: ts ÜÜtemann, verheiratet. Sie überlebte ihn, eine Ergänzung zur zeitgenössischen technologi- ers Ji Q enbrok und, als dieser ebenfalls schen Literatur, wie sie in den Werken von , Jürgen Brüning. Verschiedene der im Ab- Salmon, Halle, Sprengel u. a. vorliegt. raumschacht des Grundstücks gefundenen Gips- f . ö ; kormen weisen auf den Rückseiten das Monogramm 2-. Us war bisher — von einer Ausnahme (Wien) ab- JB mit beigefügten Jahreszahlen von 1704 bis 1735 gesehen — nicht möglich, die Meister des Zinn- auf. Vs besteht demnach kein Zweifel. daß die sargschmucks an den zahlreich erhaltenen Sär- Gulkormenreste aus dem Besitz Jürgen Brünings gen der Adelsgrüfte des 17. und 18. Jahrhunderts des letzten Inhabers der Werkstatt, stammen. .. zu bestimmen. Durch die Sargschmuckformen Jürgen Brüning ging nach dem Node Elisabeth aus der Werkstatt in der Sandstraße zu Lübeck der Witwe zweier Zinngießermeister, eine zweite R ; ist für Norddeutschland zum ersten Male einer mit Anna, der achtundzwanzigjährigen Tochter Ute der Meister greifbar geworden. Perth: Uinrich Pining, ein. Mit ihr hatte er Wahrscheinlich sind Gipsformen bereits im Mit- r f: dis aber beide nicht als Meister erwähnt telalter zur Herstellung plastischer Gebilde, vor res en. Jürgen Brüning 1st zu Beginn des Jahres allem der Henkelreliefs mit Ranken und Drachen, ijsh Erstorbéu. Anna Brüning übernahm den Be- an den sog. Hansekannen benutzt worden. Eine s! uncl cugte das „W“ (Witwe) in die Meister- wichtige Rolle dürften sie bei der Anfertigung des are uu. ein. Auf den Rückseiten ,Edelzinns“ im 16. Jahrhundert gespielt haben. Im Pr ausgegrabener Gipsformen ergänzte sie das I8. Jahrhundert scheinen sie in Frankreich nicht Ö esitzermonogramm durch den Anfangsbuchstaben mehr verwendet worden zu sein. Dort bediente man ihres Vornamens. Eine Löffelform mit dem Datum sich, wie wir den Angaben bei Salmon und Demiani des 10. Mai 1735 zeigt nicht mehr das Monogramm entnehmen, vor allem der kupfernen Vormen. An IB, sondern JA (in Ligatur) B. Die Witwe Anna deren Stelle werden in der deutschen technologi- Brüning geborene Pining muß bald darauf gestor- schen Literatur die Messingformen erwähnt. Es ben sein, denn sie wird in den von 1750 ab vollstän- finden sich in den Werken von Sprengel und Halle dig erhaltenen Sterbebüchern nicht mehr erwähnt. auch kurze Ausführungen über die Verwendung von Wahrscheinlich hängt unser Gußformenfund Gipsformen und ausführliche Erläuterungen über ursächlich mit Anna Brünings Tode zusammen. Die deren Herstellung und Handhabung. Rs scheint Gußformen sind wirklich zum Gul benutzt worden. aber so, als ob die Gipsformen nicht in allen deut- Das beweisen die vielfach erkennbaren Spuren von schen Landschaften in gleicher Weise häufig be- J9
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.