Full text: Lübeckische Blätter. 1957 (117)

zeigen und damit die Illusion dieses dürftigen Flitters ohne Kerl ist. Olly Saggau mußte sich mit der recht stiefmütterlich Erbarmen zu zerstören. bedachten Rolle der Mutter, Stief. und Schwiegermutter ~ ja, In dieser Welt nun spielt sich eine Komödie ab. Madame es ist gar nicht so einfach! - abfinden, und Hertha Sachs zeich- Alexandras ältester Sohn Julien verläßt seine junge Colombe, nete, wirklich schön gekleidet. die dankbar zu gebende Frau Pe die unschuldsvolle Taube, um in strenger Pflichterfüllung sein Bollmann. Vera! Jahr abzudienen, da es ihm verächtlich erscheint, irgend- Alle taten ihr Bestes, der Beifall war stark, und es gab viele Räur welehe nicht ganz ehrenhaften Mittel anzuwenden, um sich Blumen. Hotfentlich gelingt es der Niederdeutschen Bühne, Grap von seiner vaterländischen Pflicht zu drücken. Julien geht für den nötigen Nachwuchs zu sorgen, dessen sie für die jugend- Haer in allem gerade durch, schroff, ohne die geringste Konzession. lichen Rollen denn doch bedart. Be Überzeugung und Handeln sind bei ihm eins. Nicht ohne G . Y Grund heißt er einmal „der Hugenott‘’. Er hat wirklich etwas Ein Laienspielabend der Otto-Anthes-Sehule 2 von dem fanatischen Glaubenseifer seiner kalvinistischen Am 8. Februar zeigte die Otto-Anthes-Schule auf der Aula- Ahnen. Dabei ist er nicht ohne menschliche Schwächen. bühne der Oberschule zum Dom drei Klassenspiele. Im Gegen- Sicherlich verbietet ihm seine Religion, die eigene Mutter zu satz zu dem vor Jahresfrist aufgeführten orientalischen Mär- verachten, aber es wäre ein übermenschliches Ansinnen, sollte bthenspiel aus 1001 Nacht, das ausgefeilte Einzelleistungen im La er diesem charakterlichen Wrack noch eine Spur von Achtung Gesamtspiel enthielt, sollten diesmal vor allem die Gemein- Rath entgegenbringen. Auch ist Julien heftig, ein Polterer, unbe-: schaftsleisbung der Klasse und ihre schulischen Möglichkeiten baup herrscht in den Ausbrüchen seines Temperaments. herausgestellt werden. 2400 Der jüngere Bruder Armand dagegen plätschert munter in Von den drei Spielen, die auf dem Programm standen, waren des I den trüben Fluten, ein eleganter junger Herr, Weiberheld und die beiden ersten reine Bewegungsspiele, die sich für Klassen- dies Nichtsnutz. Dazu kommen ein satyrhaft wirkender Theater. spiele besonders eignen. Die Gestaltung des Liedes von den schni direktor, ein verbrauchter Schauspieler, ein dürftiger, heim. ,, Sieben Schwaben‘ durch eine 4. Grundschulklasse wurde La bückischer Sekretär, ein maßlos eitler und eingebildeter unterstützt durch ein kleines Orchester von Blocktflöten- und mest; Diehter. Friseur und Manikür fügen sich gut in dieses trübe KXylophonspielern. Sind die Streiche der sieben Schwaben an politi Ensemble ein. sich schon eine lustige Sache, so war es hier vor allem eine In dieser Welt bleibt Juliens junge Frau Colombe zu- Yreude zu sehen, wie alles wie am Schnürchen klappte, Musik rück, als ihr Mann die Uniform anzieht. Da gibt es nun eine und Spiel dieser Zehnjährigen. wirklieh entzückende Szene. Armand probt mit Colombe. Auch das Spiel „Die Eule‘’, dargeboten von einer 6. Mittel- De Wir spüren, welehen Reiz die unverdorbene Taube auf den gschulklasse, war lustiger Art. Es verspottet alle Angsthasen, ron . jungen Lüstling ausübt, wie er sich müht, dem Worte treu zu die in einer Eule, deren unheimlicher Ruf immer wieder ertönt, Hälf bleiben, das er seinem Bruder gegeben hat, und wie die Er- dcin Gespenst wittern. Mit wahrem Feuereifer hatten sich die Mari regung, die auf Colombe überspringt, ihr kaum ganz bewußt. Spieler in die Furcht vor der vermeintlichen Gefahr hinein- Di wird. Jedenfalls merkt sie nicht, wie gefährlich diese Erregung gelebt. des für sie ist. Doch dieser zarte, Iyrische Augenblick huscht Den Höhepunkt des Abends bildete aber ein ernstes Spiel einer bald vorüber. Erstaunlich schnell findet Colombe sich in chorischer Art einer 9. Mittelschulklasse nach einer Ballade sich die falsche Welt des Flitters. Nichts ist davon zu spüren, das gjDie Schnitterin“ von Gustav Falke; ein Hoheslied auf die nisch ihr davor ekelt. Lieber schlüpft sie in dieses schmutzige Hemd, Wutterliebe. Die Darstellerin der Mutter sprach zunächst vor ren t als daß sie ihrem Julien die Treue hält. Begründung: Julien geschlossenem Vorhang die Ballade selbst. Ihr ernster, schlich- gepla hat es an äußeren Liebesbeweisen oft fehlen lassen. Er ist. ter Vortrag, voll innerer Spannung, ohne alle Gestik und ohne zwar kein Egoist, aber er ist egozentrisch. Kurz: Kleine Pathos, sehlug die Hörer in ihren Bann allein dureh die Ver- menschliche Schwächen werden ausgespielt gegen die tüchtige lebendigung des Dicehterwortes. Das Spiel, das dann kolgte, Ehrlichkeit eines sicherlich nicht geistig bedeutenden, aber hatte es nicht leicht, vor dieser Vergegenwärtigung zu bestehen. braven Mannes. Aber die beteiligten Einzeldarsteller sowie die Chöre bestanden Nun ist eines sicher: Ceschick handhabt Anouilh auch die ihre Aufgabe. Auf allerknappste Gestik gestellt, ließen sie feinen Mittel der Komödie, aber dann ist ihm ein happy end, wiederum vor allem das Wort selbst wirken. Für den mit den GE: wie es hier durchaus möglich wäre, wenn nur Colombe ein Schwierigkeiten der Einstudierung Vertrauten war es erhebend § wenig mehr Fonds hätte, nicht möglich, und sie biegt die Ent- zu erleben, wie die Spieler der „Regie“ bis in die Einzelheiten wicklung zum zwar nicht tragischen, aber trostlosen Ende. der Gebärden von Kopf und Händen, der sinngebenden Pausen Und damit wird sanktioniert nicht nur die Kümmerlichkeit folgten. Wesentlicher aber war das aus dem Wort heraus ge- dieser Colombe, sondern auch die „Weisheiten“, wie sie die staltete Spiel. andern Herren und Damen, vor allem Madame Alexandra, von Die Wirkung des Spiels ging über die etwa zu erwartende sich gegeben haben. Spannung in der Abfolge der Szenen hinaus und bot ein ganz Sehr viel Können, sehr viel bewußte Kunst steckt in diesem verinnerlichtes Erlebnis, wie es nur einem vollendeten künst- Stück, aber es hinterläßt doch einen faden Geschmack. lerischen Spiel möglich ist. Wenn diese Wirkung auch vor Anr. Die schauspielerischen Leistungen der Mitwirkenden unter allem der Darstellerin der Mutter zu verdanken war, die sich Otto Kurths Regie standen durchweg auf sehr beachtlicher in ganz ungewöhnlicher Weise in die Seele ihrer Figur hinein- Höhe. Vor allem erwähnt sei Eva-Maria Bauer, die vor der gelebt hatte, so wetteiferten die anderen Hauptdarsteller, vor schwierigen Aufgabe stand, aus der ahnungslosen Taube ein allem der Bauer und sein Sohn, mit dem Mädchen in der seeli- Anr recht anrüchiges Persönchen werden zu lassen, und die chen Vertiefung ihrer Rollen. diese Aufgabe mit vorsichtigen Mitteln so geschmackvoll wie Wenn dies hier bis in die Einzelheiten hervorgehoben wird, möglich löste. so geschieht es mit der Absicht, eine allgemeine Bemerkung A L Y über den Sinn und die Aufgabe des Schulspiels anzuknüpken. U: Niederdeutsche Bühne: Keen Utkamen mit’t Inka. Hie hier dargebotenen Leistungen sind zunächst als Klassen- men. Lustspielin drei Akten von Fritz Wempner. leistungen zu bewerten, die nicht etwa auf Kosten anderer Anr Eine Posse nach altem Schrot und Korn hatten sieh die Vächer erzielt werden, sondern in angemessenen Gesamtrah- Niederdeutschen diesmal ausgesucht. Obwohl der junge Mann men vollbracht werden. Wichtiger aber sind diese Spiellei- und das junge Mädchen zunächst versehentlich, dann aber – stungen als erzieheriseches Klement. Die durch das Spiel in den leider, leider! + in gewinnsüchtiger Absicht der Vermieter in Kindern geweckten ethischen Kräfte sind überhaupt nicht in einem Zimmer wohnen müssen, geht alles ehrbar zu. Selbst bei Vergleich zu stellen mit dem sonst erarbeiteten Wissen. Sie strengster Moralität ist niehts dagegen einzuwenden, höchstens lassen sich nicht mit den der Schule und ihrer Verwaltung zu gegen die Vermieter. Aber wenn der alte Rentner Bodendiek KGeboto stehenden Zensuren messen und bewerten. Was in und seine Frau Ida so prächtig gemimt werden wie von Gerd diesen Kindern an Einsichten geweckt oder an Ahnungen an- Bublitz und Martha Fick, dann verzeiht der Zuschauer alles. gesprochen wird, wird sie für ihr ganzes Leben bestimmen und Heinz Nevermann ist der tüchtige junge Mann, der sich ~ das sie im Guten wachhalten und bestärken. Diese hohe Aufgabe ist von vornherein klar + schon durchsetzen wird. Das junge der „musischen“ Erziehung wird meines Erachtens viel zu Mädchen hatte Mimi Hagemann-Bartels übernommen. Sie wenig erkannt und gewertet. Daß durch sie auch die intellek- war, wie es die Rolle verlangt, frisch, spritzig, munter, aber tuellen Kräfte nicht geschmälert, sondern im Gesamtorganis- vielleicht hätte der Spielleiter Eduard Schwabel diese Züge. mus des Kindes sogar mit gefördert werden, scheint mir ein nieht ganz so stark zu betonen brauchen. Erich Wilhelms in weiteres Plus. der köstlichen Rolle des Pantoffelhelden Fide Sprott zu genie- Die Otto-Anthes-Schule mit ihrem Volksschul. und Mittel- Ben, war sicherlich allen Zuschauern eine Freude. Kurt Stebner usoehulzug leistet hier Vorbildliches, und sie verdient jede nur hatte wieder, was ihm so gut liegt, eine pompöse Männergestalt denkliche Förderung, um anregend weiterzuwirken. In den zu verkörpern, den Obst- und Gemüsegroßhändler Helmut Zuschauern dieses Abends, das ist mir von vielen Seiten bestä- Jäger, der aber bei allem machtvollen Auftreten doch ein guter tigt worden, wird das Erlebte unvergeßlich sein. A. B. Enns 1.2
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